Skip to content

Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Menu

Menschenrechte sind Staatsräson

Die Span­nun­gen auf der ara­bi­schen Halb­in­sel zwi­schen dem Golf und dem Mit­tel­meer kön­nen leicht in ein nuklea­res Infer­no füh­ren. Bereits vor 13 Jah­ren berich­te­te der Deutsch­land­funk: »Wenn die israe­li­sche Regie­rung über das heim­li­che Atom­pro­gramm des Iran spricht, dann tut sie das im Ange­sicht einer durch­aus rea­len Bedro­hung. Aber sie tut das auch in dem Wis­sen, selbst Nukle­ar­macht zu sein – ohne das offen zuzu­ge­ben.« Im Okto­ber 1986 berich­te­te die Sun­day Times über Isra­els nuklea­re Waf­fen. Der israe­li­sche Atom­tech­ni­ker Mord­e­chai Vanunu hat­te die Infor­ma­tio­nen wei­ter­ge­ge­ben. Er war danach für 18 Jah­re in Iso­la­ti­ons­haft und spä­ter wei­ter­hin in sei­ner Hand­lungs­frei­heit beschränkt. Die Nukle­a­ri­sie­rung Isra­els lei­te­te des­sen dama­li­ger Mini­ster­prä­si­dent Ben-Guri­on schon kurz nach der Staats­grün­dung mit Unter­stüt­zung aus den USA und Frank­reich ein. Spä­ter lie­fer­te Deutsch­land U-Boo­te, die Exper­ten zufol­ge atom­waf­fen­fä­hig sind. Auch ohne Angrif­fe mit nuklea­ren Waf­fen kann ein gro­ßer Krieg in der Regi­on wegen der vor­han­de­nen Atom­an­la­gen nukle­ar eskalieren.

Die Bun­des­re­gie­rung und mei­nungs­füh­ren­de west­li­che Medi­en behan­deln den Angriff des Iran auf Isra­el so, als habe Tehe­ran die Eska­la­ti­ons­spi­ra­le eröff­net. NTV schrieb Mit­te April: »Der Westen zeigt sich ent­setzt ange­sichts des ira­ni­schen Angriffs. (…) Län­der wie die USA beteu­ern ihre Soli­da­ri­tät zu Isra­el und for­dern eine diplo­ma­ti­sche und geschlos­se­ne Ant­wort.« Alle Betei­lig­ten über­ge­hen dabei die Tat­sa­che, dass das israe­li­sche Mili­tär laut New York Times und Washing­ton Post zuvor die ira­ni­sche Bot­schaft in Syri­en ange­grif­fen hat­te. Der Nah­ost-Exper­te Gui­do Stein­berg erklär­te unmit­tel­bar nach dem Angriff in der Tages­schau:  »Isra­el geht ein gro­ßes Risi­ko ein.«

Die­se Fak­ten hiel­ten Bun­des­au­ßen­mi­ni­ste­rin Anna­le­na Baer­bock nicht davon ab, es so dar­zu­stel­len, als habe nicht Isra­el die Ket­te der Ereig­nis­se eröff­net: »Wir ver­ur­tei­len den lau­fen­den Angriff, der eine gan­ze Regi­on ins Cha­os stür­zen kann, aufs Aller­schärf­ste.« Der Iran und mit ihm ver­bün­de­te Kräf­te müss­ten die Attacke »sofort ein­stel­len«. Baer­bock ergänz­te: »Isra­el gilt in die­sen Stun­den unse­re gan­ze Solidarität.«

Zwar legi­ti­miert der Angriff auf die Bot­schaft kei­nen Ver­gel­tungs­schlag des Iran. Des­sen unge­ach­tet gilt: Bot­schaf­ten und Kon­su­la­te genie­ßen gemäß Wie­ner Über­ein­kom­men über diplo­ma­ti­sche Ver­tre­tun­gen beson­de­ren Rechts­schutz im Rah­men der Erfül­lung ihrer Auf­ga­ben. Die­se sol­len nicht dem Selbst­zweck der Regie­rungs­be­auf­trag­ten die­nen, son­dern die Wah­rung der diplo­ma­ti­schen Mis­si­on – d. h. die Gesamt­heit der Diplo­ma­ten und die stän­di­ge Ver­tre­tung in einem ande­ren Staat – sichern.

Die Unver­letz­lich­keit ist ein zen­tra­ler Grund­satz im Diplo­ma­ten­recht. Wäh­rend Immu­ni­tät den recht­li­chen Schutz vor Straf­ver­fol­gung regelt, schützt die Unver­letz­lich­keit Diplo­ma­tin­nen und Diplo­ma­ten vor poli­zei­recht­li­chen Zwangs­maß­nah­men. Der Grund­satz der Unver­letz­lich­keit gilt auch für die Räum­lich­kei­ten der Mis­si­on, also das Bot­schafts­ge­län­de. Das Gast­land ist ver­pflich­tet, stets geeig­ne­te Schutz­maß­nah­men zu ergrei­fen, um die Unver­letz­lich­keit auch gegen­über Drit­ten zu garantieren.

