Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Globalisierungswirtschaftskreisaufklärung

Lie­be Men­schen, lie­be Gewerk­schaf­ter, lie­be Politiker!

Schreck­lich ist das Kla­ge­ge­tö­se in den Indu­strie­län­dern, das hef­tig zwi­schen Him­mel und Erde erschallt und ver­kün­det: Wert­vol­le Arbeits­plät­ze ver­schwin­den, um in Bil­lig­lohn­län­dern wie­der aufzutauchen.

Ich bin der Mei­nung, so was muss man glo­ba­ler sehen. Zwar ist nicht, wie in einem Lied, »in zwan­zig Jah­ren […] alles vor­bei«, aber sicher­lich sieht dann der glo­ba­li­sier­te Glo­bus ganz anders aus! Wenn sich, dank SPD-CDU-GRÜ­NEN-LIN­KE-CSU-AfD & Pro­duk­ti­ons­mit­tel­be­sit­zern die gesam­te Malo­che in die Bil­lig­lohn­län­der ver­la­gert hat, dann gibt es dort Arbeits­kräf­te­man­gel – und das wird teu­er! Im ehe­mals rei­chen Westen gibt es dann Mil­lio­nen Arbeits­lo­se, die Bevöl­ke­rung kann sich die Bil­lig­lohn­län­der­pro­duk­te nicht lei­sten, und die Haupt­ein­kaufs­stra­ßen­ge­schäf­te ver­kün­den: »Bil­lig zu ver­mie­ten!« Was folgt?

In den heu­te noch armen Län­dern stei­gen plötz­lich die Löh­ne, und es herrscht plötz­lich Arbeits­kräf­te­man­gel, das Brut­to­so­zi­al­pro­dukt wächst, die Bevöl­ke­rungs­kauf­kraft auch, und man kommt den Kun­den­wün­schen nicht mehr nach. Dann geschieht, was gesche­hen muss: Die rei­chen Nicht­mehr­bil­lig­lohn­län­der wer­den im Zuge der Glo­ba­li­sie­rung ihre Pro­duk­ti­on in die ver­arm­ten Über­haupt­nicht­mehr­hoch­in­du­strie­län­der aus­la­gern. Bald wird man dann in den neu­en Höchst­lohn­ne­ben­ko­sten­län­dern dar­über kla­gen, dass Mil­lio­nen fein­ster Arbeits­plät­ze in die Bil­lig­lohn-EU und die Lohn­drücker-USA aus­ge­la­gert wer­den. In den Höchst­lohn­län­dern wird irgend­ein PISA-geschä­dig­ter Schrei­ber­ling schrei­ben: »Lie­be Men­schen, lie­be Gewerk­schaf­ter, lie­be Poli­ti­ker, man muss das glo­ba­ler sehen.« – »In zwan­zig Jah­ren«, stot­tert er auf Zei­tungs­pa­pier, bei Face­book oder sonst wo, »schaut die glo­ba­li­sier­te Erde schon wie­der ganz anders aus.«

Durch wach­sen­de blü­hen­de Pro­duk­ti­ons­land­schaf­ten in Euro­pa und Ame­ri­ka wer­den Arbeits­kräf­te und die dort her­ge­stell­ten Pro­duk­te zu teu­er. Min­dest­lohn­pro­phe­ten stö­ren die Gewinn­ma­xi­mie­rer. Logi­sche Schluss­fol­ge­rung: Es wird im Zuge der Glo­ba­li­sie­rung die Pro­duk­ti­on in die ehe­mals ver­arm­ten, dann berei­cher­ten und wie­der ver­arm­ten ehe­ma­li­gen und zukünf­ti­gen Bil­lig­lohn­län­der ver­la­gert. Dort wird dann, wie bekannt, die Pro­duk­ti­on wie­der teurer …

Lie­be Men­schen, lie­be Gewerk­schaf­ter, lie­be Poli­ti­ker, das nennt man dann Wirt­schafts­kreis­lauf. Er funk­tio­niert rei­bungs­los, wenn sich ein Teil der Welt vom ande­ren aus­beu­ten lässt. Nur die mul­ti­na­tio­na­len Glo­ba­li­sie­rungs­pro­duk­ti­ons­mit­tel­be­sit­zer samt ihrem Glo­ba­li­sie­rungs­ma­nage­ment, die blei­ben ver­schont. Das war eine Glo­ba­li­sie­rungs­wirt­schafts­kreis­auf­klä­rung, damit auch alle wei­ter stillhalten.

Und nun, lie­be Men­schen, lie­be Gewerk­schaf­ter, lie­be Poli­ti­ker, sin­gen wir: »Wir sind alles klei­ne Dep­per­chen, ´s war immer so, ´s war immer so …«