Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu
Close
Skip to content

Hat jemand ein bisschen Geld?

Er zieht das Fazit – aber das Stück ist noch nicht zu Ende. »Es gibt mich nicht mehr. Es gibt kei­nen Iva­nov.« Nun beginnt ein gro­ßes Lamen­to: »Mein Kopf ist leer und über­voll.« Wir stecken mit­ten in die­sem Stück, das sei­nen Namen trägt: »Iva­nov« von Anton Čechov im Ham­bur­ger Schau­spiel­haus. Regie führt die Inten­dan­tin Karin Bei­er. Gleich­zei­tig gab es eine Auf­füh­rung von Tsche­chows »Iwa­now« in Bochum unter Johan Simons, hier spielt Jens Har­zer die Titel­rol­le, in Ham­burg ist es Devid Strie­s­ow. War­um wird die­ses Stück, Čechovs erstes, gera­de jetzt wie­der­ent­deckt? Iva­nov, ein rus­si­scher Intel­lek­tu­el­ler, der mit sei­nen drei­ßig Jah­ren kei­nen Sinn mehr im Leben sieht, gelang­weilt von allem, depres­siv – er ver­steht sich selbst nicht mehr. Sei­ne Tage ver­ge­hen, ohne Spu­ren zu hin­ter­las­sen. Zukunft? Nicht für ihn.

Im Grun­de sind fast alle Mit­wir­ken­den von die­ser Müdig­keit befal­len. Geht es uns heu­te eben­so? Sol­len wir uns in ihnen erken­nen? Auch die Ehe mit Anna Petrov­na (Ange­li­ka Rich­ter) kann Niko­laj Alek­see­vic nicht hel­fen. Die Jüdin Sarah Abram­son trat aus Lie­be zu Iva­nov zum christ­li­chen Glau­ben über, nann­te sich Anna und wur­de von ihren Eltern ent­erbt. Das ver­schul­de­te Land­gut konn­te so nicht geret­tet wer­den. Dazu kam, dass Anna an Schwind­sucht erkrank­te. Kann er sie des­halb nicht mehr lie­ben, wie ihm der Arzt Lvov (Samu­el Weiss) vor­wirft? Anna ver­sucht, die Krank­heit zu igno­rie­ren, bewegt sich in Tanz­schrit­ten, trägt einen bun­ten Mor­gen­man­tel, eine rote Hose. Sie ver­sucht, etwas zu ret­ten. Hei­ra­ten, nur der Mit­gift wegen, die sich Iva­nov, der depres­si­ve Ego­ist – und Jam­mer­lap­pen, erhoffte.

Graf Sabels­kij (Ernst Stötz­ner), sein Onkel, auch ohne Geld, hat nur sei­nen Adels­ti­tel, der für die jun­ge Wit­we Babak­i­na (Lina Beck­mann) nicht ohne Reiz ist. Sie könn­ten sich doch zusam­men­tun: hei­ra­ten – dann hät­te das stän­di­ge Anpum­pen ein Ende. Die jun­ge Guts­be­sit­ze­rin mit dem alten Onkel: War­um nicht? Für Michail Michajl­o­vic Bor­kin (Basti­an Rei­ber), den Guts­ver­wal­ter Iva­novs, ist vie­les mach­bar, auch die­se Ver­kup­pe­lung, er denkt prak­tisch. Nur kei­ner hört auf ihn.

Čechov ver­stand sein Stück als Komö­die. Wie anders kann man die­se Tri­stesse ertra­gen? Der Graf, schon 62, will er wirk­lich die Babak­i­na frei­en? Er spricht von »Saue­rei« – war­um nicht? Sie redet sich schon als Grä­fin an – war­um nicht? Alle wer­fen sich Bos­hei­ten an den Kopf. Iva­nov ertrinkt in Selbst­mit­leid: »Ich bin böse.« Devid Strie­s­ow spielt die Lethar­gie eines Depres­si­ven, der an sich selbst ver­zwei­felt, so rea­li­stisch, dass die­se Müdig­keit aufs Publi­kum über­zu­grei­fen droht. Iva­nov ist bei sei­nem Nach­barn Lebe­dev (Micha­el Wit­ten­born) ver­schul­det. Das Geld ver­wal­tet des­sen Frau Zinai­da (Eva Mat­thes), die kei­ne Gna­de kennt, die 9000 Rubel will, die Iva­nov nicht hat. Das stän­di­ge Bet­teln fast aller um Geld durch­zieht das Stück wie ein roter Faden. Iva­nov arbei­tet nicht mehr und lei­det dar­un­ter. Man möch­te ihn schütteln.

