Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Kranke Pflege

Wer geht schon gern ins Kran­ken­haus. Wer hat kei­ne Angst vor Pfle­ge­be­dürf­tig­keit. Die Sor­gen gel­ten aber nicht allein der Krank­heit und dem kör­per­lich-gei­sti­gen Ver­fall, son­dern vor allem auch den Insti­tu­tio­nen, denen man dann aus­ge­lie­fert ist. Denn nicht erst die Coro­na-Pan­de­mie hat die unhalt­ba­ren, teil­wei­se men­schen­un­wür­di­gen Ver­hält­nis­se im Gesund­heits­we­sen sicht­bar gemacht.

Ein Betrof­fe­ner schil­dert bei einer Kund­ge­bung am Inter­na­tio­na­len Tag der Pfle­ge sei­ne Gefüh­le: Er habe Angst, dass er in eine Maschi­ne­rie gerät, deren Regeln nicht an Bedürf­nis­sen von Pati­en­ten und Pfle­gen­den aus­ge­rich­tet sind. Angst berei­te ihm auch die Vor­stel­lung, dass er in dem durch­öko­no­mi­sier­ten Wirt­schafts­be­trieb Kli­nik ein »Fall« ist, der auf dem hart umkämpf­ten Markt taxiert wird: Ist er ein guter Kran­ker, der Gewinn bringt, oder ein schlech­ter, weil er mehr Kosten ver­ur­sacht? Das wird sei­ne Dia­gno­se beein­flus­sen und auch die Behand­lung – zum Bei­spiel ob er ope­riert wird, weil das für die Kli­nik pro­fi­ta­bel ist. Er befürch­te, dass die Öko­no­mi­sie­rung und die Ein­spa­run­gen auf sei­nem Rücken statt­fin­den – und auf dem Rücken der Pfle­ge­per­so­nen, die unter Dau­er­stress arbei­ten. Ein per­sön­li­ches Gespräch, Freund­lich­keit, Auf­merk­sam­keit und Empa­thie sei­en unter den Bedin­gun­gen von Stress und Het­ze unmög­lich. Gespart habe man in Kli­ni­ken an Pfle­ge­kräf­ten. Geduld, Ver­ständ­nis, Fach­lich­keit sowie Zuwen­dung kön­nen aber nur Men­schen auf­brin­gen bezie­hungs­wei­se lei­sten, die Zeit haben und Aner­ken­nung fin­den. Mit sei­ner Enke­lin gehe er gern in den Stadt­gar­ten und beob­ach­te: Im Zoo reden die Tier­pfle­ger mit den Tie­ren, weil es den Tie­ren gut­tut und weil der Zoo noch nicht pri­va­ti­siert ist.

Mit der Behaup­tung, wir kön­nen uns das Gesund­heits­sy­stem – trotz unver­än­der­tem Anteil am Brut­to­so­zi­al­pro­dukt – nicht mehr lei­sten, haben Bund und Län­der mit einem neo­li­be­ra­len Dik­tat ein System geschaf­fen, das teu­er ist, aber nicht pri­mär der Gesund­heit dient. Bund und Lan­des­re­gie­run­gen haben die Gesund­heit zur Ware gemacht und die Daseins­vor­sor­ge Groß­in­ve­sto­ren aus­ge­lie­fert. Kern des Systems sind »Fall­pau­scha­len« (Dia­gno­sis Rela­ted Groups – DRG), die die Kli­ni­ken unab­hän­gig vom kon­kre­ten Bedarf und Ver­lauf pro Pati­ent bekom­men. Dafür wird Pfle­ge­per­so­nal auf ein Min­dest­maß redu­ziert, wer­den Pati­en­ten zu früh ent­las­sen, wäh­rend lukra­ti­ve Ein­grif­fe zu oft erfol­gen – nicht zuletzt auch bei Gebur­ten in Form von Kai­ser­schnit­ten: Laut Sta­ti­sti­schem Bun­des­amt liegt der Anteil der Ent­bin­dun­gen per Kai­ser­schnitt im bun­des­deut­schen Durch­schnitt bei cir­ca 31 Pro­zent. 1991 war er halb so hoch. Die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on hält eine Kai­ser­schnitt­ra­te von über 15 Pro­zent für medi­zi­nisch nicht indi­ziert (vgl. dazu https://www.gerechte-geburt.de/wissen/kaiserschnitt-info/). Die »Reform« hat die Über­nah­me in pri­va­te, das heißt pro­fit­ori­en­tier­te Hand begün­stigt. Inzwi­schen ist etwa jede drit­te Kli­nik pri­va­ti­siert, die Zahl der Kli­ni­ken ins­ge­samt ein­ge­dampft. Statt in das Gesund­heits­sy­stem zu inve­stie­ren, för­dern Bund und Län­der Kran­ken­haus­schlie­ßun­gen mit jähr­lich bis zu einer Mil­li­ar­de Euro. Die Öko­no­mi­sie­rung, die Kon­kur­renz und der Zwang, die Behand­lung an betriebs­wirt­schaft­li­chen Kri­te­ri­en aus­zu­rich­ten, schaf­fen einen immensen Druck für das Pfle­ge­per­so­nal. Der Pro­fit der Inve­sto­ren wächst nicht zuletzt durch Ein­spa­run­gen bei den Men­schen (vgl. dazu den infor­ma­ti­ven Arti­kel von Wer­ner Rüge­mer in ver.di publik: »Was sich in der Kri­se bit­ter rächt«).

