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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Hass und Vorurteil

Wenn die­se Aus­ga­be von Ossietzky erscheint, sind es nur noch drei Tage bis zur Wahl in den USA und damit zur Ant­wort auf die Fra­ge, ob es Prä­si­dent Donald Trump trotz sei­nes »kra­wal­li­gen Auf­tre­tens, sei­nes stän­di­gen Ver­sto­ßes gegen Nor­men und Gepflo­gen­hei­ten« (stern online am 20. Okto­ber) oder gera­de wegen die­ses Auf­tre­tens zum zwei­ten Mal ins Wei­ße Haus geschafft hat. Wer aber sind die Trump-Wäh­le­rin­nen und -Wäh­ler, die ihm durch dick und dünn treu zur Sei­te stehen?

Phil­ip Gor­ski, Pro­fes­sor für Sozio­lo­gie an der Yale-Uni­ver­si­ty in New Haven, Con­nec­ti­cut, lenkt in sei­nem vor einem Vier­tel­jahr auf Deutsch erschie­ne­nen Buch »Am Schei­de­weg« das Augen­merk auf eine wich­ti­ge Unter­stüt­zer­grup­pe: die evan­ge­li­schen Chri­sten, genau­er: die Evangelikalen.

Er schil­dert, »wie der ame­ri­ka­ni­sche Pro­te­stan­tis­mus zuneh­mend in eine auto­ri­tä­re Rich­tung gedrängt wur­de – mit dem Resul­tat, dass heu­te Evan­ge­li­ka­lis­mus mit Kon­ser­va­tis­mus gleich­ge­setzt wird und die christ­li­che Rech­te mit der Repu­bli­ka­ni­schen Partei«.

Eine der Ursa­chen: »Evan­ge­li­ka­le leben in der Über­zeu­gung, die Kul­tur­kämp­fe der letz­ten Jahr­zehn­te ver­lo­ren zu haben. Sie betrach­ten sich als am stärk­sten ver­folg­te Grup­pe in den USA.« In Trump erkann­ten sie ihren Beschüt­zer und damit den Ret­ter der »wei­ßen christ­li­chen Nation«.

Im Vor­wort schreibt der Sozi­al­phi­lo­soph und Sozio­lo­ge Hans Joas, Hono­rar­pro­fes­sor an der Theo­lo­gi­schen Fakul­tät der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin: »Seriö­se Schät­zun­gen spre­chen von über 80 % der Evan­ge­li­ka­len, die sich für Trump ent­schie­den haben.«

Gor­ski ist einer der füh­ren­den ame­ri­ka­ni­schen Reli­gi­ons­phi­lo­so­phen. Im ersten Teil sei­nes Buches stellt er die »kom­ple­xe Bezie­hung« zwi­schen Chri­sten­tum und Demo­kra­tie all­ge­mein »im Westen« dar und spürt den »Wahl­ver­wandt­schaf­ten« zwi­schen Chri­sten­tum und – wie er es nennt – den »vier Schich­ten der west­li­chen Demo­kra­tie« nach: der repu­bli­ka­ni­schen, reprä­sen­ta­ti­ven und libe­ra­len Demo­kra­tie sowie der Sozi­al­de­mo­kra­tie. Und er unter­sucht die Fra­ge, ob das Chri­sten­tum über­haupt demo­kra­tisch ist. Sei­ne Ant­wort dürf­te auch vor dem Hin­ter­grund der (deut­schen) Geschich­te nicht über­ra­schen: »Bestimm­te For­men des Chri­sten­tums haben eine ›Wahl­ver­wandt­schaft‹ mit bestimm­ten Bestand­tei­len der Demo­kra­tie, ande­re aber mit auto­ri­tä­rer Politik.«

Womit wir beim zwei­ten Teil des Buches und damit in den USA wären. Hier sei­en »Demo­kra­tie und Chri­sten­tum schon lan­ge Hand in Hand« gegan­gen. Seit der Wahl Trumps, bei der die wei­ßen Evan­ge­li­ka­len eine wich­ti­ge Rol­le gespielt haben, stel­le sich aber die Fra­ge, »ob sich die Wege des ame­ri­ka­ni­schen Chri­sten­tums und der ame­ri­ka­ni­schen Demo­kra­tie nun tren­nen«. Gor­ski bejaht die Frage.

Der »har­te Kern« der Evan­ge­li­ka­len, »selbst­er­nann­te Erben der Puri­ta­ner«, inter­pre­tie­ren inzwi­schen sogar die Covid-19-Pan­de­mie als »Urteil Got­tes über Ame­ri­ka«. Gor­ski nennt bei­spiel­haft den im März die­ses Jah­res ver­öf­fent­lich­ten »Stu­di­en­füh­rer« des Pfar­rers Ralph Drol­lin­ger von Capi­tol Mini­stries in Washing­ton, DC: »Medi­en­kom­men­ta­to­ren kamen rasch zu dem Schluss, dass Drol­lin­ger die Schuld an der Pan­de­mie auf Säku­la­ri­sten, Umwelt­schüt­zer, LGBTQ-Leu­te und Nicht­chri­sten im All­ge­mei­nen schie­ben wollte.«

Die Schnitt­men­ge mit Trumps Äuße­run­gen ist offensichtlich.

