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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Rukeli, der Sinti-Boxer

Im Thea­ter am Olgaeck in Stutt­gart, zum Glück im Hin­ter­haus, weil das kei­ne schö­ne Ecke ist, waren wir in einer Pre­mie­re: Der Fall Trollmann.

Auf der Home­page des Thea­ters lesen wir: »Ein Jour­na­list recher­chiert nach der Bio­gra­fie des legen­dä­ren Roma Boxer Johann Ruke­li Troll­mann. Der Lieb­ling der Pres­se und Stolz aller Sin­ti in Deutsch­land, ein Aus­nah­me-Talent, ein Star, der seit Kin­des­al­ter von einer Kar­rie­re als Boxer träum­te, wur­de 1944 im KZ bru­tal ermor­det. Der Mör­der blieb unbe­straft. Der Fall ist ver­jährt.« Damit ist über den Inhalt das Wesent­li­che gesagt.

Es ist in Stutt­gart, und viel­leicht auch anders­wo, lei­der so, dass die inter­es­san­ten Stücke nicht im Staats­thea­ter spie­len. Das mag am Zustand die­ses Staa­tes und sei­ner Die­ner lie­gen sowie am man­geln­den Mut der Inten­dan­ten und Regis­seu­re, die auch bei den Coro­na-Maß­nah­men mit­ge­macht haben, spä­ter haben sie die blau-gel­be Kriegs­fah­ne raus­ge­hängt, sie hät­ten frei­lich auch gleich die Stars and Stripes auf­zie­hen kön­nen, und alle Woke- und Can­cel-Kul­tur wird mit­ge­macht. Selbst­ver­dum­mung bleibt aber nicht unge­straft, das Staats­thea­ter wird fla­cher, was frei­lich zu einem Publi­kum passt, das das alles begrüßt und zur Stra­fe sich nun zu Tode lang­wei­len muss. Da hilft auch kein noch so lau­tes Klat­schen, um die Ver­stan­des­mo­ri­bun­den aus ihrem Tief­schlaf zu erwecken.

In dem klei­nen Thea­ter erle­ben wir ein Ein-Mann-Stück über fast zwei Stun­den, nie lang­wei­lig. (Nur die Müden, Schnell-Geschnit­te­nen und Video-Ver­wöhn­ten wer­den Län­gen monie­ren.) Ein Stück Geschichts­un­ter­richt über die man­gel­haf­te, ana­chro­ni­sti­sche oder eben absichts­voll ver­säum­te Auf­ar­bei­tung der NS-Zeit. Und wir erle­ben etwas Box­un­ter­richt und einen Bei­trag zur Geschich­te die­ses Sports in der ersten Hälf­te des letz­ten Jahr­hun­derts – und ein deut­sches schreck­li­ches Ende.

Groß­ar­ti­ges Thea­ter mit ein­fa­chen Mit­tel, inter­es­sant wie jenes im Wald­heim Sil­len­buch, als es um Cla­ra Zet­kin ging. Typisch für das bür­ger­li­che Publi­kum in Stutt­gart: Es fehlt bei die­ser Pre­mie­re, so durf­ten wir unse­ren Gra­tis-Sekt allein trin­ken! Und nach dem Stück mit dem Schau­spie­ler, Anto­nio Vaca Lag­ares, und der Regis­seu­rin, eine sehr sym­pa­thi­sche, freund­li­che und unauf­dring­li­che Frau, Nel­ly Eich­horn, noch über das Stück diskutieren.

Man wünscht sich dem Stück mehr Zuschau­er, weni­ger aus dem unver­stän­di­gen bür­ger­li­chen Lager als mehr aus Schu­len mit muti­gen Leh­rern, aber auch aus den Kampf­kunst­schu­len und v. a. Box­schu­len, sofern sie nicht auf der ande­ren Sei­te stehen.

Gutes Thea­ter scheint mehr im Abseits zu blü­hen, also suchen wir die Orte und war­ten auf wei­te­re span­nen­de Stücke.

Das Stück ist Teil des Roma-Tag Festivals.

Was ich dazu lese: Roger Repp­lin­ger: Leg dich, Zigeu­ner. Die Geschich­te von Johann Troll­mann und Tull Har­der. Piper Ver­lag 2008.