Moni­ka Knob­loch, die als Kran­ken­schwe­ster und Fach­kraft für Anäs­the­sie und Inten­siv­pfle­ge mehr als drei­ßig Jah­re lang in einer gro­ßen Kli­nik durch­ge­hal­ten hat, ist damit eine Aus­nah­me. Denn vie­le Pfle­ge­kräf­te hal­ten die Dau­er­be­la­stung bei gerin­ger Bezah­lung nicht aus; vie­le kün­di­gen nach fünf bis sechs Jah­ren. Moni­ka Knob­loch berich­tet als Kran­ken­schwe­ster von einer extrem ver­dich­te­ten Arbeit am Limit: »Alles ist mehr gewor­den, nur wir nicht.« Vie­les, was für die Gene­sung wich­tig wäre, kön­ne nicht gelei­stet wer­den – was wie­der­um zu Gewis­sens­kon­flik­ten und Selbst­vor­wür­fen führt.

Die exami­nier­te Gesund­heits- und Kran­ken­pfle­ge­rin auf einer häma­toon­ko­lo­gi­schen Sta­ti­on, Chri­sti­na Zacha­ri­as, berich­tet eben­falls über eine chro­ni­sche Kri­se. Sie weist auf die bekann­te Tat­sa­che hin, dass Pfle­ge weib­lich und pre­kär ist und oft als unbe­zahl­te Arbeit gelei­stet wird. Das bedeu­te für die Frau­en nicht nur Stress und Über­la­stung, son­dern oft auch Alters­ar­mut. Und als hät­ten die­je­ni­gen, die für die bela­sten­den und beschä­men­den Ver­hält­nis­se ver­ant­wort­lich sind, Angst vor einem Streik der Frau­en in den Pfle­ge­be­ru­fen bekom­men, grif­fen sie wäh­rend der Coro­na-Pan­de­mie schnell zum Euphe­mis­mus: Ihr seid Hel­den! Ange­sichts der kata­stro­pha­len Ver­hält­nis­se, die seit vie­len Jah­ren bestehen und bekannt sind und bewusst her­bei­ge­führt wur­den, kam das bei den Betrof­fe­nen über­wie­gend als geheu­chel­te Anbie­de­rung und als Zynis­mus an.

Nach Pro­gno­sen des Bun­des­in­sti­tuts für Bevöl­ke­rungs­for­schung wird die Zahl alter Men­schen, die auf Pfle­ge ange­wie­sen sind, bis 2030 um 20 Pro­zent stei­gen. Bei der gegen­wär­ti­gen Bezah­lung wird es schwer sein, genü­gend Per­so­nal zu bekom­men. Zwar soll der Min­dest­lohn für unge­lern­te Pfle­ge­kräf­te ab Juli erhöht wer­den; den­noch müss­ten sie bei einer 35-Stun­den-Woche 53 Jah­re unun­ter­bro­chen arbei­ten, um eine Ren­te in Höhe der Grund­si­che­rung von 814 Euro zu erhal­ten, wie das Bun­des­ar­beits­mi­ni­ste­ri­um auf eine par­la­men­ta­ri­sche Anfra­ge der Lin­ken-Frak­ti­on bekannt­gab. Arbei­ten sie nur 30 Stun­den in der Woche, wer­den sie 62 Jah­re lang schuf­ten müs­sen. So viel ist Deutsch­land die Arbeit von Frau­en für alte Men­schen wert.

