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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Wer war Frank Arnau?

Es gibt Zeit­ge­nos­sen, die uns schon seit län­ge­rem ver­las­sen haben, aber es lohnt, an den einen oder ande­ren und sein Wir­ken zu erin­nern. Zu ihnen gehört ohne Zwei­fel der Öster­rei­cher Frank Arnau, der spä­ter die deut­sche und noch spä­ter die schwei­ze­ri­sche Staats­bür­ger­schaft erhielt und des­sen Bücher eine Auf­la­ge von etwa 1,5 Mil­lio­nen Exem­pla­ren erreich­ten. Er wur­de am 9. März 1894 in der Nähe von Wien gebo­ren, begann bereits in jun­gen Jah­ren, sich lite­ra­risch zu betä­ti­gen, und schrieb vor allem Kri­mi­nal­ro­ma­ne. Bereits 1933 muss­te er aus Deutsch­land flie­hen, weil er sich gegen die Nazi­herr­schaft aus­ge­spro­chen hat­te. Er leb­te dann zunächst in den Nie­der­lan­den, Spa­ni­en, Frank­reich und der Schweiz. Ab 1939 hielt er sich in Bra­si­li­en auf. Erst 1955 kehr­te Arnau wie­der zurück in die inzwi­schen gegrün­de­te Bun­des­re­pu­blik und war dann als Redak­teur beim Stern beschäf­tigt sowie auch für die Mün­che­ner Abend­zei­tung tätig. Als Mit­te der 1960er Jah­re der dama­li­ge Bun­des­prä­si­dent Hein­rich Lüb­ke der Betei­li­gung am Bau von Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern wäh­rend der Nazi­zeit beschul­digt wur­de, griff Arnau die The­ma­tik auf und mach­te sich neben ande­ren zum Für­spre­cher der erho­be­nen Vorwürfe.

Zuvor ent­stamm­ten sei­ner Feder auf­se­hen­er­re­gen­de Bücher wie »Kunst der Fäl­scher – Fäl­scher der Kunst« (1959) oder »Das Auge des Gesetzes«.

Als 1960 Vera Brüh­ne und Johann Fer­bach wegen Mor­des ver­ur­teilt wur­den, unter­zog er das Urteil einer gründ­li­chen Ana­ly­se. Das Ver­fah­ren gegen bei­de bleibt bis zum heu­ti­gen Tag höchst umstrit­ten, ihm hängt der Makel an, dass es sich um ein Fehl­ur­teil han­deln könn­te. Auch Frank Arnau kam im Ergeb­nis sei­ner Unter­su­chung zu einer kri­ti­schen Ein­schät­zung. Deren Ver­öf­fent­li­chung brach­te ihm einen Rüf­fel aus dem Baye­ri­schen Staats­mi­ni­ste­ri­um der Justiz ein. Das beein­druck­te ihn wenig. Statt­des­sen ant­wor­te­te er dem zustän­di­gen Mini­ste­ri­al­di­ri­gen­ten im Früh­jahr 1970 in einem Brief, der mit den Zei­len endet: »Ich emp­fin­de es als eine tra­gi­sche Ver­pflich­tung, Ihnen zu sagen, dass mich der Anblick der Justi­tia vor deut­schen Gerichts­ge­bäu­den häu­fig zu der Ver­mu­tung ver­lei­tet, dass sie die Augen­bin­de nicht des­halb trägt, weil sie ohne Ansicht der Per­son Recht zu spre­chen hat, viel­mehr des­halb, weil sie nicht mit anse­hen kann oder will, was in ihrem Namen an Unrecht geschieht.«

1967 erschien ein wei­te­rer bedeut­sa­mer Titel, »Kri­mi­na­li­tät von den bibli­schen Anfän­gen bis zur Gegen­wart«. Die Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Berlin/​DDR ver­lieh Arnau 1968 den Ehren­dok­tor­ti­tel, und auch aus ande­ren Tei­len des Aus­lands erhielt er ver­schie­de­ne Ehrun­gen. Beson­de­re Auf­merk­sam­keit erreg­te auch 1967 sein Buch »Die Straf-Unrechts­pfle­ge in der Bun­des­re­pu­blik« – eine kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit der Straf­rechts­pra­xis jener Zeit. Drei Jah­re zuvor war bereits der Titel »War­um Men­schen töten« erschie­nen. Auch ein Buch über den Water­ga­te-Skan­dal unter US-Prä­si­dent Richard Nixon brach­te er 1974 auf den Markt. In der DDR erschien im sel­ben Jahr ein Sam­mel­band unter dem Titel »Tätern auf der Spur – Aus­wahl aus dem Lebenswerk«.

Mich fas­zi­nier­te bereits damals Arn­aus Schreib- und Her­an­ge­hens­wei­se, man bemerk­te schnell, dass er nicht nur ein Kri­mi­nal­au­tor war, son­dern sich auch wis­sen­schaft­lich mit den von ihm selbst gewähl­ten The­men aus­ein­an­der­setz­te. Das brach­te ihm inter­na­tio­nal Aner­ken­nung und Ach­tung ein. In einem klei­nen Band mit Gruß­adres­sen anläss­lich sei­nes 80. Geburts­ta­ges fin­den sich so auch die Glück­wün­sche pro­mi­nen­ter Zeit­ge­nos­sen, unter ande­rem auch des bekann­ten DDR-Rechts­me­di­zi­ners Otto Prokop, der wie Arnau in Öster­reich gebo­ren wurde.

In die­sem Jahr wäre Frank Arnau 125 Jah­re alt geworden.