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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Vom Qualitätsjournalismus in Kriegszeiten

Der jour­na­li­sti­sche Nie­der­gang der alt­ehr­wür­di­gen Frank­fur­ter Rund­schau (FR) ver­an­lass­te den ehe­ma­li­gen Nie­der­sach­sen-Kor­re­spon­den­ten der FR – Eck­art Spoo – sei­ner­zeit zur Schaf­fung des kri­ti­schen Medi­ums Ossietzky. Nach eini­gen Besit­zer­wech­seln ist die FR jetzt kaum noch wie­der­zu­er­ken­nen. Die Ippen-Grup­pe ist Haupt­eig­ner und die Karl-Gerold-Stif­tung hält 10 Pro­zent. In Zei­ten der Her­stel­lung deut­scher »Kriegs­tüch­tig­keit« segelt die FR über­wie­gend auf Nato-Kurs und frem­delt mit dem Frie­den und der Losung »Die Waf­fen nieder«.

Dass sich jetzt z. B. ein Pan­zer-Batail­lon aus der hes­si­schen Kaser­ne in Schwar­zen­born auf dem Weg nach Litau­en bewegt, wird durch einen dpa-Bericht mit­ge­teilt. Das Batail­lon ist Teil der »Hee­res-Bri­ga­de-Litau­en«. Eine Bri­ga­de besteht aus bis zu 5.600 Sol­da­ten. Die­se »Zei­ten­wen­de-Bri­ga­de« ist auch in das aktu­ell lau­fen­de Groß­ma­nö­ver der Nato mit knapp 100.000 Sol­da­ten ein­ge­bun­den. Die »Ost­flan­ke«, in unmit­tel­ba­rer Nähe zur rus­si­schen Gren­ze, soll durch »glaub­haf­te Abschreckung« Russ­lands ver­tei­digt wer­den. Koste es, was es wol­le. Aktu­ell wird eine Mil­li­ar­de Euro ver­senkt. Bis 2025 soll die Bri­ga­de zur Nato-»Panzer-Division-2025« – »kalt­start­fä­hig und kriegs­taug­lich« – ange­wach­sen sein. Die Kli­ma­schäd­lich­keit, der unsin­ni­ge Res­sour­cen­ver­brauch, die gif­ti­gen Gase des Manö­vers, der Sta­tio­nie­rung etc. – »Kli­ma« ist anson­sten Zen­tral­the­ma der FR – spielt schon über­haupt kei­ne media­le Rol­le mehr.

Jetzt wird auch in der FR »Klar­text« gespro­chen und geschrie­ben. In die­ses Kon­zept pas­sen kei­ne (kriegs-)kritischen Leser­brie­fe. Wur­den vor Mona­ten noch täg­lich auf 2 Sei­ten (!) Leser­brie­fe – auch abwei­chend von der Blatt­li­nie – ver­öf­fent­licht, ist in den letz­ten zwei Mona­ten nur alle 2 bzw. 3 Tage eine (!) Leser­brief-Sei­te ver­öf­fent­licht wor­den. Seit einer Woche wer­den gar kei­ne Leser­brie­fe mehr publi­ziert. Lei­der reiht sich das in das »jour­na­li­sti­sche« Geba­ren der FR-Jung-Redak­teu­re ein. Exem­pla­risch soll der jour­na­li­sti­sche Irr­sinn an drei »woken« Groß­the­men fest­ge­macht wer­den, an denen sich die »Jung­re­dak­teu­re« im Lokal- und Hes­sen­teil ver­sucht haben.

Der Frank­fur­ter SPD-Stadt­ver­ord­ne­te Bäpp­ler-Wolf (und jetzt ehe­ma­li­ge kul­tur­po­li­ti­sche Spre­cher der SPD!) begab sich als Künst­ler auf ver­min­tes Gelän­de. Ihm wur­den »ras­si­sti­sche Aus­fäl­le« sei­tens der FR unter­stellt, mit Hin­weis auf eine Pro­gramm-Ankün­di­gung sei­ner – so die FR – »Bäp­pi La Belle«-Kunstfigur. Die­se lau­te­te: »›Alt, weiß, männ­lich – Lie­der unse­rer Jugend‹ von Ernst Neger bis Zigeu­ner­jun­ge. Da bleibt kein Woke­au­ge trocken«. Dann kam der Shit-Storm, und FR-Redak­teur Georg Lep­pert betei­lig­te sich dar­an eif­rig: Bäpp­ler-Wolf pro­vo­zie­re »mit ras­si­sti­schen Begrif­fen wie dem N- oder Z-Wort« (FR vom 20.02.2024).

Die Fak­ten­ba­sis: Ernst Neger (geb. 14.1.1909, gest. 15.1.1989) war bekann­ter Main­zer Kar­ne­va­list und galt als der »sin­gen­de Dach­decker­mei­ster«. Den Älte­ren unter uns ist sein Lied »Hei­le, hei­le Gäns­je« gut bekannt. Das sehn­suchts­vol­le Lied »Zigeu­ner­jun­ge« sang die früh­ver­stor­be­ne »Alex­an­dra« in den 1960er Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts in unmit­tel­ba­rer Zeit nach den Ver­bre­chen an Sin­ti und Roma; es hat­te mit Ras­sis­mus rein gar nichts zu tun. »Alex­an­dra« hat­te Kon­takt zu Yves Mon­tand und woll­te lie­ber sla­wi­sche Lie­der sin­gen. Noch bekann­ter war ihr Lied »Mein Freund, der Baum ist tot« Das mach­te sie zur Iko­ne einer frü­hen Umwelt­be­we­gung. – Sol­che Hin­wei­se hät­te sich die SPD-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de – Frau Ursu­la Busch – in einem FR-Inter­view zu eigen machen kön­nen, um sich schüt­zend vor die Mei­nungs- und Kunst­frei­heit ihres Kol­le­gen zu stel­len. Fei­ge ließ sie ihren »Genos­sen« im media­len Beschuss ste­hen (vgl. Stadt-FR-Inter­view vom 23.02.2024).