In der Mise­re der Pfle­ge­be­ru­fe erkennt man ein Struk­tur­merk­mal kapi­ta­li­sti­scher und patri­ar­cha­li­scher Ver­hält­nis­se. Schon vor zehn Jah­ren hat­te die New Eco­no­mics Foun­da­ti­on, eine unab­hän­gi­ge Denk­fa­brik, die sich einer Öko­no­mie ver­pflich­tet fühlt, »als ob die Mensch­heit und der Pla­net zäh­len wür­den«, eine Stu­die vor­ge­legt: »A Bit Rich«. Die Autoren ver­gli­chen den gesell­schaft­li­chen Nut­zen von sechs ver­schie­de­nen Berufs­grup­pen und stell­ten dabei ein kras­ses Miss­ver­hält­nis fest: Wäh­rend die enorm hoch dotier­ten VIP-Steu­er­be­ra­ter und Bank­ma­na­ger einen gro­ßen Scha­den für die Gesell­schaft anrich­ten, reicht das Ein­kom­men der Men­schen in der Kran­ken­haus­rei­ni­gung und Kin­der­pfle­ge oder in der Müll­ent­sor­gung kaum zum Über­le­ben. Für die Gesell­schaft schaf­fen aber gera­de sie einen grund­le­gen­den Nut­zen, der jedoch wenig Aner­ken­nung fin­det, geschwei­ge denn ange­mes­sen hono­riert wird. Das Ergeb­nis über­rascht nicht wirk­lich – eher schon die Gleich­gül­tig­keit, mit der die Bevöl­ke­rung die­se Unge­rech­tig­keit hin­nimmt. (Die mensch­li­chen Fol­gen der erbar­mungs­lo­sen Kon­kur­renz und Ver­mark­tung sind in dem eben­so sen­si­blen wie erschüt­tern­den Spiel­film »Sor­ry We Mis­sed You« von Ken Loach zu sehen.)

Die Fern­seh-Polit­sa­ti­re­sen­dung »Die Anstalt« wid­me­te sich im Mai dem The­ma »Wie funk­tio­niert eigent­lich so ein Kran­ken­haus«. Dabei tauch­te auch die Fra­ge auf, wer die für die Bevöl­ke­rung der­art schäd­li­che Gesundheits-»Reform« aus­ge­ar­bei­tet und durch­zu­set­zen gehol­fen hat. Die enge Ver­flech­tung von Akteu­ren wie der Ber­tels­mann-Stif­tung, eini­gen weni­gen Gesund­heits­öko­no­men sowie Auf­sichts­rä­ten pri­va­ter Kli­nik­kon­zer­ne wur­de dort unter ande­rem her­aus­ge­ar­bei­tet (vgl. Fak­ten­check unter: https://www.zdf.de/comedy/die-anstalt/fakten-im-check-der-anstalt-118.html und Sen­dung im Archiv: https://www.zdf.de/comedy/die-anstalt/die-anstalt-vom-5-mai-2020-100.html).

Ein Groß­teil der Bevöl­ke­rung lehnt die Pro­fit­ori­en­tie­rung und Pri­va­ti­sie­rung der Daseins­vor­sor­ge ab, wie Umfra­gen zei­gen – kon­se­quenz­los. Aber auch Wider­stand for­miert sich, etwa im bun­des­weit akti­ven Bünd­nis Kran­ken­haus statt Fabrik, das vor allem das Fall­pau­scha­len­sy­stem kri­ti­siert, und mit der pri­va­ti­sie­rungs­kri­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on Gemein­gut in Bür­ge­rIn­nen­hand, die vor allem gegen die Schlie­ßun­gen regio­na­ler Kran­ken­häu­ser kämpft. Die Grund­po­si­ti­on der Kri­ti­ker lau­tet: Gesund­heit ist Men­schen­recht und kei­ne Ware! Das System der Fall­pau­scha­len und der Pro­fit­ori­en­tie­rung im Gesund­heits­we­sen ist men­schen­feind­lich und muss abge­schafft wer­den. Eine bes­se­re Ver­sor­gung müss­te aber noch ganz ande­re Fehl­kon­struk­tio­nen unse­res Systems besei­ti­gen, wie der poli­ti­sche Akti­vist Wolf­ram Trei­ber, selbst ein Betrof­fe­ner, bei der Kund­ge­bung am Tag der Pfle­ge skiz­zier­te: Pri­va­te Kli­ni­ken und Pfle­ge­dien­ste die­nen sicher genau­so wenig einer bes­se­ren Ver­sor­gung wie pri­va­te Kran­ken­kas­sen. Auch nicht die enor­men Beträ­ge, die Phar­ma­kon­zer­ne für Mar­ke­ting aus­ge­ben; sie gehö­ren ver­ge­sell­schaf­tet, damit Gesund­heits­ver­sor­gung für alle zu guten Bedin­gun­gen ver­füg­bar wird. Nur in einem Gesund­heits­sy­stem ohne Fall­pau­scha­le und Pro­fit­ori­en­tie­rung wer­den Men­schen im Mit­tel­punkt stehen.

 

Die fünf­te, erwei­ter­te und kom­plett über­ar­bei­te­te Neu­auf­la­ge der Bro­schü­re »Kran­ken­haus statt Fabrik – bedarfs­ge­recht, gemein­wohl­ori­en­tiert. Das Fall­pau­scha­len­sy­stem und die Öko­no­mi­sie­rung der Kran­ken­häu­ser – Kri­tik und Alter­na­ti­ven« ist abruf­bar unter www.krankenhaus-statt-fabrik.de.