Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Da waren es nur noch 27

Nach­dem Pre­mier­mi­ni­ste­rin The­re­sa May am 29. März 2017 gemäß Arti­kel 50 des Ver­trags von Lis­sa­bon den EU-Aus­tritt offi­zi­ell in Brüs­sel ein­ge­reicht hat­te, lief der eigent­lich auf zwei Jah­re begrenz­te Bre­x­it-Count­down aus dem Ruder. Schließ­lich muss­te May ihr Amt quit­tie­ren und mit anse­hen, wie ihr Nach­fol­ger, der aus­ge­fuch­ste Bre­x­i­teer Boris John­son, die vom Unter­haus immer wie­der blockier­te Tren­nung des – noch – Ver­ei­nig­ten König­reichs von der Euro­päi­schen Uni­on mit­tels Nach­ver­hand­lun­gen und einem gro­ßen Sieg der Con­ser­va­ti­ve Par­ty bei den Neu­wah­len im Dezem­ber 2019 durch­setz­te. Inzwi­schen haben sowohl das Unter- als auch das Ober­haus dem Aus­tritts­ab­kom­men mit der EU mit deut­li­chen Mehr­hei­ten zuge­stimmt, und Köni­gin Eliza­beth II. hat das Rati­fi­zie­rungs­ge­setz gebil­ligt. »Zeit­wei­se schien es so, als wür­den wir die Bre­x­it-Ziel­li­nie nie errei­chen, aber wir haben‘s geschafft«, kom­men­tier­te am 23. Janu­ar 2020 Pre­mier Boris John­son das für ihn erfreu­li­che Gesche­hen und froh­lock­te, nach all dem »Groll und Zwist der ver­gan­ge­nen drei Jah­re« kön­ne nun end­lich das Gestal­ten einer »hei­te­ren, auf­re­gen­den Zukunft« begin­nen. Nach­dem er kurz dar­auf mit EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin von der Ley­en und EU-Rats­prä­si­dent Charles Michel das Abkom­men über den Aus­tritt des Ver­ei­nig­ten König­reichs aus der EU unter­zeich­net hat­te, stimm­ten in den letz­ten Tagen des Janu­ars das groß­spu­rig so genann­te Euro­päi­sche Par­la­ment und der die ver­blei­ben­den EU-Mit­glieds­staa­ten ver­tre­ten­de Rat dem Aus­tritt zu. Der Bre­x­it erfolg­te am 31. Janu­ar in Brüs­sel um 24 Uhr; jen­seits des Kanals – der Green­wich-Meri­di­an gilt ja nach wie vor als Inter­na­tio­na­ler Null­me­ri­di­an – fei­er­ten die Bre­x­i­teers den her­bei­ge­sehn­ten »Wen­de­punkt der bri­ti­schen Geschich­te« (Schatz­kanz­ler Sajid Javid) schon eine Stun­de frü­her. Zwar blie­ben in Lon­don die Glocken von Big Ben auf­grund lau­fen­der Reno­vie­rungs­ar­bei­ten stumm, aber eine auf die Dow­ning Street No. 10 pro­ji­zier­te Rie­sen­uhr zeig­te die letz­ten Stun­den, Minu­ten und schließ­lich Sekun­den der 47-jäh­ri­gen Mit­glied­schaft des König­reichs an, wäh­rend auf dem Par­lia­ment Squa­re die »uni­on flags« flat­ter­ten (die in Brüs­sel bereits nie­der­ge­holt waren). Nicht zu ver­ges­sen: Eine 50-Pence-Bre­x­it-Gedenk­mün­ze mit der bezeich­nen­den Inschrift »Peace, pro­spe­ri­ty and friendship with all nati­ons. 31 Janu­a­ry 2020« wur­de auch prä­sen­tiert und kam zugleich mil­lio­nen­fach in den Handel.

