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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Verschwinden eines Vaters

Von der The­ma­tik »Ver­las­sen­wer­den« lebt eine Lite­ra­tur- und Pop­mu­sik­in­du­strie. Man fürch­tet fast, wenn man das Cover betrach­tet, in so etwas hin­ein­ge­zo­gen zu wer­den, denn dort pran­gen, gelb unter­legt, die Wör­ter: »ZÄRTLICH, TRAURIG, SCHMERZHAFT, SCHÖN«. Das mag so emp­fun­den wor­den und damit rich­tig sein, aber sol­che Ter­mi­ni erin­nern doch an Rega­le in der Bahn­hofs­buch­hand­lung, an denen man lie­ber vor­über­geht. Mat­thi­as Jüg­lers Roman »Die Ver­las­se­nen« aber ruft ganz ande­re Dimen­sio­nen auf, er zieht einen hin­ein in die Fra­gen, die Lite­ra­tur immer wie­der ver­han­delt und ver­han­deln muss: Wann ist Ver­gan­ge­nes ver­gan­gen? Wie viel Wahr­heit ertra­gen wir? Ist Ver­ge­bung mög­lich? Die­sen Dis­kurs führt das Buch in sei­ner Hand­lung überzeugend.

Erzählt wird eine »ost­deut­sche« Geschich­te, das Leben Johan­nes Wag­ners. Der ein­zel­gän­ge­ri­sche Jun­ge wächst in Hal­le auf. Früh ver­liert er sei­ne Mut­ter, und der Vater ver­schwin­det auf ein­mal, spur­los und rät­sel­haft: »Das letz­te Mal habe ich mei­nen Vater im Juni 1994 gese­hen.« So hebt die Geschich­te an, und alle Ver­mu­tun­gen, die das Fort­ge­hen eines Man­nes in der Lebens­mit­te erklä­ren kön­nen, wie man sie aus Erfah­rung und Lite­ra­tur kennt, tref­fen nicht zu. Viel­mehr, und das ist der bald auf­kei­men­de Ver­dacht beim Lesen, sind Sta­si­ve­rwick­lun­gen im Spiel. Und damit kann, was in Hal­le begann, erst in Nor­we­gen enden, und im Grun­de ist auch gar nichts zu »Ende«. Denn Ver­las­se­ne sind dann alle Roman­fi­gu­ren. Das Gefühl der Wir­kung von Ver­gan­gen­heit, die Ein­sam­keit erzeugt, ist in die­sem Roman über­zeu­gend ver­mit­telt worden.

Mehr von der Fabel zu ver­ra­ten, wäre unfair der erzähl­ten Geschich­te gegen­über. Zumal mit­ten im Buch die Repro­duk­tio­nen von »Erst­in­for­ma­tio­nen«, »Beob­ach­tungs­be­rich­te«, Fotos, also Sta­si­do­ku­men­te auf­tau­chen. Viel­leicht ist es ein wenig alt­vä­te­risch, wenn man sich fragt, ob Doku­men­te unbe­dingt in einen Text gehö­ren, der als »Roman« apo­stro­phiert wird. Es hät­te sei­ne Wir­kung nicht ver­fehlt, die­se in einem Erzähl­text auch zu »erzäh­len«. Aber man soll nicht dar­über klü­geln, was geschrie­ben wer­den könn­te, son­dern was geschrie­ben ist.

Des­we­gen ein Wort zur Spra­che des Buches. Sie ist wohl­tu­end lei­se, ver­mei­det jeden Knall­ef­fekt. Das ist ein unbe­ding­ter Gewinn. Frei­lich erweckt sie auch mit­un­ter das Gefühl bewuss­ten Unter­küh­lens, sodass wie­der­um man­ches selt­sam unbe­tei­ligt wirkt.

Die vom Klap­pen­text behaup­te­te Warm­her­zig­keit ent­steht nicht aus sprach­li­cher Tech­nik, son­dern dar­aus, dass nicht ver­ur­teilt wird, dass nicht mit dem Fin­ger aus dem Heu­te in die böse Ver­gan­gen­heit gezeigt wird, son­dern dass mit­ge­teilt wird, wie es nun ein­mal war und was dar­aus folg­te. In die­ser Hin­sicht dürf­te dies ein vor­bild­li­cher Roman sein, der eine Hal­tung für künf­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit der »Ver­gan­gen­heit DDR« vorführt.

Mat­thi­as Jüg­ler: Die Ver­las­se­nen, Roman, Pen­gu­in Ver­lag, 2021, 170 S., 18 €.