Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Vorkämpfer für die Menschenrechte gestorben

»Bemer­kens­wer­te Intel­li­genz« und »gro­ße Ver­dien­ste« – mit die­sen Zuschrei­bun­gen wür­dig­te das Gen­fer Zen­trum für die För­de­rung der Men­schen­rech­te und des glo­ba­len Dia­logs sei­nen bis­he­ri­gen Exe­ku­tiv­di­rek­tor Idriss Jazairy.

Mit dem Tod des »ehe­ma­li­gen alge­ri­schen Diplo­ma­ten und Lei­ters mul­ti­la­te­ra­ler Insti­tu­tio­nen, der gro­ße Aner­ken­nung für sei­ne Arbeit zur Ver­tei­di­gung der Unter­pri­vi­le­gier­ten und sein Enga­ge­ment für das Völ­ker­recht erhielt, hat die Welt einen Vor­kämp­fer für die Men­schen­rech­te ver­lo­ren«, stellt Far­ha­na Haque Rah­ma in ihrem Nach­ruf fest. Sie war eine hoch­ran­gi­ge Mit­ar­bei­te­rin des Inter­na­tio­na­len Fonds für land­wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung (IFAD), zu des­sen Prä­si­den­ten Jazai­ry zwei­mal gewählt wurde.

Einer brei­te­ren Öffent­lich­keit wur­de Letz­te­rer durch sein Enga­ge­ment als UN-Son­der­be­richt­erstat­ter über die Fol­gen von Wirt­schafts­sank­tio­nen bekannt. In die­ser Funk­ti­on war er vor einem Jahr auf Ein­la­dung der ärzt­li­chen Frie­dens­or­ga­ni­sa­ti­on IPPNW in Ber­lin, um über die Aus­wir­kun­gen der gegen Syri­en gerich­te­ten Zwangs­maß­nah­men zu berich­ten. Bei der Gele­gen­heit lern­te ich ihn per­sön­lich kennen.

Jazai­ry, 1936 als direk­ter Nach­fah­re des Emirs von Alge­ri­en, Abdel­ka­der al-Jazai­ri, in Frank­reich gebo­ren, begann sei­ne Kar­rie­re als Bera­ter des alge­ri­schen Prä­si­den­ten Houa­ri Bou­me­di­en­ne. Er wur­de anschlie­ßend Bot­schaf­ter in Bel­gi­en, den USA und im Vati­kan, bis er ins UNO-Büro in Genf wech­sel­te. Als Ver­tre­ter Alge­ri­ens spiel­te er dort unter ande­rem eine wesent­li­che Rol­le bei der Grün­dung des Menschenrechtsrats.

Zuneh­mend kon­zen­trier­te er sein Enga­ge­ment auf die »Ver­tei­di­gung der Unter­pri­vi­le­gier­ten«. Unter sei­ner Füh­rung rück­te der IFAD, eine in Rom ansäs­si­ge UN-Son­der­or­ga­ni­sa­ti­on, ab 1984 die Armut der Frau­en auf dem Lan­de in den Vor­der­grund und orga­ni­sier­te einen inter­na­tio­na­len Gip­fel zu ihrer wirt­schaft­li­chen För­de­rung. Die Kam­pa­gne mün­de­te schließ­lich 1992 in eine Reso­lu­ti­on der UN-Vollversammlung.

Im Jahr 2010 wur­de er Prä­si­dent des Rates der Inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­ti­on für Migra­ti­on (IOM) sowie Exe­ku­tiv­di­rek­tor von ACORD (Agen­cy for Co-ope­ra­ti­on and Rese­arch in Deve­lo­p­ment), einem inter­na­tio­na­len Kon­sor­ti­um von Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen, das sich auf den Schutz und die Stär­kung der Rech­te der Opfer von Armut und Bür­ger­krie­gen in Afri­ka konzentriert.

Der UN-Men­schen­rechts­rat ernann­te Jazai­ry 2015 zum ersten »Son­der­be­richt­erstat­ter über die nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen der ein­sei­ti­gen Zwangs­maß­nah­men auf die Wahr­neh­mung der Men­schen­rech­te«. Die­se Stel­le wur­de geschaf­fen, weil inner­halb der Ver­ein­ten Natio­nen eine Mehr­heit der Ansicht ist, dass die Anwen­dung sol­cher Maß­nah­men »gegen inter­na­tio­na­les Recht, das huma­ni­tä­re Völ­ker­recht, die Char­ta der Ver­ein­ten Natio­nen und die Nor­men und Grund­sät­ze für fried­li­che Bezie­hun­gen zwi­schen Staa­ten verstößt.«

Auf der inter­na­tio­na­len Büh­ne konn­te Jazai­ry als ari­sto­kra­ti­scher Diplo­mat auf­tre­ten, jedoch auch unver­blümt und scharf­zün­gig sein, heißt es im Nach­ruf von Far­ha­na Rah­ma. So ver­ur­teil­te er die US-Admi­ni­stra­ti­on öffent­lich wegen der Unrecht­mä­ßig­keit ihres ein­sei­ti­gen Rück­zugs aus dem Wie­ner Atom­ab­kom­men mit dem Iran.

