Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Walter Kaufmanns Lektüre

Danie­la Dahns jüng­stem Buch »Der Schnee von gestern ist die Sint­flut von heu­te« ist größ­te Reso­nanz vor­aus­zu­sa­gen. Die Arbeit hat Biss, ist zupackend, ist fak­ten­reich und durch­weg span­nend. Man schla­ge eine belie­bi­ge Buch­sei­te auf, stets wird man etwas Beson­de­rem zustim­men wol­len. Nicht zu Unrecht, so sagt man sich, fragt Danie­la Dahn: »Wer wagt es heu­te Men­schen wie Bru­no Baum und Julián Gri­mau zu belei­di­gen?« Womit zwei ermor­de­te Anti­fa­schi­sten Erwäh­nung fin­den, nach denen in der DDR Stra­ßen und Plät­ze benannt wor­den waren. (Was dann nach dem Mau­er­fall umge­hend geän­dert wur­de …, weg mit die­sen Roten!)

Spä­ter im Buch zeigt Danie­la Dahn, wie ein Jurist namens Thümm­ler, der es 1941 zum Gesta­po-Chef in Chem­nitz gebracht hat­te, einen Anwalt beauf­tragt, im Chem­nit­zer Rat­haus nach­zu­fra­gen, »was denn aus sei­ner [im Krieg zusam­men­ge­raff­ten, W. K.] Kunst­samm­lung gewor­den sei«. Anonym lässt er das erkun­den, ein Unter­ton von »wir sind wie­der da!« bleibt aber deut­lich. Laut einer Spie­gel-Umfra­ge im Jahr 1992, heißt es anders­wo, äußer­ten sich Ost­deut­sche weni­ger anti­se­mi­tisch, rechts­ra­di­kal und aus­län­der­feind­lich als West­deut­sche. »Erst in den letz­ten Jah­ren«, kon­sta­tiert Danie­la Dahn, »nähern sich die Wer­te lang­sam an – die inne­re Ein­heit in ihrer uner­wünsch­ten Form.« Zum Vor­wurf »verzwerg­ten« Den­kens von »indok­tri­nier­ten« DDRlern, erlaubt sich Danie­la Dahn zu ent­geg­nen: »Wie viel Gehirn­wä­sche habt ihr [West­bür­ger, W. K.] eigent­lich über euch erge­hen las­sen, um bis heu­te die Mär zu glau­ben, die Ame­ri­ka­ner hät­ten euch nach dem Krieg  Frei­heit und Demo­kra­tie gebracht?« Wei­ter im Buch ist zu lesen: »Wenn deut­sche Hartz-IV-Emp­fän­ger heu­te Fla­schen sam­meln, dann nicht wegen der Ret­tung von Geflüch­te­ten, son­dern wegen der Ret­tung von Ban­ken.« Und umsei­tig erfährt der Leser, dass die »Bekämp­fung der Flucht­ur­sa­chen … zwei­fel­los die beste Lösung« sei – schon seit Jahr­zehn­ten aber wür­de das ver­geb­lich ver­langt. »War­um soll­te es gera­de jetzt gelin­gen?« Und auf der fol­gen­den Sei­te wird fest­ge­stellt: »Die Igno­ranz von heu­te ist unser Not­stand von mor­gen.« Genug der Zita­te? Jawohl, genug! Nur die­ses noch: »Der Kapi­ta­lis­mus hat nicht gesiegt, er ist nur übrig geblieben.«

Und wenn gegen Ende des Buches Danie­la Dahn jed­we­de Rüstung ablehnt, sie Ent­rü­stung über Gewalt for­dert, ist sie zum Kern der Mise­re vor­ge­drun­gen. »Auf einem eurer Pla­ka­te«, ruft sie den Scha­ren jun­ger Leu­te von Fri­days for Future zu, »habt ihr die Wor­te CLIMATECHANGE durch­ge­stri­chen und dar­über SYSTEMCHANGE geschrie­ben.« Und damit, lie­be Leser, klingt das so herr­lich streit­ba­re Buch aus …

Danie­la Dahn: »Der Schnee von gestern ist die Sint­flut von heu­te. Die Ein­heit – eine Abrech­nung, Rowohlt Taschen­buch Ver­lag, 287 Sei­ten, 14 €. Buch­pre­mie­re: 1. Okto­ber, 20 Uhr, Pfef­fer­berg Thea­ter, Schön­hau­ser Allee 176, Ber­lin: Danie­la Dahn im Gespräch mit Peter Brandt. Wei­te­re Ver­an­stal­tun­gen sie­he: https://www.danieladahn.de/termine/.