Zu die­ser Geste fühlt sich Saša (Aen­ne Schwarz) gedrängt, die Toch­ter der Nach­barn. Sie ist die Ein­zi­ge, die nicht alles so hin­neh­men will. Ihr zwan­zig­ster Geburts­tag wird gefei­ert, alle kom­men zusam­men, umar­men sich. Begrü­ßung mit den immer glei­chen Stan­dard­flos­keln – komisch. Saša ver­sucht, Iva­nov auf­zu­rüt­teln, reißt die Arme hoch, wälzt sich am Boden, brüllt. Er ist doch erst drei­ßig – er könn­te noch alles ändern. Iva­nov, der es zu Hau­se neben der kran­ken Anna nicht mehr aus­hält, ver­bringt die Aben­de bei den Nach­barn. Saša will ihn ret­ten. Nicht nur er erscheint zu ihrem Geburts­tag. In dem Augen­blick, als Saša sich Iva­nov an den Hals wirft und ihn küsst, erscheint Anna auf dem Fest. Ein Stück braucht Dra­ma­tik, hier ist sie. Iva­nov wischt sich den Mund ab, als kön­ne er damit alles unge­sche­hen machen.

Nach der Pau­se wird Wod­ka gesof­fen, Rezep­te wer­den aus­ge­tauscht: Was passt zu Kavi­ar? Und: »Hat jemand ein biss­chen Geld?« Nicht nur die Fra­ge nach Geld, noch etwas taucht immer wie­der auf, der all­täg­li­che Anti­se­mi­tis­mus, so neben­bei, unbe­wusst viel­leicht. Der Graf Sabiel­ski denkt sich nichts, wenn er Anna beim Abschied die Hand küsst und sie »mei­ne Schö­ne« nennt. Und wenn er dabei Gri­mas­sen schnei­det, scherzt: »Hil­fe, Iber­fall. Las­sen Sie mich leufen.« Lachen. Er hat pas­sen­de Ver­se parat: »Getauf­ter Jude, begna­de­ter Dieb, kurier­tes Pferd – alle nichts wert.« Sašas Mut­ter Zinai­da über Iva­nov, der sein »Juden­mäd­chen« gehei­ra­tet und gedacht habe, Vater und Mut­ter wür­den ihr gol­de­ne Ber­ge mit­ge­ben. Nichts davon. Nun tue es ihm leid. Saša will es nicht glau­ben. Zinai­da: Das wis­sen doch alle.

Für Guts­ver­wal­ter Bor­kin ist Saša die reich­ste jun­ge Frau der gan­zen Gegend. Nur ihre Mut­ter – ein har­ter Besen. Erst wenn sie tot ist, erbt Saša. Iva­nov schreit ihn an »Raus!« Anna erscheint, und ein Streit beginnt, er habe sie belo­gen die gan­ze Zeit. Sie wirft ihm vor, was Zinai­da behaup­te­te: »Haupt­sa­che, die jüdi­sche Misch­po­ke zahlt. So hast du gedacht.« Er schlägt sie, schreit: »Halt den Mund, du Juden­sau!« Er ist bei den Kir­chen­re­li­efs des Mit­tel­al­ters ange­langt. Er kennt kei­ne Gren­zen mehr. Sie habe nur noch ein paar Wochen zu leben – das sage auch ihr gelieb­ter Dok­tor. Die­se Wahr­heit trifft sie mehr als das Schmäh­wort. Iva­nov bereut, will es zurück­neh­men, schluchzt. Musik, trau­ri­ge Töne des Saxo­phons, der stum­me Mit­spie­ler Gav­ri­la (Vlat­ko Kucan) wird hör­bar. Iva­nov hockt am Boden, eine Hal­tung wie zum Gebet, die Hän­de rechts und links am Kopf, neigt er sich vor und zurück. Glaubt er sich so dem Schmerz Sarahs, der Jüdin, anzu­ver­wan­deln? Sie geht lang­sam nach hin­ten ins Schwar­ze durch eine Tür, die rohe Holz­ki­sten sicht­bar macht.

Jemand kommt zu Iva­nov, hebt ihn auf, zieht ihm das alte Hemd aus und ein fri­sches wei­ßes an. Alles neu und sau­ber. Ist es Lebed­jev? Der spricht von Hoch­zeit. Und wie­der – im Auf­trag sei­ner Frau – vom Geld. Ja, Hoch­zeit. Die Gäste sind schon ver­sam­melt mit Luft­bal­lons in den Hän­den. Die Braut Saša in Weiß. Aber: Der Vater ist dage­gen, die Mut­ter auch, und der Bräu­ti­gam weiß nicht, was er will. Einen Moment lang ist das Paar – viel­leicht – glück­lich. Sie tan­zen, Iva­nov trinkt Cham­pa­gner. Der Arzt ist auch auf dem Fest, nennt Iva­nov einen Ver­bre­cher, der sei­ne Frau umge­bracht hat. Plötz­lich hat Iva­nov einen Revol­ver. Ein Duell? Nein. Iva­nov hat eine ande­re Lösung für sich: ein Schuss.