Auf der Pres­se­kon­fe­renz der IPPNW in Ber­lin und einem Work­shop im Bun­des­tag pran­ger­te er die von ihm unter­such­ten Fol­gen der Wirt­schafts­blocka­den der USA und der EU gegen Syri­en an (s. Ossietzky 13/​2019). Die Aus­wir­kun­gen auf die Bevöl­ke­rung sei­en mitt­ler­wei­le schlim­mer als die des Krie­ges. Ihre Opfer wür­den nur »einen stil­len Tod« ster­ben. Der oft vor­ge­brach­ten Recht­fer­ti­gung, Sank­tio­nen sei­en eine gewalt­lo­se Alter­na­ti­ve zum Krieg, ent­geg­ne­te er: »Die­se Men­schen ster­ben still. Ist das bes­ser und gna­den­vol­ler, wenn Men­schen still ster­ben als durch eine Bombenexplosion?«

Vehe­ment gei­ßel­te er auch die immer aggres­si­ve­re Sank­ti­ons­po­li­tik der USA und ihrer Ver­bün­de­ten gegen ande­re unlieb­sa­me Staa­ten. Wirt­schaft­li­che Zwangs­maß­nah­men zur Durch­set­zung poli­ti­scher Zie­le, wie im Fall von Iran, Kuba und Vene­zue­la, stün­den in ekla­tan­tem Wider­spruch zu Men­schen­rech­ten und Nor­men der inter­na­tio­na­len diplo­ma­ti­schen Bezie­hun­gen. »Der Auf­bau von Druck für einen Regime Chan­ge durch wirt­schaft­li­che Maß­nah­men, die eine Ver­let­zung grund­le­gen­der Men­schen­rech­te und mög­li­cher­wei­se sogar den Hun­ger­tod von Men­schen bil­li­gend in Kauf neh­men« sei »noch nie eine akzep­ta­ble Pra­xis in den inter­na­tio­na­len Bezie­hun­gen« gewe­sen. In kei­nem Fall dür­fe ver­sucht wer­den, poli­ti­sche Dif­fe­ren­zen dadurch zu lösen, dass wirt­schaft­li­che und huma­ni­tä­re Kata­stro­phen her­bei­ge­führt und ein­fa­che Men­schen in Gei­sel­haft genom­men werden.

»Wenn eine Groß­macht ihre domi­nan­te Posi­ti­on im inter­na­tio­na­len Finanz­ge­fü­ge sogar gegen ihre eige­nen Ver­bün­de­ten ver­wen­det, um sou­ve­rä­nen Staa­ten wirt­schaft­li­che Schwie­rig­kei­ten zu berei­ten«, erklär­te er mit Blick auf das US-ame­ri­ka­ni­sche »Helms-Bur­ton-Gesetz« gegen Kuba, »ver­stößt das gegen das Völ­ker­recht und unter­gräbt zwangs­läu­fig die Menschenrechte.«

Es sei »schwer nach­zu­voll­zie­hen, wie Maß­nah­men, die die Wirt­schaft Vene­zue­las zer­stö­ren«, dar­auf »abzie­len könn­ten, dem vene­zo­la­ni­schen Volk zu hel­fen«, strich der UN-Exper­te die Absur­di­tät der west­li­chen Recht­fer­ti­gung für ihre Blocka­de­po­li­tik gegen Vene­zue­la her­aus. »Sank­tio­nen, die zu Hun­ger und medi­zi­ni­scher Unter­ver­sor­gung füh­ren«, könn­ten doch »nicht die Ant­wort auf die Kri­se in Vene­zue­la« sein, erbo­ste er sich, nach­dem das Washing­to­ner Cent­re for Eco­no­mic and Poli­cy Rese­arch Berech­nun­gen ver­öf­fent­licht hat­te, wonach seit 2017 rund 40.000 Men­schen in Vene­zue­la an den Fol­gen von US-Sank­tio­nen gestor­ben sein könn­ten. »Beson­ders beun­ru­hi­gen mich Berich­te, die Sank­tio­nen wür­den auf einen Regie­rungs­wech­sel in Vene­zue­la abzie­len«, füg­te er hin­zu, wäh­rend er gleich­zei­tig über Mel­dun­gen besorgt war, die »das wach­sen­de Risi­ko von Gewalt und die impli­zi­te Andro­hung inter­na­tio­na­ler Gewalt« beinhalten.

