Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Problembären in München

Die CDU-Vor­sit­zen­de Anne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er hat in die­sem Jahr ihre Pre­mie­re als Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ste­rin bei der Münch­ner Sicher­heits­kon­fe­renz. Tagungs­chef Wolf­gang Ischin­ger hat für sie schon ein­mal vor­ge­legt und sich für einen Ein­satz der Bun­des­wehr in Liby­en auf Grund­la­ge eines UN-Man­dats aus­ge­spro­chen. Soll­te der Welt­si­cher­heits­rat eine mili­tä­ri­sche Inter­ven­ti­on in dem nord­afri­ka­ni­schen Land beschlie­ßen, kön­ne sich die Bun­des­re­gie­rung »als Initia­tor des Ber­li­ner Pro­zes­ses natür­lich nicht weg­ducken«, dik­tier­te Ex-Bot­schaf­ter Ischin­ger der Fun­ke Medi­en­grup­pe ins Blatt. Vor­aus­set­zung sei ein UN-Man­dat, das die Ergeb­nis­se der Liby­en-Kon­fe­renz im Ber­li­ner Kanz­ler­amt auf­neh­me – Ver­stän­di­gung auf eine Waf­fen­ru­he und ein Waf­fen­em­bar­go sowie den Ver­zicht auf wei­te­re Unter­stüt­zung für die inner­li­by­schen Kriegs­par­tei­en. Ischin­ger will einen Ein­satz nach Kapi­tel 7 der UN-Char­ta, der »auch Zwangs­maß­nah­men zur Durch­set­zung und bei Zuwi­der­hand­lung« vor­se­he. Die Bun­des­wehr kön­ne mit einem Ein­satz zur See bei­tra­gen sowie mit Tor­na­do-Kampf­jets oder AWACS-Flug­zeu­gen bei der Luft­auf­klä­rung mitwirken.

Wolf­gang Ischin­ger macht sich – wie vie­le ande­re im poli­ti­schen Ber­lin – für einen Mili­tär­ein­satz aus­ge­rech­net in jenem Land stark, das durch die Inter­ven­ti­on von NATO-Staa­ten und die Ermor­dung des liby­schen Prä­si­den­ten Mua­mar al-Gad­da­fi 2011 erst zer­stört und dann ins Cha­os gestürzt wur­de mit Aus­wir­kun­gen auf die Län­der der Sub­sa­ha­ra. Der deut­sche Spit­zen­di­plo­mat gehör­te vor neun Jah­ren zu denen, die den Kurs des dama­li­gen Außen­mi­ni­sters Gui­do Wester­wel­le, sich bei der Abstim­mung im UN-Sicher­heits­rat über eine Inter­ven­ti­on von NATO-Staa­ten in Liby­en zu ent­hal­ten, nicht rich­tig fan­den – wie SPD und Grü­ne sei­ner­zeit übri­gens auch.

