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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Klug und zugewandt, immer praxisnah

Ossietzky hat eine Autorin ver­lo­ren: Urte Sper­ling, eine klu­ge, star­ke und warm­her­zi­ge Frau, ist am 31. Dezem­ber 2019 in Mar­burg gestorben.

Ihre Arti­kel zum deut­schen Gesund­heits­we­sen, das wohl eher ein Krank­heits­we­sen zu nen­nen ist, basier­ten auf ihren lang­jäh­ri­gen Erfah­run­gen als Kran­ken­schwe­ster und waren, frei von der auf die­sem Gebiet so häu­fig anzu­tref­fen­den Sen­ti­men­ta­li­tät, der Sache wie den betei­lig­ten Per­so­nen gewid­met, denen im Kran­ken­bett und denen davor. Sie betrach­te­te kri­tisch die Zustän­de, die, nicht nur in Mar­burg, durch Pri­va­ti­sie­rung und Kom­mer­zia­li­sie­rung in den Kli­ni­ken ent­stan­den waren, wie auch die gewerk­schaft­li­chen Akti­vi­tä­ten, an denen sie über vie­le Jah­re betei­ligt war.

Es war kein gerad­li­ni­ger Weg, den sie genom­men hat. 1947 im nie­der­säch­si­schen Uel­zen gebo­ren – die Mut­ter hat­te es aus West­preu­ßen dort­hin ver­schla­gen, der Vater kam aus tsche­chi­scher Kriegs­ge­fan­gen­schaft –, wur­de sie evan­ge­lisch und rela­tiv unpo­li­tisch erzo­gen. Rela­tiv, denn der Vater, ein klei­ner Gewer­be­trei­ben­der, brach­te ihr früh­zei­tig bei, dass die Rus­sen fried­lich sei­en, die Deut­schen die Krie­ge ange­fan­gen hät­ten und an der neu­en Ord­nung in Polen nicht gerüt­telt wer­den solle.

Ihre eige­ne Poli­ti­sie­rung begann mit dem Stu­di­um (Angli­stik und Ger­ma­ni­stik) in Tübin­gen und West­ber­lin. Es war die Zeit der »Stu­den­ten­un­ru­hen«, sie mit­ten­drin. Für ihre eige­ne Per­son jeg­li­che Gewalt­an­wen­dung aus­schlie­ßend, schloss sie sich nicht einer der radi­ka­le­ren Grup­pie­run­gen an, son­dern der Sozia­li­sti­schen Ein­heits­par­tei West­ber­lin (SEW). Aller­dings bekam sie, als sie stell­ver­tre­ten­de Kreis­vor­sit­zen­de von Char­lot­ten­burg gewor­den war, ziem­lich schnell mit, dass die SEW ein Anhäng­sel der SED und von dem­sel­ben »büro­kra­ti­schen Zen­tra­lis­mus« beherrscht war. Da sie aber ihren Über­zeu­gun­gen kei­nes­falls »abschwö­ren« woll­te, dau­er­te es eine Wei­le, ehe sie Mit­tel und Wege fand, sich von die­ser Par­tei zu lösen. Spä­ter gehör­te sie in der DKP zu denen, die 1989/​90 die Par­tei erneu­ern woll­ten und stell­te nach dem geschei­ter­ten Ver­such die Bei­trags­zah­lung ein.

Seit 1974 hat­te sie sich für die »Nel­ken­re­vo­lu­ti­on« in Por­tu­gal begei­stert, besuch­te das Land im Urlaub, lern­te Por­tu­gie­sisch, knüpf­te viel­fäl­ti­ge Kon­tak­te und ver­folg­te den wei­te­ren Ver­lauf der Revo­lu­ti­on. Sie begann, über die­ses The­ma zu arbei­ten, ließ sich aber nicht dar­auf ein, dazu in der DDR zu pro­mo­vie­ren, son­dern ging auf Anra­ten ihres Freun­des und Genos­sen Robert Kat­zen­stein nach Mar­burg. Sie ließ sich zur Büro­kauf­frau umschu­len, beleg­te gleich­zei­tig Sozio­lo­gie­se­mi­na­re an der Uni­ver­si­tät und ver­tei­dig­te 1987 ihre Dis­ser­ta­ti­on über »Por­tu­gal – von Sala­zar bis Soares«. Auch der bei Papy­Ros­sa 2014 erschie­ne­ne kri­ti­sche Rück­blick auf die Resul­ta­te der Nel­ken­re­vo­lu­ti­on (3. Auf­la­ge 2018) bezeugt ihre nie nach­las­sen­de Zunei­gung zu dem Land.

Gemein­sam mit ihrem Ehe­part­ner Georg Fül­berth-Sper­ling leb­te sie fort­an in Mar­burg, und mit der nach­fol­gen­den Aus­bil­dung zur Kran­ken­schwe­ster begann sie auch einen neu­en Abschnitt in ihrem Berufs­le­ben, der sie nach ihrer Beren­tung zu der geschätz­ten Ossietzky-Autorin wer­den ließ, deren Bei­trä­ge wir in Zukunft ver­mis­sen müssen.