Von ähn­li­chem Kali­ber ist der »Wir­bel um ras­si­sti­sche Gesän­ge« und »Völ­ki­schen Wahn« im Stu­di­en­se­mi­nar der hes­si­schen Finanz­ver­wal­tung von FR-Hes­sen-Lan­des­kor­re­spon­dent Han­ning Voigts (Stadt-FR vom 10.+11.02.2024). Auf einer Par­ty in der nord­hes­si­schen Klein­stadt Roten­burg an der Ful­da am 23.1. soll aller­lei »gegrölt« wor­den sein. Zwi­schen­über­schrift: »Stu­die­ren­de der Finanz­ver­wal­tung sol­len ›Aus­län­der raus‹ gegrölt haben/​Polizei ermit­telt«. Die­se Paro­le soll zur Melo­die eines Pop­songs gesun­gen wor­den sein. So rich­tig lässt sich nicht ein­gren­zen, wer da über­haupt fei­er­te. Der­sel­be Autor muss dann Ende März 2024 klein­laut mit­tei­len: »Kei­ne Bewei­se für rech­te Paro­len – Ermitt­lun­gen zu Ras­sis­mus am Stu­di­en­zen­trum Roten­burg blei­ben ohne Ergeb­nis« (FR-Hes­sen vom 22.03.2024).

FR-Lan­des­kor­re­spon­dent Han­ning Voigts lässt sich aber nicht ent­mu­ti­gen. Jetzt wer­den »Hit­ler­grü­ße im Forst­amt« skan­da­li­siert (FR-Hes­sen vom 14.03.2024): »Auf einer Fei­er von Nach­wuchs-För­stern in Weil­burg sol­len rech­te Paro­len gefal­len sein.« Weil es um »rechts­extre­me Vor­fäl­le geht, hat die Staats­schutz­ab­tei­lung der Kri­mi­nal­po­li­zei in Weil­burg die Arbeit über­nom­men«. Dar­un­ter ist jetzt nichts mehr zu machen. Jetzt sind »Vier Aus­zu­bil­den­de unter Ver­dacht« (FR-Hes­sen vom 27.03.2024). Unklar bleibt, »ob die Beschul­dig­ten über­haupt Mit­ar­bei­ter des Lan­des­be­triebs Hes­sen­forst sind, weil das Forst­amt Weil­burg hes­sen­weit als Aus­bil­dungs­stät­te und Berufs­schu­le für ange­hen­de Forst­wir­te zustän­dig ist«.

Man hört jetzt nichts mehr. Ich hof­fe, dass die Fei­ern auf »päd­ago­gi­sche Art« mit den jun­gen Aus­zu­bil­den­den­dis­ku­tiert und bear­bei­tet wer­den. Sol­che »Vor­fäl­le« las­sen sich unter­schied­lich fas­sen: hyper­sen­si­bel oder päd­ago­gisch. In Zei­ten, in denen z. B. mit Eti­ket­tie­run­gen wie »Nazi« oder »Faschist« infla­tio­när und häu­fig unzu­tref­fend han­tiert wird, täte es dem poli­ti­schen Kli­ma im Lan­de gut, wenn erst ein­mal ver­bal abge­rü­stet wird und es mal wie­der zu ech­tem und mensch­li­chem Aus­tausch kommt. – Woll­te das Bäppler-Wolf?

»Isra­el bom­bar­die­ren« sei auf der dies­jäh­ri­gen Oster­marsch-Kund­ge­bung in Frankfurt/​Main im Chor geru­fen wor­den. So macht es jeden­falls der FR-Lokal­re­dak­teur Ste­fan Behr glau­ben (FR-Frank­furt vom 2.04.2024, »Krieg um Frie­den«). Er ver­sucht damit, eine Spal­tung unter den FR-lesen­den Frie­dens­freun­den zu stif­ten: »Der Oster­marsch zum Frank­fur­ter Römer­berg zeigt: Die Bewe­gung ist gespal­ten.« Es wäre jetzt natür­lich ver­mes­sen, zu behaup­ten, der Mann hat etwas mit den Ohren und benö­tigt ein Hör­ge­rät. Was tat­säch­lich – im Übri­gen bun­des­weit – zwar zuge­spitzt, aber inhalt­lich voll­kom­men kor­rekt, skan­diert wur­de, ist: »Isra­el bom­bar­diert. Deutsch­land finan­ziert.« Nun will aber Herr Behr drin­gend und pass­ge­nau etwas ande­res gehört haben. Die geru­fe­ne Paro­le ist glas­klar auf den Krieg Isra­els gegen die unschul­di­ge Zivil­be­völ­ke­rung des Gaza-Strei­fens bezo­gen. Auf dem Römer­berg in Frank­furt am Main wur­de jeden­falls nicht geru­fen, was dem FR-Redak­teur Behr so gut gepasst hät­te. Oster­marsch-Orga­ni­sa­tor Wil­li van Ooy­en hat es ja bereits im Inter­view mit der FR kor­ri­giert. Die Kor­rek­tur konn­te der erfah­re­ne Frie­dens­kämp­fer van Ooy­en in einem FR-Inter­view von Georg Lep­pert vor­neh­men (FR-Inter­view vom 3.04.2024 – »Die Frie­dens­be­we­gung ist nicht gespalten«).