»Ob mit oder ohne deut­sche Betei­li­gung an der mili­tä­ri­schen Inter­ven­ti­on – wir haben ein mas­si­ves Inter­es­se am ara­bi­schen Früh­ling. Soll­te sich Gad­da­fi durch­set­zen, wäre die­ser Früh­ling wohl vor­erst zu Ende. Des­halb muss man der Inter­ven­ti­on natür­lich einen raschen Erfolg wün­schen«, äußer­te Ischin­ger am 22. März 2011 im Han­dels­blatt. »Not­wen­di­ge Krie­ge gibt es«, leg­te er am 28. April 2011 im Cice­ro nach: »Die Sache darf jetzt nicht schief­ge­hen – selbst die mili­tä­risch im Abseits ste­hen­den Deut­schen müs­sen ein emi­nen­tes Inter­es­se am mög­lichst raschen Erfolg der Inter­ven­ti­on in Liby­en haben. Nicht nur im Inter­es­se des ara­bi­schen Früh­lings, son­dern im Inter­es­se Euro­pas.« In den Augen Ischin­gers hat­te sich das Dau­men­drücken gelohnt, am 31. August 2011 jubi­lier­te er wie­der im Han­dels­blatt: »In den Stra­ßen von Tri­po­lis wird gefei­ert. Deutsch­lands Bünd­nis­part­ner haben die Rebel­len dazu befä­higt, sich vom Joch eines Dik­ta­tors zu befrei­en, der Krieg gegen sei­ne eige­ne Bevöl­ke­rung führ­te. Die Beden­ken der­je­ni­gen, die ein mili­tä­ri­sches Ein­grei­fen ablehn­ten, haben sich am Ende nicht bestä­tigt. […] In Deutsch­land dis­ku­tiert man der­weil gern und laut­stark dar­über, ob die Bun­des­re­gie­rung der Liby­en-Reso­lu­ti­on des UNO-Sicher­heits­rats im März hät­te zustim­men sol­len. Manö­ver­kri­tik ist wich­tig, aber bit­te die Kir­che im Dorf las­sen: Das größ­te außen­po­li­ti­sche Deba­kel Deutsch­lands, wie man­che mei­nen, war das nun wirk­lich nicht. […] Und des­halb darf natür­lich auch nicht der Ein­druck ent­ste­hen, dass aus­ge­rech­net Deutsch­land zum Pro­blem­bär der NATO oder gar der EU wer­den könn­te. Das heißt nicht, dass deut­sche Sol­da­ten über­all an vor­der­ster Front dabei sein müs­sen. Aber umge­kehrt darf eine Kul­tur der Zurück­hal­tung nicht als Vor­wand für ein Fern­blei­ben bei von der UNO man­da­tier­ten mili­tä­ri­schen Ein­sät­zen her­hal­ten. Ist nicht eine zen­tra­le Leh­re aus der deut­schen Geschich­te, Mas­sen­ver­bre­chen zu verhindern?«

Mit die­ser Logik wirbt Ischin­ger nun also für das Zuspät­kom­men deut­scher Sol­da­ten in jenem Land, in dem schon Gene­ral­leut­nant Erwin Rom­mel mit sei­nem Afri­ka-Korps unge­fragt einen deut­schen Fuß­ab­druck hin­ter­las­sen hat­te. Doch Ischin­ger will nicht nur Liby­en, er will mehr auf sei­ner zur Sicher­heits­kon­fe­renz umlackier­ten Wehr­kun­de­ta­gung im Baye­ri­schen Hof. »Wir dür­fen uns nicht mit 27 Ein­zel­kri­sen ver­zet­teln, son­dern müs­sen auch die grund­sätz­li­chen Fra­gen nach Welt­ord­nung, nach regio­na­ler Ord­nung oder Unord­nung, nach der Zukunft des Westens stel­len.« In einem aus­führ­li­chen Inter­view in der Zeit­schrift IPG – Inter­na­tio­na­le Poli­tik und Gesell­schaft, her­aus­ge­ge­ben von der SPD-nahen Fried­rich-Ebert-Stif­tung, erklär­te Ischin­ger am 9. Janu­ar, »war­um Deutsch­land sei­ne außen­po­li­ti­sche Zurück­hal­tung über­win­den und die EU die Klein­staa­te­rei auf­ge­ben muss«. Auf den Punkt gebracht: »Wir sind nicht die Schweiz.«

