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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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»Und jetzt wirst Du mir zuhören!«

Sie war eine der ver­ehr­ten und belieb­te­sten Schau­spie­le­rin­nen in der DDR: Jut­ta Wacho­wi­ak. Das vor allem wegen der Haupt­rol­le in dem DEFA-Film »Die Ver­lob­te« (1980) in der Regie von Gün­ter Reich und Gün­ther Rücker. Zu Beginn der 1990er Jah­re war es ruhig gewor­den um sie. Nach Enga­ge­ments in Essen kehr­te sie nun zurück nach Ber­lin an das Deut­sche Theater.

In dem Stück »Juras­sik Park« von dem öster­rei­chi­schen Autor Eber­hard Pet­schin­ka und dem Schwei­zer Regis­seur Rafa­el San­chez soll die »Sie­ger­ge­schich­te« über die DDR ein wenig gera­de­ge­rückt wer­den. Die bei­den haben die DDR nicht selbst erlebt, konn­ten also unvor­ein­ge­nom­men zu Wer­ke gehen. Jut­ta Wacho­wi­ak sieht dies als gro­ßen Vor­teil. Muss sie doch mit anse­hen, dass vie­le west­deut­sche Kol­le­gen mei­nen, sie wür­den ihre Bio­gra­phie bes­ser ken­nen als sie selbst. Zugleich habe Pet­schin­ka eine erfreu­lich radi­ka­le Art, mit Din­gen umzu­ge­hen. Das sei eine glück­li­che Kon­stel­la­ti­on, denn Nach­sicht mit der DDR betrach­tet Wacho­wi­ak auch als unangebracht.

Jut­ta Wacho­wi­ak spielt die Wär­te­rin in einem geheim­nis­vol­len Park, in dem Dino­sau­ri­er gezüch­tet wer­den. Die Geschich­te des Parks, den nie­mand ver­las­sen oder unkon­trol­liert betre­ten darf, ver­mischt sich mit der Bio­gra­phie Wacho­wiaks. Sie erzählt von der Flucht der Mut­ter mit den zwei Töch­tern vor den Rus­sen 1945, von den Erleb­nis­sen in der Schu­le in einem Land, das es nicht mehr gibt. Sie berich­tet von ihrer Aus­bil­dung zur Schau­spie­le­rin, von ihren ersten Rol­len am Deut­schen Thea­ter sowie ihrer Zusam­men­ar­beit mit Gün­ter Reich an Fil­men der DDR. Dabei betrach­tet sie sich selbst als eine Art Dino­sau­ri­er, die bald aus­ster­ben wird. Ver­schwin­den wer­den natür­lich auch bald jene, die noch wie sie meh­re­re Syste­me erlebt haben: Krieg und Faschis­mus, die DDR und die Bun­des­re­pu­blik nach 1990. Aber sie will mit ihrer Rol­le in die­sem Stück ver­su­chen, die­sem Aus­ster­ben etwas entgegenzusetzen.

Nach der Öff­nung der Mau­er (des Parks) und der Umwand­lung in einen Ver­gnü­gungs­park ist für die Wär­te­rin des Parks und damit auch für die Schau­spie­le­rin nichts mehr so, wie es war. Noch glaubt sie, für sie wer­de sich nichts ändern – sie hat eine inter­es­san­te Arbeit, Geld, eine Woh­nung. Was soll ihr schon pas­sie­ren? Aber sie sieht die vie­len Arbeits­lo­sen, die gebro­che­nen Bio­gra­phien, das Ster­ben der Städ­te und das eige­ne Nicht­mehr­ge­braucht­wer­den. Sie kann die neue Frei­heit nicht genie­ßen. Die Igno­ranz gegen­über Fähig­kei­ten, Wis­sen, Ideen und Erleb­tem durch die neu­en Her­ren sowie die Ent­täu­schung las­sen sie immer mehr Fra­gen stel­len – zur Ver­gan­gen­heit, aber auch zur Zukunft. Es ärgert sie, dass die Mehr­heit kei­ne Fra­gen stellt, aber immer bes­ser weiß, wie es geht. Das schmerzt, und sie emp­fin­det es als ent­wür­di­gend. Und jetzt merkt sie: Über­all­hin kön­ne sie jetzt rei­sen – aber sie hat kei­ne Hei­mat mehr!

Ein gelun­ge­ner Auf­tritt der nun­mehr fast 80-jäh­ri­gen Schau­spie­le­rin. Sie ist wie­der ange­kom­men in »ihrem« Deut­schen Thea­ter, einem ehe­ma­li­gen Vergnügungspark.

Das zumeist jun­ge Publi­kum in der BOX dankt es ihr mit lan­gem Bei­fall. Aus mei­ner Sicht: Es ist scha­de, dass in der Auf­füh­rung nicht noch ein wenig mehr aus dem rei­chen Thea­ter­schaf­fen der Jut­ta Wacho­wi­ak in Erin­ne­rung geru­fen wor­den ist.

Näch­ste Auf­füh­run­gen: 21. und 28. Febru­ar, 19.30 Uhr, Ber­lin, Deut­sches Thea­ter, BOX