Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Armin Laschet, abge­watsch­ter NRW-Mini­ster­prä­si­dent. – Der 37-köp­fi­ge CDU-Lan­des­vor­stand hat Ihren Per­so­nal­vor­schlag für die Kan­di­da­ten­li­ste zur Euro­pa­wahl abge­schmet­tert. Bild-Schlag­zei­le: »NRW-CDU kippt Euro­pa-Legen­de Elmar Brok«. Es gibt sie also doch: CDU-Poli­ti­ker mit Geschmack am Seriö­sen und gute Nach­rich­ten im Käse­blatt. Die 72-jäh­ri­ge »Euro­pa-Legen­de« Brok war schließ­lich als hem­mungs­lo­ser Rus­sen­fres­ser und Schluck­specht legendär.

Vol­ker Her­res, Bild­schirm­scho­ner. – In der Sen­dung »Pres­se­club« mode­rier­ten Sie das The­ma »Man isst, was man ist« unter ande­rem mit der licht­vol­len Bemer­kung an: »Essen ist eben mehr als nur eine Fra­ge des Geschmacks.« Auf wei­te­re Zita­te ver­zich­ten wir hier lie­ber. Fade Bin­sen­weis­hei­ten, vor­ge­tra­gen von Ihnen, dem Pro­gramm­chef der ARD. Über Geschmack lässt sich bekannt­lich nicht strei­ten, über die Geschmack­lo­sig­keit man­cher Stel­len­be­set­zung bei der ARD schon.

Bun­des­po­li­zei­di­rek­ti­on Ber­lin, sub­jek­tiv emp­find­sam. – Sie haben im Okto­ber eine »All­ge­mein­ver­fü­gung« erlas­sen, die angeb­lich das »sub­jek­ti­ve Sicher­heits­ge­fühl« von Bahn­rei­sen­den erhö­hen soll. Sie ver­bie­ten dar­in das »Mit­füh­ren von gefähr­li­chen Werk­zeu­gen« in Zügen und auf Bahn­hö­fen. Das Ver­bot soll­te vom 1. Novem­ber bis zum 31. Janu­ar gel­ten, und zwar »jeweils in den Näch­ten von Frei­tag zu Sams­tag und von Sams­tag zu Sonn­tag in der Zeit von 20:00 bis 6:00 Uhr« in S-Bah­nen, Regio­nal- und Fern­zü­gen zwi­schen den Sta­tio­nen Zoo­lo­gi­scher Gar­ten und Lich­ten­berg sowie in allen Bahn­hö­fen die­ses Strecken­ab­schnitts. Nicht nur Mes­ser oder Schlag­rin­ge, son­dern alle mög­li­chen Gegen­stän­de, vom Ski- oder Wan­der­stock bis zur Nagel­fei­le, kön­nen als »gefähr­li­che Werk­zeu­ge« defi­niert wer­den. Wenn man will, kann man so bei jedem etwas Ver­bo­te­nes fin­den. Dage­gen hat ein S-Bahn-Nut­zer geklagt. Das zustän­di­ge Ver­wal­tungs­ge­richt schätzt die Erfolgs­aus­sich­ten der Kla­ge so hoch ein, dass es auf Antrag das Ver­bot jetzt bis zur Ent­schei­dung sus­pen­dier­te. Dage­gen haben Sie Beschwer­de ein­ge­legt und ange­kün­digt, das Ver­bot trotz der Sus­pen­die­rung an den ver­blei­ben­den Janu­ar-Wochen­en­den anzu­wen­den. Beun­ru­hi­gend dabei einer­seits Ihr Umgang mit den Grund­rech­ten der Bür­ger und mit Gerichts­ent­schei­dun­gen, ande­rer­seits auch ein Satz, der in Ihrer Ver­bots­be­grün­dung gleich zwei­mal vor­kommt: »Es ist anzu­neh­men, dass ein Groß­teil der Rei­sen­den unter den gege­be­nen Ver­hält­nis­sen mit einer sol­chen Maß­nah­me zu ihrem eige­nen Schutz ein­ver­stan­den ist.« Die ange­nom­me­ne Mei­nung einer unbe­stimm­ten Men­schen­men­ge als Ersatz für die nicht vor­han­de­ne Rechts­grund­la­ge poli­zei­li­cher Maß­nah­men, die die Grund­rech­te ein­schrän­ken? Frü­her hieß so etwas mal »gesun­des Volks­emp­fin­den«. Unser sub­jek­ti­ves Sicher­heits­ge­fühl erhöht das nicht.