Die Euro­päi­sche Uni­on habe »Nach­hol­be­darf«, wenn es dar­um gehe, »in geo­stra­te­gi­schen Fra­gen mit einer Stim­me zu spre­chen«. Ischin­ger: »Jeder in den inter­na­tio­na­len Bezie­hun­gen han­deln­de Akteur muss sich die Fra­ge stel­len: Was sind mei­ne Stär­ken und was sind mei­ne Schwä­chen? Nie­mand wird bestrei­ten, dass die Euro­päi­sche Uni­on ihre Stär­ken in der Han­dels­po­li­tik hat, in ihrer Rol­le als Wirt­schafts­macht, als Inno­va­ti­ons­trei­ber. Die EU ist einer der größ­ten han­dels- und wirt­schafts­po­li­ti­schen Akteu­re der Welt. Die­se Stär­ke haben wir bis­her geo­stra­te­gisch – um die­sen Begriff von Frau von der Ley­en zu nut­zen – zu wenig ein­ge­setzt.« Im Argen liegt für Ischin­ger die Außen­po­li­tik mit einer »Klein­staa­te­rei des 19. Jahr­hun­derts: Jeder Klein­staat hat ein Veto­recht und kann alles blockie­ren. Kein Wun­der, dass man die Euro­päi­sche Uni­on als geo­stra­te­gi­schen oder geo­po­li­ti­schen Akteur auf der Welt nicht ernst nimmt. Wenn ich durch Asi­en oder den Nahen und Mitt­le­ren Osten rei­se, stel­le ich fest: Nie­mand redet über Euro­pa, weil wir nicht mit einer Stim­me spre­chen.« So kön­ne es nicht wei­ter­ge­hen, not­wen­dig sei­en »Mehr­heits­ent­schei­dun­gen« in einer »geo­po­li­tisch« agie­ren­den EU. »Wir kön­nen uns nicht als eine gro­ße Schweiz defi­nie­ren, die sich sozu­sa­gen hin­term Berg ver­birgt, und die gro­ße Welt­po­li­tik fin­det woan­ders statt. Die Welt­po­li­tik hat die Ten­denz, zu uns zu kom­men, wie wir am Syri­en-Kon­flikt gese­hen haben, mit hun­dert­tau­sen­den von Flücht­lin­gen, die nicht nur in Deutsch­land die poli­ti­sche Land­schaft ver­än­dert haben. Die Kri­sen kom­men zu uns, wenn wir uns ihrer nicht annehmen.«

Ischin­ger weiß selbst­re­dend, dass die »Kri­sen« unter ande­rem exi­stie­ren, weil sich die USA und NATO ihrer anneh­men, sie­he die seit 2001 andau­ern­de Mili­tär­in­ter­ven­ti­on in Afgha­ni­stan, sie­he die Zer­stö­rung des Irak auf Befehl von US-Prä­si­dent Bush 2003, sie­he die Unter­stüt­zung isla­mi­sti­scher Ter­ror­mi­li­zen in Syri­en durch die NATO-Mit­glie­der USA und Tür­kei sowie die alli­ier­te Kopf-ab-Dik­ta­tur Sau­di-Ara­bi­en, sie­he das von NATO-Mit­glie­dern ange­rich­te­te Kriegs­cha­os in Liby­en, sie­he die von US-Prä­si­dent Donald Trump betrie­be­ne Eska­la­ti­ons­po­li­tik gegen­über dem Iran, die zum Jah­res­wech­sel mit der Ermor­dung des ira­ni­schen Gene­rals Qas­sem Sol­ei­ma­ni durch eine US-Droh­ne in Bag­dad einen neu­en Höhe­punkt erreicht und die Regi­on an den Rand eines Kriegs­in­fer­nos gebracht hat. Die Sicher­heit Deutsch­lands und Euro­pas will Ischin­ger aus­ge­rech­net in die Hän­de des Washing­to­ner Staats­ter­ro­ri­sten legen: »Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land wird kei­ne Nukle­ar­macht sein, sie wird das auch nicht sein wol­len. Im Ernst­fall kön­nen wir uns auch nicht selbst ver­tei­di­gen. Ergo brau­chen wir die USA – selbst wenn es in man­chen Punk­ten stres­sig gewor­den ist.«

Auf der Sicher­heits­kon­fe­renz 2019 hat­te Ischin­ger die Fra­ge auf­ge­wor­fen: »Who will pick up the pie­ces – wer sam­melt die zer­bro­che­nen Tei­le der Welt­ord­nung wie­der auf?« Die­se Fra­ge sei in den ver­gan­ge­nen elf Mona­ten nicht hin­rei­chend beant­wor­tet wor­den, kon­sta­tiert der Kon­fe­renz­chef. »Im Gegen­teil: Es sind noch mehr Scher­ben ent­stan­den.« In dem Punkt ist ihm zuzu­stim­men. NATO und USA sind aller­dings Pro­blem­bä­ren, nicht Besen und Schaufel.