Am 1. Febru­ar exakt 0 Uhr waren es nur noch 27 Mit­glieds­staa­ten in der Euro­päi­schen Uni­on. Zugleich hat­te das Ver­ei­nig­te König­reich gemäß der Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­ho­fes (vom 10.12.2018) kei­ne Mög­lich­keit mehr, sei­ne Absichts­er­klä­rung zum Aus­tritt ein­sei­tig zurück­zu­zie­hen. Die Zei­ten der 73 bri­ti­schen Man­dats­trä­ge­rin­nen und -trä­ger im Par­la­ment der EU sind auch vor­bei; an ihrer Stel­le sit­zen fort­an 27 Nach­rücker aus bis­lang »sta­ti­stisch benach­tei­lig­ten« Mit­glieds­staa­ten wie etwa Frank­reich, Spa­ni­en, Ita­li­en und den Nie­der­lan­den. Übri­gens hat die Rechts­frak­ti­on »Iden­ti­tät und Demo­kra­tie«, zu der neben der AfD die Par­tei­en von Matteo Sal­vi­ni und Mari­ne Le Pen gehö­ren, inzwi­schen mehr Abge­ord­ne­te als die Grü­nen. Vor­bei sind nicht zuletzt die ereig­nis­rei­chen Tage des 2016 von The­re­sa May instal­lier­ten Bre­x­it-Mini­ste­ri­ums – unver­ges­sen die drei­stel­li­gen Mil­lio­nen­aus­ga­ben für Siche­rungs­maß­nah­men und Fähr­schiff­pro­jek­te sowie die aus Pro­test gegen Mays Poli­tik erfolg­ten Rück­trit­te der Chefs Domi­nic Raab und David Davis. Die Behör­de wird nach Aus­sa­ge des noch amtie­ren­den Bre­x­it-Mini­sters Ste­phen Bar­clay auf­ge­löst, weil sie ihre Auf­ga­be »mit dem Abschluss des Aus­tritts­ab­kom­mens erfüllt« habe. Und das, obwohl die kom­ple­xen und wohl alles ande­re als kom­pli­ka­ti­ons­lo­sen Ver­hand­lun­gen über die künf­ti­gen Bezie­hun­gen und Ver­trä­ge zwi­schen dem Ver­ei­nig­ten König­reich und der EU noch anste­hen. Sie sol­len statt­des­sen von einer vom bri­ti­schen Chef­un­ter­händ­ler David Frost gelei­te­ten Task-For­ce durch­ge­führt wer­den und bereits am 31. Dezem­ber die­ses Jah­res abge­schlos­sen sein. Ob das gelin­gen kann, ist durch­aus zweifelhaft.

Allein die Neu­re­ge­lung des – mit den 27 ver­blie­be­nen EU-Staa­ten nur noch bis Ende des Jah­res garan­tiert frei­en – Ver­kehrs von Per­so­nen, Waren, Dienst­lei­stun­gen und Kapi­tal ist eine rie­si­ge Her­aus­for­de­rung. Dar­über hin­aus gilt es, rund 600 von der EU geschlos­se­ne inter­na­tio­na­le Ver­ein­ba­run­gen durch eige­ne bri­ti­sche zu erset­zen – ganz zu schwei­gen von hef­tig umstrit­te­nen Rege­lun­gen wie nicht zuletzt die Fische­rei­rech­te. Plant Boris John­son mit sei­ner Regie­rung womög­lich den nach wie vor denk­ba­ren har­ten Bre­x­it, um dem Ver­ei­nig­ten König­reich wirk­sa­me Wett­be­werbs­vor­tei­le zu ver­schaf­fen? Etwa durch die wei­te­re Schwä­chung von Arbeit­neh­mer­rech­ten oder durch geziel­tes Steu­er­dum­ping? Wer weiß. Die EU-Kom­mis­si­on, die bereits einen Fahr­plan für die Ver­hand­lun­gen über einen Han­dels­ver­trag vor­be­rei­tet hat (den die Staats- und Regie­rungs­chefs auf ihrem Gip­fel­tref­fen am 20. Febru­ar wohl bil­li­gen wer­den), erhofft sich ab 2021 Wirt­schafts­be­zie­hun­gen »ohne Zöl­le, ohne Quo­ten, ohne Dum­ping« – sprich das Ver­blei­ben der Bri­ten im Bin­nen­markt unter Bei­be­hal­tung der ein­schlä­gi­gen EU-Rege­lun­gen in der Sozi­al-, Steu­er- und Umwelt­po­li­tik. Für die Regie­rung in Lon­don, so scheint es, steht gegen­wär­tig zunächst ein­mal die Vor­be­rei­tung eige­ner Frei­han­dels­ab­kom­men mit den USA, Japan und zahl­rei­chen Staa­ten des Com­mon­wealth im Vor­der­grund. Boris John­son fabu­liert im Rah­men sei­ner Beschwö­run­gen einer gran­dio­sen Zukunft bereits vom »Empi­re 2.0« bezie­hungs­wei­se vom »Gre­at Glo­bal Bri­tain«: »Nach dem Bre­x­it haben wir wie­der die Macht, frei Han­dels­ver­trä­ge mit unse­ren Freun­den aus dem Com­mon­wealth zu schlie­ßen. Groß­bri­tan­ni­en wird dann das Beste aus flo­rie­ren­den Märk­ten machen«, ver­kün­de­te er jüngst in einem Mei­nungs­ar­ti­kel. Zur Erinnerung:

Das 1931 gegrün­de­te Com­mon­wealth of Nati­ons geht auf das Bri­tish Empi­re zurück, das ab dem 15. Jahr­hun­dert aus immer mehr Kolo­nien und besetz­ten Gebie­ten bestand. 1922 umfass­te es welt­weit ein Vier­tel der Land­mas­sen und mit 458 Mil­lio­nen Ein­woh­nern ein Vier­tel der Welt­be­völ­ke­rung. Heu­te umfasst das Com­mon­wealth ein Fünf­tel aller Land­mas­sen und mit rund 2,5 Mil­li­ar­den Ein­woh­nern ein Drit­tel der Welt­be­völ­ke­rung. Die an bri­ti­schen Schu­len dem­nächst wohl wie­der häu­fi­ger abge­frag­ten 53 Mit­glieds­staa­ten sind: Anti­gua und Bar­bu­da, Austra­li­en, Baha­mas, Ban­gla­desch, Bar­ba­dos, Beli­ze, Bots­wa­na, Bru­nei, Domi­ni­ca, Eswa­ti­ni, Fidschi (sus­pen­diert), Gam­bia, Gha­na, Gre­na­da, Guya­na, Indi­en, Jamai­ka, Kame­run, Kana­da, Kenia, Kiri­ba­ti, Leso­tho, Mala­wi, Malay­sia, Mal­ta, Mau­ri­ti­us, Mosam­bik, Nami­bia, Nau­ru, Neu­see­land, Nige­ria, Paki­stan, Papua-Neu­gui­nea, Ruan­da, Salo­mo­nen, Sam­bia, Samoa, Sey­chel­len, Sier­ra Leo­ne, Sin­ga­pur, Sri Lan­ka, St. Kitts und Nevis, St. Lucia, St. Vin­cent und die Gre­na­dinen, Süd­afri­ka, Tan­sa­nia, Ton­ga, Tri­ni­dad und Toba­go, Tuva­lu, Ugan­da, Vanua­tu, Ver­ei­nig­tes König­reich, Zypern. Das durch eine (erzwun­ge­ne) Geschich­te, Spra­che und Kul­tur gepräg­te Com­mon­wealth fun­giert als Part­ner­schaft ohne ver­trag­lich bin­den­des Kon­strukt. Als sym­bo­li­sches Ober­haupt dient das Ober­haupt der Bri­ti­schen Kro­ne – gegen­wär­tig Eli­sa­beth II. Ob das Com­mon­wealth gleich­sam die bis­he­ri­gen engen Ban­de mit den EU- Mit­glieds­staa­ten erset­zen kann, bleibt abzu­war­ten. Bis­lang kom­men zum Bei­spiel auf ein bri­ti­sches Pro­dukt, das in einen Com­mon­wealth-Staat expor­tiert wird, fünf in die EU-Mit­glieds­staa­ten ver­kauf­te. Unter­neh­men im Ver­ei­nig­ten König­reich trei­ben gegen­wär­tig deut­lich mehr Han­del mit ita­lie­ni­schen, pol­ni­schen und deut­schen Part­nern als mit indi­schen, austra­li­schen und paki­sta­ni­schen. Im Übri­gen betrach­ten – auch zum Leid­we­sen gut infor­mier­ter Tories in Lon­don – vie­le poli­ti­sche Ent­schei­dungs­trä­ger in Indi­en, Paki­stan und anders­wo das Com­mon­wealth eher als über­kom­me­nes Relikt des bri­ti­schen Impe­ria­lis­mus denn als viel­ver­spre­chen­des Zukunftsprojekt.

Eine gute Stun­de zu Fuß ist unter­wegs, wer vom Lon­do­ner Regie­rungs­vier­tel zur Adres­se Regent’s Park Road 122 gelan­gen möch­te, also zu genau dem vier­ge­schos­si­gen vik­to­ria­ni­schen Rei­hen­haus, an dem eine blaue Pla­ket­te den Bewoh­ner (von 1870 bis 1894) ver­rät: Fried­rich Engels. Wäre der Bre­x­it wäh­rend sei­ner Lon­do­ner Zeit erfolgt, als das Bri­tish Empi­re präch­tig gedieh, hät­te er ihn und des­sen Fol­gen gewiss kom­men­tiert. Jeden­falls hat er die sich die­ser Tage abzeich­nen­de »Umge­stal­tung der gesam­ten inne­ren und äuße­ren Finanz- und Han­dels­po­li­tik Eng­lands« zum Zwecke des Frei­han­dels schon ein­mal erlebt – und zwar »im Ein­klang mit den Inter­es­sen der indu­stri­el­len Kapi­ta­li­sten«. Wird sich die­se Klas­se erneut »ernst­lich ans Werk« machen? »Jedes Hemm­nis der indu­stri­el­len Pro­duk­ti­on wur­de unbarm­her­zig ent­fernt«, erin­nert uns Fried­rich Engels im Anhang zur ame­ri­ka­ni­schen Aus­ga­be sei­nes Werks »Die Lage der arbei­ten­den Klas­se in Eng­land«: »Der Zoll­ta­rif und das gan­ze Steu­er­sy­stem wur­den umge­wälzt […]; alle ande­ren Län­der soll­ten für Eng­land […] Märk­te für sei­ne Indu­strie­pro­duk­te, Bezugs­quel­len sei­ner Roh­stof­fe und Nah­rungs­mit­tel« wer­den. Wird das – noch – Ver­ei­nig­te König­reich dem­nächst wie­der »der gro­ße indu­stri­el­le Mit­tel­punkt« einer glo­ba­li­sier­ten Welt, »mit einer stets wach­sen­den Zahl Korn und Baum­wol­le pro­du­zie­ren­der Tra­ban­ten, die sich um die indu­stri­el­le Son­ne dre­hen«? (MEW 21, S. 192) – »Welch herr­li­che Aus­sicht!« hät­te Engels das Gesche­hen iro­nisch kommentiert.