Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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König Sheldon

Der Rheins­ber­ger Schlosska­ter Shel­don, infor­mell auch Shel­don Schloss­kat­zi genannt, hat ein hohes Berufs­ethos. Coro­na-Pan­de­mie hin oder her, der Job muss schließ­lich erle­digt wer­den. Unter Lebens­ge­fahr – es sol­len sich auch schon Kater mit Covid-19 infi­ziert haben – ist er tag­täg­lich in sei­nem Reich, dem Schloss­park, unter­wegs. Es ist kein ein­fa­cher Spa­zier­gang, kein harm­lo­ser Zeit­ver­treib, bei wei­tem nicht, denn Shel­don hat eine Mis­si­on: Ord­nung, Sau­ber­keit und Spaß auf­recht­zu­er­hal­ten, schließ­lich sind Schloss und Park die Visi­ten­kar­te der bran­den­bur­gi­schen Klein­stadt. Vor ein paar Jah­ren tauch­te der mitt­ler­wei­le acht Jah­re alte Kater plötz­lich dort auf, was nahe­lag, denn er wohnt prak­tisch neben­an bei dem Arzt Mar­kus K. und sei­ner Fami­lie bezie­hungs­wei­se sie dür­fen bei ihm woh­nen. Doch der Mix aus Nor­we­gi­scher und Ame­ri­ka­ni­scher Wald­kat­ze ist durch sei­ne Gene ein Aben­teu­rer und mag es gar nicht, nur ans Haus gefes­selt zu sein. Sofort wur­de der Kater magisch von dem gro­ßen grü­nen und duf­ten­den Gar­ten­reich ange­zo­gen. Der Schloss­park ist sein Revier, Besuch in Men­schen­form liebt der ein­ge­fleisch­te Jung­ge­sel­le über alles, tie­ri­sche Neben­buh­ler dul­det er jedoch nicht, da ist er eigen. Und die Schloss­gärt­ner haben in ihm einen zwei­ten »Chef«, der sie bei ihren Arbei­ten stets gut im Auge behält. Aktu­ell sind von Mit­ar­bei­tern der Stif­tung Preu­ßi­sche Schlös­ser und Gär­ten Ber­lin-Bran­den­burg umfang­rei­che Umge­stal­tun­gen des Gar­ten­reichs vor­ge­nom­men wor­den. Nach einem uralten Plan aus dem Jahr 1800 haben sie zwei Hecken­quar­tie­re an der Haupt­al­lee zu Obst­quar­tie­ren umge­stal­tet und dafür mit alten Obst­sor­ten bepflanzt, deren reich­hal­ti­ge Früch­te wohl schon Prinz Hein­rich von Preu­ßen schätz­te. Der Prinz, der sich gern aus eige­nem Anbau selbst ver­sorg­te, leb­te seit 1753 in Rheins­berg, weil ihm sein Bru­der, König Fried­rich II., das Schloss 1744 geschenkt hat­te. Im Park ange­pflanzt wur­den in die­sem Früh­jahr über 1000 Blüh­sträu­cher, Gehöl­ze, Rosen und natür­lich Hein­richs Lieb­lings-Obst­bäu­me. Der an sich schon wun­der­schö­ne Park dürf­te somit noch eine zusätz­li­che Auf­wer­tung erfah­ren haben.

Unwei­ger­lich trifft fast jeder Besu­cher ein­mal den Schlosska­ter auf sei­nen Wegen durch das ver­wun­sche­ne Gar­ten­reich. Mal sitzt er auf einer Bank am Was­ser und schaut ver­son­nen auf »sein« Schloss, das wie aus der Zeit gefal­len scheint und sich post­kar­ten­taug­lich im See spie­gelt. Im Som­mer zieht es ihn abends auch schon mal zu den Frei­luft-Schloss­kon­zer­ten der Musik­aka­de­mie oder zum inter­na­tio­na­len Opern­fe­sti­val Kam­mer­oper Schloss Rheins­berg, das für die­ses Jahr bereits abge­sagt wor­den ist. Er schaut aber auch gern mal beim Kurt-Tuchol­sky-Muse­um vor­bei, des­sen Namens­ge­ber 1924 in der Vos­si­schen Zei­tung eine Königs­ber­ger Kat­ze in brei­te­stem ost­preu­ßi­schem Dia­lekt spre­chen ließ, oder er trabt ziel­stre­big in die Tou­ri­sten­in­for­ma­ti­on unweit des Schloss­ein­gangs. Shel­dons Wege sind weit. Sonn- und Fei­er­ta­ge kennt er nicht, uner­müd­lich ist er als tie­ri­scher Bot­schaf­ter der Stadt unter­wegs, was ihm schließ­lich sogar einen Ein­trag unter »Per­sön­lich­kei­ten« auf der Web­site der Stadt (www.rheinsberg.de) ein­brach­te und auch einem der Stadt­schrei­ber der letz­ten Jah­re auf­fiel. Jeden Som­mer dür­fen Lite­ra­ten ein paar Wochen in Rheins­berg von einem Sti­pen­di­um leben, um so unge­stört ihrer Krea­ti­vi­tät frei­en Lauf zu las­sen. 2018 mach­te der Stadt­schrei­ber Arne Sei­del ali­as Ahne Bekannt­schaft mit dem rüh­ri­gen Kater. Ahne war viel­leicht etwas zu ver­we­gen und brach­te sei­nen eige­nen Kater mit, ein Feh­ler, wie sich her­aus­stell­te. Shel­don war not amu­sed, es kam zu Pfo­te­greif­lich­kei­ten. Shel­don bestand vehe­ment auf sei­nem Schloss­recht, und der lästi­ge Riva­le muss­te den Rück­zug antre­ten. Gescha­det hat die­ser kurz­zei­ti­ge Aus­fall Shel­dons Image jedoch nicht.