Im Maisch­ber­ger-Talk am 15.4.2024 ging der Bild-Jour­na­list Strunz sogar so weit, den Angriff auf die ira­ni­sche Bot­schaft als »Vorn­ever­tei­di­gung« dar­zu­stel­len. Die Begrün­dung bezog sich auf die vom Iran gestütz­te His­bol­lah, die aus dem Liba­non wie­der­holt israe­li­sches Gebiet angreift. Auch die­se Dar­stel­lung wird den Abläu­fen nicht gerecht, denn der Kon­flikt um den Liba­non reicht in die Ver­gan­gen­heit, in der Isra­el mit unver­hält­nis­mä­ßi­ger Gewalt 1982 mili­tä­risch in den Liba­non ein­mar­schiert war.

Die Eska­la­ti­ons­po­li­tik der israe­li­schen Regie­rung und Armee wäre ohne die Waf­fen aus den USA und Deutsch­land nicht mög­lich. Sie birgt selbst die Gefahr des Bruchs der Men­schen­rech­te und des Kriegs­rechts in sich, wenn Isra­el 2000-Pfund-Bom­ben aus Nato-Staa­ten erhält, die die Armee über der dicht­be­sie­del­ten Mil­lio­nen­stadt Gaza ein­setzt, um, wie es offi­zi­ell heißt, Hamas-Struk­tu­ren zu zer­stö­ren, was zur Unbe­wohn­bar­keit des aller­größ­ten Teils von Gaza führt. Hier wer­den Vor­schrif­ten der Haa­ger Land­kriegs­ord­nung und der dar­auf fußen­den Kriegs­rechts­pa­ra­gra­fen gebro­chen. Immer mas­si­ver erset­zen Kriegs­par­tei­en unse­rer Zeit das Kriegs­recht und vor allem das Völ­ker­recht durch das Unrecht des Stär­ke­ren. Das gefähr­det den Rest­be­stand der Zivi­li­sa­ti­on und ersetzt die­se durch Barbarei.

Isra­els Armee hat Plä­ne für einen Schlag gegen den Iran ein­ge­bracht, aber das Kriegs­ka­bi­nett zeig­te sich uneins, wie weit die israe­li­sche Armee gehen soll: Zwi­schen einer Reak­ti­on auf die ira­ni­sche Reak­ti­on und dem Aus­lö­sen eines Krie­ges liegt ein schma­ler Grat. Die Neue Zür­cher Zei­tung schrieb Mit­te April: »Wäh­rend das Kriegs­ka­bi­nett für Zurück­hal­tung plä­diert, for­dern rechts­extre­me Poli­ti­ker den sofor­ti­gen Angriff.« Nach Anga­ben der New York Times fand mitt­ler­wei­le ein »mode­ra­ter« israe­li­scher Luft­schlag gegen Mili­tär­an­la­gen in Isfa­han statt, unweit von ira­ni­schen Atom­an­la­gen. Angeb­lich hät­ten zuvor die USA und euro­päi­sche Part­ner die israe­li­sche Füh­rung von einem här­te­ren und also eska­lie­ren­den Vor­ge­hen, etwa dem Ein­satz von Kampf­jets, drin­gend abgeraten.

Die Gefahr eines Flä­chen­bran­des steht aber immer noch im Raum, und die­ser trägt – wie wir gese­hen haben – auch nuklea­re Risi­ken in sich.

Die west­li­che Unter­stüt­zung der Mili­tär­po­li­tik der Netan­ja­hu-Regie­rung Isra­els ist wegen des immensen mensch­li­chen Leids und wegen der nach oben hin offe­nen Eska­la­ti­ons­ge­fahr unverantwortlich.

Wer die Men­schen in der Regi­on wirk­lich unter­stüt­zen will, hat die Ver­ant­wor­tung, die Ein­hal­tung der huma­ni­tä­ren Men­schen­rech­te und des Völ­ker­rechts ein­zu­for­dern. Das umfasst die Reso­lu­ti­on 242 des Welt­si­cher­heits­ra­tes mit der For­de­rung nach einer 2-Staa­ten­lö­sung mit den Gren­zen für Palä­sti­na und Isra­el von 1967. Die deut­sche Staats­rä­son hat, statt einer bedin­gungs­lo­sen Unter­stüt­zung der Poli­tik der Regie­rung Isra­els, auf die unein­ge­schränk­te Ein­hal­tung der Men­schen­rech­te hinzuwirken.