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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Zeitungs- und Italienliebe

Klaus Jäger, ein Autor, der jetzt auch schon das sech­zig­ste Lebens­jahr ankratzt, hat aller­lei hin­ter sich gebracht: eine Zeit­lang bei der Armee und fast drei­ßig Jah­re als Lokal­re­dak­teur in Apol­da, in denen er neben­bei fünf Kri­mis schrieb. Seit einem guten Jahr lässt er frei­schaf­fend aus sei­ner »Schreib­stu­be« (klaus-jaeger.info) hören und hat soeben einen beein­drucken­den Roman von fast 500 Sei­ten vorgelegt.

Held Lau­renz Stad­ler ist fester Ita­li­en-Kor­re­spon­dent für eine gro­ße Münch­ner Zei­tung. In Rom kann er leben und leben las­sen – doch sein Medi­en­kon­zern will spa­ren und beruft ihn zurück in die Zen­tra­le als »Blatt­ma­cher«. Das sind jene Sitz-Redak­teu­re, die nicht das Leben in Repor­ta­gen ein­fan­gen, son­dern mit knacki­gen Über­schrif­ten Leser – und gutes Geld – anlocken sollen.

Zuvor macht Stad­ler im Land sei­ner Sehn­sucht Urlaub, bleibt auf der Insel Pro­ci­da im Golf von Nea­pel hän­gen, lernt dort eine spä­te Lie­be, Car­lot­ta, die Titel­fi­gur, ken­nen – drei­ßig Jah­re jün­ger als er – und löst neben­bei ein Grund­ge­heim­nis sei­nes Lebens: Stad­ler wuchs vater­los und oft gemie­den in einem All­gäu­er Dorf auf.

Fes­selnd und schein­bar leicht wird von ita­lie­ni­schen Sit­ten erzählt – sowohl Held wie Jäger beherr­schen die Spra­che und streu­en gern und gekonnt Begrif­fe und Sät­ze ein. Dass das Prä­di­kat »Span­nend erzählt« hier stimmt, hat gewiss mit Jägers Kri­mi-Lehr­zeit zu tun. Manch­mal schrammt der Autor knapp an einer Pein­lich­keit vor­bei – das ist wohl so, wenn alter, wei­ßer Mann glut­äu­gi­ge Signo­ri­na mit aller Kör­per­lich­keit liebt. Doch des Autors Iro­nie und ein fast immer anwe­sen­der Humor hel­fen dar­über hinweg.

Wer die Unter­schie­de von Deutsch­tum und dol­ce vita erle­ben will – die­ses Buch brei­tet sie groß­zü­gig aus. Und wer die Hirn­ris­sig­kei­ten heu­ti­ger Medi­en­po­li­tik in Wort und Phra­se lesen will: Die wütend-sati­ri­schen Trak­ta­te Stad­lers wider das Kon­zern­un­we­sen spre­chen Ken­nern aus dem Herzen.

Dass auf der Insel Pro­ci­da alte Kapi­tä­ne ihre Lebens­ge­schich­ten zu Büchern in win­zi­gen Auf­la­gen machen, ist eine erfri­schen­de Neben­hand­lung, die dicht an der Rea­li­tät spielt. Denn die­se Tat­sa­che war die Keim­zel­le des Romans für Jäger. So ver­rät er’s im Nachwort.

Klaus Jäger: »Car­lot­ta oder Die Lösung aller Pro­ble­me«, Roman, Ver­lag Tasten & Typen, 480 Sei­ten, 16,80 €