Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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VVN-BdA: Große Solidarität, neue Angriffe

 

 

Der Beschluss des Finanz­amts für Kör­per­schaf­ten Ber­lin I, der Bun­des­ver­ei­ni­gung der Ver­folg­ten des Naziregimes/​Bund der Anti­fa­schi­stin­nen und Anti­fa­schi­sten (VVN-BdA) die Gemein­nüt­zig­keit zu ent­zie­hen (sie­he Ossietzky 24/​2019) und eine sofor­ti­ge Steu­er­nach­zah­lung in fünf­stel­li­ger Höhe von ihr zu ver­lan­gen, hat brei­ten Pro­test aus­ge­löst. Inner­halb weni­ger Tage wur­de das zunächst gesetz­te Ziel von 25.000 Unter­schrif­ten unter die Peti­ti­on »Die VVN-BdA muss gemein­nüt­zig blei­ben« erreicht und weit über­trof­fen (Abschluss am 29. Janu­ar mit fast 34.000 Unter­schrif­ten), zahl­rei­che Pro­test­brie­fe wur­den an die zustän­di­gen Poli­ti­ker und Soli­da­ri­täts­adres­sen an die VVN-BdA gesandt, mehr als 1300 neue Mit­glie­der tra­ten der Ver­ei­ni­gung bei. Esther Beja­ra­nos Offe­ner Brief an Finanz­mi­ni­ster Olaf Scholz – »Das Haus brennt, und Sie sper­ren die Feu­er­wehr aus!« – fand gro­ßen Wider­hall, und einen Moment lang sah es so aus, als kämen die Ver­ant­wort­li­chen zur Besin­nung. Ohne damit die Ent­schei­dung über den Wider­spruch der VVN-BdA gegen den Ent­zug der Gemein­nüt­zig­keit vor­weg­zu­neh­men, teil­te das Ber­li­ner Finanz­amt Anfang Dezem­ber mit, dass es den Voll­zug des ergan­ge­nen Steu­er­be­scheids wegen »unbil­li­ger Här­te« vor­erst aus­set­ze, so dass die gefor­der­te Steu­er­nach­zah­lung nicht noch im alten Jahr gelei­stet wer­den musste.

Dann jedoch der näch­ste Schlag. Das Erfur­ter Finanz­amt bestä­tig­te dem thü­rin­gi­schen Lan­des­ver­band der VVN-BdA die Gemein­nüt­zig­keit für die ver­gan­ge­nen drei Jah­re – mit der Auf­la­ge, künf­tig kein Geld (weder Spen­den noch die sat­zungs­mä­ßi­gen Bei­trags­an­tei­le) mehr an die Bun­des­ver­ei­ni­gung abzu­füh­ren. Gemein­nüt­zi­ge Ver­ei­ne dürf­ten näm­lich nur an ande­re »steu­er­be­gün­stig­te Kör­per­schaf­ten« Mit­tel wei­ter­ge­ben. Soll­te der Bescheid des Ber­li­ner Finanz­amts rechts­kräf­tig wer­den, ist damit zu rech­nen, dass bald alle Lan­des­ver­bän­de der VVN-BdA der­sel­ben Auf­la­ge unter­wor­fen wer­den wie jetzt schon der thü­rin­gi­sche Lan­des­ver­band. Aus Saar­brücken wird bereits über eine Anfra­ge des dor­ti­gen Finanz­am­tes berich­tet, wie der Lan­des­ver­band sich in die­ser Fra­ge zu ver­hal­ten gedenkt.

 

Rechts­grund­la­ge: Verfassungsschutz

Die Finanz­äm­ter beru­fen sich auf fol­gen­de recht­li­che Grund­la­ge: Die Bun­des­ab­ga­ben­ord­nung ent­hält seit 2009 einen neu­en Absatz; danach ist bei »Kör­per­schaf­ten, die im Ver­fas­sungs­schutz­be­richt des Bun­des oder eines Lan­des als extre­mi­sti­sche Orga­ni­sa­ti­on auf­ge­führt sind, wider­leg­bar davon aus­zu­ge­hen, dass die Vor­aus­set­zun­gen (für die Aner­ken­nung als gemein­nüt­zig) nicht erfüllt sind«. Und: Die VVN-BdA wird in den Berich­ten des baye­ri­schen Lan­des­am­tes für Ver­fas­sungs­schutz als »links­ex­tre­mi­stisch beein­fluss­te« Orga­ni­sa­ti­on auf­ge­führt. Bei­des zusam­men gibt dem Geheim­dienst »Ver­fas­sungs­schutz« die Macht, die 1947 von über­le­ben­den NS-Ver­folg­ten und ehe­ma­li­gen Widerstandskämpfer*innen gegrün­de­te Orga­ni­sa­ti­on bun­des­weit anzu­grei­fen und ihrer mate­ri­el­len Res­sour­cen zu berauben.

 

Soli­da­ri­sche Anträ­ge im baye­ri­schen Landtag

Mit Wir­kung ab 2009 wur­de dem baye­ri­schen Lan­des­ver­band der VVN-BdA als erstem die Gemein­nüt­zig­keit aberkannt. Mehr­mals setz­ten sich SPD und Bünd­nis 90/​Die Grü­nen im Land­tag dafür ein, die Nen­nung im baye­ri­schen Ver­fas­sungs­schutz­be­richt zu been­den. Ver­geb­lich. Im Dezem­ber 2019, nach dem Angriff auf die Bun­des­ver­ei­ni­gung der VVN-BdA, for­der­ten die bei­den Land­tags­frak­tio­nen per Dring­lich­keits­an­trag erneut, die Ein­stu­fung der VVN-BdA als »links­ex­tre­mi­stisch beein­flusst« zurück­zu­neh­men und ihre Beob­ach­tung durch den baye­ri­schen Ver­fas­sungs­schutz ein­zu­stel­len. Die Anträ­ge wur­den abge­lehnt. In der Land­tags­sit­zung am 11. Dezem­ber behaup­te­ten die Spre­cher von CSU, Frei­en Wäh­lern und FDP, die Ein­schät­zun­gen des Ver­fas­sungs­schut­zes sei­en sowohl vom Ver­wal­tungs­ge­richt Mün­chen (2014) als auch vom Baye­ri­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hof (2018) inhalt­lich bestä­tigt wor­den. Eine glat­te Lüge. Die Kla­ge der VVN-BdA gegen die Nen­nung im VS-Bericht wur­de 2014 ohne eige­ne Prü­fung der Sach­la­ge durch das Gericht abge­wie­sen. Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat dem Ver­fas­sungs­schutz aus­schließ­lich das Recht zuge­spro­chen, der­ar­ti­ge Ein­schät­zun­gen – oder auch ganz ande­re – von sich zu geben. Eine inhalt­li­che Prü­fung der Behaup­tun­gen fand nicht statt. Und auch der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof hat nicht die Rich­tig­keit der Ein­schät­zung unter­sucht, son­dern »nur« die Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts bestä­tigt, kei­ne Beru­fung gegen sein Urteil zuzulassen.

Die von den aktu­el­len Beschei­den betrof­fe­nen VVN-BdA-Glie­de­run­gen haben Wider­spruch ein­ge­legt. Soli­da­ri­tät ist wei­ter­hin notwendig.