Unter all den ande­ren Berühmt­hei­ten, die in Rheins­berg leb­ten, ist er zwar die gro­ße Aus­nah­me – er ist nun mal ein Kater und kein Mensch –, der exzen­tri­sche, aber auch authen­ti­sche Kater hat den­noch eine gewis­se Funk­ti­on als eine Art »Tou­ris­mus­bot­schaf­ter«. Als unge­wöhn­li­ches »Kul­tur­gut« und See­le des Parks besitzt er hohen Wie­der­erken­nungs­wert. Die Her­zen flie­gen ihm schnell zu, so wie auf Face­book, wo er eine eige­ne Sei­te hat und sich bereits eine beacht­li­che Fan­ge­mein­de von fast 6500 Men­schen um ihn geschart hat. Besu­cher dür­fen dort gern Fotos von ihm posten. Manch­mal macht der Schlosska­ter auf sei­nen Streif­zü­gen auch etwas wei­te­re Abste­cher in das Stadtin­ne­re, so wie im Som­mer des ver­gan­ge­nen Jah­res, als die Welt noch in Ord­nung war. Knei­pen und Cafés hat­ten wie immer geöff­net, und Shel­don schlen­der­te non­cha­lant in ein Bistro hin­ein, ver­schmäh­te zwar die ihm ange­bo­te­nen Pom­mes und Bur­ger, mach­te es sich dann aber neu­gie­rig auf einer Bank gemüt­lich. Ein intro­ver­tier­ter Kon­takt­ver­wei­ge­rer, eine Spaß­brem­se ist er ein­deu­tig nicht, »social distancing« fällt ihm ziem­lich schwer. Ein ande­res Mal stand ihm dann an einem hei­ßen Som­mer­tag der Sinn nach einer luf­ti­gen Boots­fahrt, und er spa­zier­te mal so eben auf den Steg am Grie­nerick­see, wo sich im Som­mer die Tou­ri­sten drän­geln, und dann schnur­stracks auf das gera­de ange­leg­te Aus­flugs­schiff, mit dem man ver­schie­de­ne mehr­stün­di­ge Schiff­fahr­ten, zum Bei­spiel die »Fünf-Seen-Rund­fahrt« durch teil­wei­se unbe­rühr­te Natur, unter­neh­men kann.

Sicher­lich wird Rheins­bergs royal­ster und char­man­te­ster Kater schon längst gemerkt haben, dass seit ein paar Wochen irgend­et­was anders ist. Ver­än­de­rung mögen Kater gar nicht. Aber sein son­ni­ges Gemüt wird ihm über die Kri­se hin­weg­hel­fen. Ob in der Stadt die vie­len klei­ne­ren inha­ber­ge­führ­ten Geschäf­te, die Gast­stät­ten, die Tou­ri­sten­un­ter­künf­te, Hand­werks- und ande­re -betrie­be die Coro­na-Pan­de­mie unbe­scha­det über­le­ben wer­den, das ist wie­der­um eine Fra­ge, die auch ein Shel­don nicht beant­wor­ten kann, denn schließ­lich ist er kein Tier­ora­kel. So konn­te er auch nicht ahnen, dass ihm sei­ne Berühmt­heit fast zum Ver­häng­nis gewor­den wäre. Am 29. April ver­such­ten zwei unbe­kann­te Män­ner, ihn in ein Auto zu zer­ren und zu ent­füh­ren. Ein auf­merk­sa­mer Mit­ar­bei­ter des Tuchol­sky-Muse­ums, der in die­sem Moment zufäl­lig aus dem Fen­ster schau­te, konn­te dies gera­de noch ver­hin­dern, die Möch­te­gern-Cat­nap­per ent­ka­men im Auto mit quiet­schen­den Reifen.

Und aus dem Jen­seits streck­te ihnen Kurt Tuchol­sky die Zun­ge heraus.