Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Monatsrückblick: Nicht systemisch, aber relevant

Das Fern­seh­ma­ga­zin »Kon­tra­ste« fin­det per Zufall eine Sicher­heits­lücke in der Schul-Cloud, die vom Has­so-Platt­ner-Insti­tut ent­wickelt wur­de und von über 300 Schu­len pro­be­wei­se genutzt wird. Es kön­nen Namen und Adres­sen von Schü­lern und deren Chat-Ver­hal­ten von jeder­mann aus­ge­le­sen werden.

Der Daten­schutz­ex­per­te Thi­lo Wei­chert spricht von einem »abso­lut unsi­che­ren und offen­sicht­lich inkom­pe­tent gema­nag­ten« Cloud-Ange­bot für Schu­len in Deutsch­land. Es sei »abso­lut inak­zep­ta­bel und in gra­vie­ren­der Wei­se rechts­wid­rig«, wie ein­fach es mög­lich sei, von jedem Netz­rech­ner aus in das System ein­zu­drin­gen und die »Daten der Schu­len ein­schließ­lich der Anga­ben zu den Schü­le­rin­nen und Schü­lern auszuspionieren«.

Der Direk­tor des Insti­tuts, Chri­stoph Mei­nel, weist die Kri­tik zurück: »Syste­mi­sche Sicher­heits­lücken sehen wir nicht, uns ist jedoch bewusst, dass es nahe­zu unmög­lich ist, eine kom­ple­xe Soft­ware beweis­bar ohne Sicher­heits­lücken zu imple­men­tie­ren und zu betrei­ben.« Und wei­ter: »Unser Infor­ma­ti­ons­si­cher­heits­ma­nage­ment­sy­stem ist noch jung und ins­be­son­de­re in einem so rapi­de wach­sen­den, agi­len Team kön­nen mensch­li­che Feh­ler nicht aus­ge­schlos­sen wer­den.« (rbb24.de, 20.5.20)

Nun sind mensch­li­che Feh­ler in einem agi­len, jun­gen Team das Eine, das Ande­re ist, dass das das Bun­des­mi­ni­ste­ri­um für Bil­dung und For­schung (BMBF) das Pro­jekt seit 2016 immer­hin mit gut sie­ben Mil­lio­nen Euro bis 2021 för­dert, um am Ende für deutsch­land­weit 44.000 Schu­len eine IT-Lern-Infra­struk­tur anbie­ten zu kön­nen. Und da kann man durch­aus von einem syste­misch rele­van­ten Feh­ler spre­chen, wenn die Daten nicht sicher sind.

Das Bun­des­mi­ni­ste­ri­um des Innern, für Bau und Hei­mat hat der­weil auch Sor­gen, wie sei­ner Pres­se­mel­dung vom 10. Mai zu ent­neh­men ist: »Ein Mit­ar­bei­ter […] hat in einem mehr­sei­ti­gen Doku­ment unter Ver­wen­dung des BMI-Brief­kop­fes und der dienst­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­le sei­ne kri­ti­sche Pri­vat­mei­nung zum Coro­na-Kri­sen­ma­nage­ment der Bun­des­re­gie­rung ver­brei­tet.« Das mehr als 80-sei­ti­ge Papier gelang­te an die Öffent­lich­keit, kur­siert der­weil im Netz und sorgt dort für erreg­te Debat­ten. Die Süd­deut­sche Zei­tung schwankt in der Über­schrift zwi­schen: »Whist­leb­lower oder Wich­tig­tu­er« (19.05.2020).

Sicher ist aber: Man begrenzt die wach­sen­de Unzu­frie­den­heit und die Fra­gen nach Sinn­haf­tig­keit des Regie­rungs­han­delns nicht durch pau­scha­le Dif­fa­mie­rung, sonst über­neh­men Rechts­ex­tre­mi­sten rasch die Füh­rung. Wohin das führt, haben wir bei PE- und ande­ren GIDAs gesehen.

Die Wahr­neh­mungs­ein­schrän­kung eines Donald Trump soll­te nicht zum Vor­bild wer­den: »Alle sehen uns als Füh­rer der Welt. Und sie wer­den uns fol­gen«, sag­te US-Prä­si­dent Trump am 8. Mai vor repu­bli­ka­ni­schen Abge­ord­ne­ten (maz, 12.05.20).

Wir fei­ern den 300. Geburts­tag des Lügen­ba­rons von Münch­hau­sen, des­sen Schnur­ren und unwahr­schein­li­che Geschich­ten welt­be­rühmt sind. An den Haa­ren aus die­sem Sumpf wer­den wir uns sel­ber zie­hen müs­sen, das ist systemisch.

Zwei Zita­te las­sen da auf­hor­chen: »Es wird wie­der Klas­sen­kampf geben«, pro­phe­zeit Diet­mar Bartsch, Co-Vor­sit­zen­der der Links­frak­ti­on im Bun­des­tag, im Inter­view mit dem Redak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land (jW, 2./03.05.20), wäh­rend der ehe­ma­li­ge Außen­mi­ni­ster Joseph Fischer (Bünd­nis 90/​Die Grü­nen) for­dert: »Die Deut­schen müs­sen ihren instink­ti­ven Pazi­fis­mus hin­ter­fra­gen« (tagesspiegel.de, 1.5.20). Die Alter­na­ti­ve »Klas­sen­kampf oder Krieg« wird wie 1929 schnell real: Die Bun­des­re­gie­rung rech­net in ihrer Früh­jahrs­pro­jek­ti­on mit einer schwe­ren Depres­si­on, sie erwar­tet einen Rück­gang des Brut­to­in­lands­pro­dukts um 6,3 Pro­zent in die­sem Jahr. Das wäre ein viel stär­ke­rer Ein­bruch als in der letz­ten Finanz­kri­se 2007/​08. Dabei geht die Pro­gno­se davon aus, dass ab Mit­te Mai die Wirt­schaft wie­der hoch­fah­ren kann, also Aus­gangs­be­schrän­kun­gen gelockert wer­den kön­nen. Und dann alles wie­der wei­ter­geht wie vor­her, Export und Bin­nen­markt wie­der funk­tio­nie­ren, der Tou­ris­mus wie­der anspringt und die Men­schen wie­der Autos kau­fen. Und wenn nicht? Da gilt wie­der­mal der ver­schie­de­nen Pro­mi­nen­ten zuge­schrie­be­ne Satz: »Pro­gno­sen sind eben schwie­rig, beson­ders, wenn sie die Zukunft betref­fen« und – ich ergän­ze – die­se Zukunft ein System­feh­ler ist.