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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Villa Russo

Unter die­sem Titel hat die bri­ti­sche Kin­der­psych­ia­te­rin Julia Nel­ki ein beein­drucken­des Buch ver­öf­fent­licht. Im Fokus ihrer Erzäh­lung steht die Vil­la Rus­so, eine präch­ti­ge Jugend­stil­vil­la in Wer­ni­ge­ro­de am Nord­rand des Har­zes. Einer ihrer Vor­fah­ren, der jüdi­sche Käse­fa­bri­kant Moritz Rus­so, hat­te das Haus 1887 errich­ten las­sen. 1936 wur­de die Vil­la der Fami­lie von Nazis geraubt, betrof­fen waren Ben­no Rus­so, der jün­ge­re Bru­der des Erbau­ers, und des­sen Frau, die Opern­sän­ge­rin Cla­ra Jaf­fe. Bei­de wur­den im Win­ter 1942 ins KZ The­re­si­en­stadt depor­tiert. Ben­no Rus­so starb dort am 18. April 1943, sei­ne Frau wur­de in Ausch­witz ermordet.

Julia Nel­ki (gebo­ren 1953) ist die Groß­nich­te die­ser Nazi-Opfer. Sie erzählt uns die (Kriminal-)Geschichte der Vil­la und ihrer wech­seln­den Besit­zer bis heu­te. Dabei taucht sie tief ein in die Welt ihrer Vor­fah­ren. Sie ent­deckt sowohl sephar­di­sche als auch asch­ke­na­si­sche Her­künf­te; wir erfah­ren viel über jüdi­sches Leben und Lei­den in Europa.

Emo­tio­nal berührt, wie Julia Nel­ki uns mit­nimmt auf ihren Erkun­dungs­pro­zess, bei dem sie sich mit den geschicht­li­chen Bege­ben­hei­ten nach und nach ver­traut gemacht hat. Dabei stützt sie sich auf die Recher­chen ihres Vaters Wolf Nel­ki, eines Sozia­li­sten und assi­mi­lier­ten Ber­li­ner Juden (»Hit­ler hat aus mir einen Juden gemacht«), der mit dem Mar­xi­sten und Brecht-Leh­rer Karl Korsch befreun­det gewe­sen war. Zusam­men mit sei­ner Frau Erna hat­te Wolf Nel­ki in den 1930er Jah­ren vor den Nazis nach Eng­land flie­hen kön­nen. Bis zu sei­nem Tod im Jahr 1992 hat­te er inten­siv recher­chiert, wer aus sei­ner Fami­lie den Holo­caust überlebte.

Sein Wil­le war es, dass die Vil­la Rus­so wie in der DDR auch wei­ter­hin als Berufs­schu­le für Behin­der­te genutzt wird. Doch nach 1990 mach­te ein mehr als zwei­fel­haf­tes Treu­hand-Ver­fah­ren den Wunsch zunich­te. Erb­an­sprü­che eines Nach­fah­ren jenes Nazis, der es sich 1936 in der Vil­la bequem gemacht hat­te, konn­ten zwar abge­wehrt wer­den. Doch letzt­lich war es ein »Glücks­fall« und ist nicht etwa das Ver­dienst einer beschä­mend agie­ren­den Ver­wal­tung, dass die heu­ti­gen Besit­zer sich der jüdi­schen Tra­di­ti­on des Hau­es bewusst sind und dass die Vil­la Rus­so öffent­lich als musi­sche Begeg­nungs­stät­te wider das Ver­ges­sen neu­es Leben ausstrahlt.

Julia Nel­kis Buch ist beste poli­ti­sche Bil­dung in einer Zeit, da neue Nazis mor­dend durch Deutsch­land zie­hen. Lesen!

Julia Nel­ki: Vil­la Rus­so – eine deut­sche Geschich­te, Offi­zin Han­no­ver, 230 Sei­ten, 18 €