Fazit: ein aktu­el­les Buch, das ein­mal mehr ver­deut­licht, dass »Fun­da­men­ta­lis­mus prak­ti­zier­te Men­schen­feind­lich­keit« ist (Heri­bert Prantl, SZ-Kolum­nist, online am 4. Oktober).

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Johann und Paul Simon, Ver­fas­ser der am 2. Okto­ber erschie­ne­nen »kon­kret tex­te 79«, grei­fen tief in die Geschich­te des US-Kon­ser­va­tis­mus, um auf­zu­zei­gen, dass Trump »kein Betriebs­un­fall« war: »Er kam aus der Mit­te der ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft und hat vie­le gesell­schaft­li­che und welt­po­li­ti­sche Ten­den­zen ledig­lich auf die Spit­ze getrie­ben.« Und: »Die Irra­tio­na­li­tät, die Dem­ago­gie und die bru­ta­len gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se, die dafür einen Nähr­bo­den bie­ten, wer­den nicht ein­fach aus der ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft ver­schwin­den, soll­te Trump die Wahl verlieren.«

Die Autoren datie­ren den Auf­stieg des Kon­ser­va­tis­mus »als Mas­sen­be­we­gung« auf die sech­zi­ger Jah­re des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts. Damals, »als die Nach­kriegs­idyl­le implo­dier­te«, wur­de er zur »Ideo­lo­gie der wei­ßen, rela­tiv pri­vi­le­gier­ten Mas­se, die ihre Lebens­welt zahl­rei­chen Fein­den und Bedro­hun­gen aus­ge­setzt sieht, gegen die sie sich zur Wehr set­zen müsse«.

Mit Erfolg hät­ten sie nach und nach die sozi­al- und wirt­schafts­po­li­ti­schen Stan­dards weit nach rechts ver­scho­ben und die Eman­zi­pa­ti­on der schwar­zen »Unter­klas­se« ein­ge­hegt. Sie schei­ter­ten aller­dings im Kampf gegen die Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gun­gen und die per­mis­si­ve Mas­sen­kul­tur sowie gegen das Prin­zip der Anti­dis­kri­mi­nie­rung. Rech­ter Popu­lis­mus, Hass auf Eli­ten und Irra­tio­na­li­tät sei­en dabei der Antriebs­stoff der kon­ser­va­ti­ven Bewe­gung gewe­sen, sei aber lan­ge durch eine kon­ser­va­ti­ve Poli­tik-Eli­te kon­trol­liert wor­den. Nach der Wahl Barack Oba­mas zum ersten schwar­zen Prä­si­den­ten in der Geschich­te der USA habe sich Ame­ri­kas Rech­te radi­ka­li­siert und »in der Prä­si­dent­schafts­wahl­kam­pa­gne 2015/​16 vom Gän­gel­band« der repu­bli­ka­ni­schen Poli­tik-Eli­te befreit: Trump wur­de Prä­si­dent. Der »para­no­ide Basis­po­pu­lis­mus« hat­te sich einen »sozio­pa­thi­schen Nar­zisst« (Mary L. Trump, Nich­te des Prä­si­den­ten, in »Zu viel und nie genug«, einer Abrech­nung mit ihrem Onkel) zum Füh­rer und Heils­brin­ger erkoren.

Fazit: Äußerst lesens­wert. Erhellend.

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Nach­be­mer­kung: »It Can’t Hap­pen Here« lau­te­te der Titel eines 1935 im Exil­ver­lag Que­r­ido, Amster­dam, ver­öf­fent­lich­ten uto­pi­schen Romans des US-ame­ri­ka­ni­schen Schrift­stel­lers Sin­c­lair Lewis von der Macht­er­grei­fung des Faschis­mus in den USA. Die deutsch­spra­chi­ge Aus­ga­be »Das ist bei uns nicht mög­lich« wur­de schon 1936 in Deutsch­land ver­bo­ten. Es ist an der Zeit, das Buch mal wie­der aus dem Bücher­re­gal zu holen.

Phil­ip Gor­ski: »Am Schei­de­weg«, über­setzt von Phil­ip Gor­ski und Hel­la Heydorn, Her­der, 223 Sei­ten, 24 €. – Johan­nes Simon/​Paul Simon: »Eine Welt vol­ler Wut«, kon­kret tex­te 79, 194 Sei­ten, 19,50 €