»Ich appel­lie­re an die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft, einen kon­struk­ti­ven Dia­log mit Vene­zue­la, Kuba, dem Iran und den Ver­ei­nig­ten Staa­ten auf­zu­neh­men, um eine fried­li­che Lösung im Ein­klang mit der Char­ta der Ver­ein­ten Natio­nen zu fin­den«, so Jazairy.

Der Nah­ost-Kor­re­spon­den­tin Karin Leu­ke­feld erklär­te er im Inter­view in Ber­lin, er wol­le den Men­schen eine Stim­me geben, die am mei­sten lei­den und nicht gehört wer­den. Das habe mit Poli­tik nichts zu tun, rich­te sich viel­mehr gegen das Krebs­ge­schwür, das das UN-System unter­gräbt: »Es ist die poli­ti­sche Instru­men­ta­li­sie­rung der Men­schen­rech­te, um nicht aus­ge­spro­che­ne Absich­ten zu bedienen.«

In Ber­lin wur­de er auch mit die­sem Krebs kon­fron­tiert und muss­te ein­mal mehr erfah­ren, wie begrenzt lei­der der Ein­fluss von UN-Orga­ni­sa­tio­nen und ihrer Ver­tre­ter im Enga­ge­ment für Men­schen­rech­te ist. Ver­tre­ter des Aus­wär­ti­gen Amtes hat­ten sich zwar bereit­ge­fun­den, mit ihm und IPPNW-Ver­tre­tern über die huma­ni­tä­ren Aus­wir­kun­gen der Syri­en-Sank­tio­nen zu spre­chen, wie­sen die Ergeb­nis­se sei­ner Ermitt­lun­gen in Syri­en jedoch als für sie irrele­vant zurück und belehr­ten ihn her­ab­las­send, wie die huma­ni­tä­re Lage dort zu betrach­ten sei.

Im Zuge der Aus­brei­tung der Coro­na-Pan­de­mie sind die ein­sei­ti­gen, mehr oder weni­ger schwer­wie­gen­den Zwangs­maß­nah­men, die von den USA und zum Teil auch von der EU gegen ins­ge­samt 39 Län­der betrie­ben wer­den, ver­stärkt in die öffent­li­che Kri­tik gera­ten. Jazai­rys Nach­fol­ge­rin, die weiß­rus­si­sche Völ­ker­recht­le­rin Ale­na Dou­han, for­der­te wie UN-Gene­ral­se­kre­tär Antó­nio Gut­er­res und die UN-Hoch­kom­mis­sa­rin für Men­schen­rech­te, Michel­le Bache­let, sogleich die »Sank­tio­nen« wenig­stens wäh­rend der Pan­de­mie aus­zu­set­zen. Die damit kon­fron­tier­ten Län­der, vor allem Iran, Vene­zue­la, Kuba, Syri­en und Jemen, sei­en nun beson­ders hart betrof­fen. »Ich appel­lie­re an alle Regie­run­gen, die Sank­tio­nen als außen­po­li­ti­sches Instru­ment ein­set­zen, die Maß­nah­men … unver­züg­lich zurück­zu­neh­men und Zöl­le, Quo­ten, nicht­ta­rifä­re Maß­nah­men, ein­schließ­lich sol­cher, die die Finan­zie­rung des Kaufs von Medi­ka­men­ten, medi­zi­ni­scher Aus­rü­stung, Nah­rungs­mit­teln und ande­ren lebens­wich­ti­gen Gütern ver­hin­dern, zu verbieten.«

Dou­han bekräf­tig­te auch »die lang­jäh­ri­ge Posi­ti­on [ihres] Vor­gän­gers, dass der Ein­satz von Wirt­schafts­sank­tio­nen zu poli­ti­schen Zwecken gegen die Men­schen­rech­te und die Nor­men des inter­na­tio­na­len Ver­hal­tens ver­stößt«. Bereits im Mai 2019 habe er davor gewarnt, dass sol­che Aktio­nen men­schen­ge­mach­te huma­ni­tä­re Kata­stro­phen von noch nie dage­we­se­nem Aus­maß aus­lö­sen könn­ten. »Genau das erle­ben wir jetzt im Hin­blick auf das Gesund­heits­sy­stem welt­weit und ins­be­son­de­re in den sank­tio­nier­ten Ländern.«

Es ist drin­gend an der Zeit, dass die Men­schen­rechts­ex­per­ten in ihrem Enga­ge­ment gegen die, fast aus­schließ­lich vom Westen ange­wand­te, ver­bre­che­ri­sche Pra­xis stär­ke­re öffent­li­che Unter­stüt­zung erhalten