Heri­bert Prantl, Ex-Staats­an­walt und Lei­ter des Res­sorts Mei­nung bei der Süd­deut­schen Zei­tung.Anläss­lich eines beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt anhän­gi­gen Ver­fah­rens kri­ti­sie­ren Sie in Ihrer Kolum­ne »Prantls Blick« scharf die Pra­xis der Job-Zen­tren, die Hartz-IV-Lei­stun­gen für Lang­zeit­ar­beits­lo­se durch Sank­tio­nen auf ein »men­schen­un­wür­di­ges Exi­stenz­mi­ni­mum« zu drücken: »Der Sank­ti­ons­pa­ra­graf 31 des Sozi­al­ge­setz­buchs II ist das kal­te Herz des gesam­ten Hartz-Geset­zes; es ist dies der läng­ste Para­graf und offen­bar der prak­tisch wich­tig­ste: Wie kann man die Hartz-IV-Emp­fän­ger zwie­beln? Der Para­graf behan­delt die Leu­te als poten­zi­el­le Faul­pel­ze, denen man die Faul­pel­ze­rei auf Schritt und Tritt aus­trei­ben muss. Hartz IV macht den Bür­ger, wenn er arm ist, zum Unter­tan.« An ande­rer Stel­le: »Mit Hartz IV haben Ele­men­te des Straf­rechts ins Sozi­al­recht Ein­zug gehal­ten. […] Es ist ein schi­ka­nö­ses Gesetz, das die Behör­den zu Ver­wal­tungs­ex­zes­sen zwingt und die Lebens­lei­stung auch der Men­schen miss­ach­tet, die einen Groß­teil ihres Lebens gear­bei­tet haben und dann von Arbeits­lo­sig­keit erwischt wur­den. Sie alle wer­den von Hartz IV ent­mün­digt.« Dem kann man nur zustim­men. Aber müs­sen Sie dabei eine Rede­wen­dung benut­zen, die »schwarz« mit »schlecht« oder »unheil­voll« gleich­setzt? Es ist Ihnen wahr­schein­lich nicht in den Sinn gekom­men, dass es man­che Men­schen ver­letzt, wenn Sie schrei­ben: »Die schwar­ze Päd­ago­gik, die in der Kin­der­er­zie­hung ver­pönt ist, hat Hartz IV bei erwach­se­nen Men­schen wie­der ein­ge­führt.« Schwar­zer Frei­tag, schwar­zes Schaf, schwar­ze Magie, schwar­ze Päd­ago­gik – wer hat Angst vorm schwar­zen Mann? Wir nicht, denn: »Black is beautiful.«

Richard Grenell, US-Statt­hal­ter in Deutsch­land. – Zum zwei­ten Mal inner­halb weni­ger Wochen haben Sie hie­si­ge Kon­zer­ne dro­hend auf­ge­for­dert, sich vom Bau der Erd­gas­lei­tung »Nord Stream 2« zurück­zu­zie­hen: »Wir beto­nen wei­ter­hin, dass Fir­men, die sich im rus­si­schen Ener­gie­ex­port-Sek­tor enga­gie­ren, sich an etwas betei­li­gen, das mit einem erheb­li­chen Sank­ti­ons­ri­si­ko ver­bun­den ist […] Im Ergeb­nis unter­gra­ben Fir­men, die den Bau bei­der Pipe­lines unter­stüt­zen, aktiv die Sicher­heit der Ukrai­ne und Euro­pas.« Im Ergeb­nis betrei­ben Sie gro­be Ein­mi­schung in die inne­ren Ange­le­gen­hei­ten ande­rer Län­der. Lei­der hält unser Außen­mi­ni­ster Maas Bück­lin­ge und Rek­tal­vi­si­ten bei den US-Her­ren für Diplomatie.

Gerd Lands­berg, Haupt­ge­schäfts­füh­rer des Städ­te- und Gemein­de­bun­des. – Im Inter­view mit der Fun­ke Medi­en­grup­pe haben Sie eine Reform der Sozi­al­ge­setz­ge­bung ver­langt. Der Staat kön­ne nur ver­tei­len, was er vor­her den Bür­gern über Steu­ern und Abga­ben ent­zo­gen habe. Die Sozi­al­ge­set­ze sei­en zu ver­ein­fa­chen, Büro­kra­tie abzu­bau­en und den wirk­lich Bedürf­ti­gen bes­ser zu hel­fen: »Das ist Vor­aus­set­zung dafür, dass der Sozi­al­staat lang­fri­stig finan­zier­bar ist.« Sie kre­ieren damit unge­fragt einen Unter­schied zwi­schen »Armen« und »wirk­lich Armen«, obwohl das staat­lich defi­nier­te Exi­stenz­mi­ni­mum eine sol­che Debat­te ver­bie­ten soll­te. Aus Grün­den neo­li­be­ra­ler Agi­ta­ti­on igno­rie­ren Sie zudem, dass der Sozi­al­staat sich sehr wohl pro­blem­los finan­zie­ren könn­te, wür­de er nur end­lich eine Ver­mö­gen­steu­er und eine nam­haf­te Erb­schaft­steu­er einführen.

Jut­ta All­men­din­ger, Prä­si­den­tin des Wis­sen­schafts­zen­trums Ber­lin (WZB) für Sozi­al­for­schung. – Der Rat der Volks­be­auf­trag­ten, der in der Fol­ge der durch die Novem­ber­re­vo­lu­ti­on geschaf­fe­nen Sol­da­ten-, Arbei­ter- und Bau­ern­rä­te die Macht aus­üb­te, ver­kün­de­te am 12. Novem­ber 1918: »Alle Wah­len zu öffent­li­chen Kör­per­schaf­ten sind fort­an nach dem glei­chen, gehei­men, direk­ten, all­ge­mei­nen Wahl­recht auf Grund des pro­por­tio­na­len Wahl­sy­stems für alle min­de­stens 20 Jah­re alten männ­li­chen und weib­li­chen Per­so­nen zu voll­zie­hen.« In den WZB-Mit­tei­lun­gen (Heft 162, Sei­te 5) erin­nern Sie an 100 Jah­re Frau­en­wahl­recht aber nur wie folgt: »Ostern 1918. Kai­ser Wil­helm II. hält eine Anspra­che zur Refor­ma­ti­on des Wahl­rechts. Kein Wort über Frau­en. Das erzürnt vie­le und lässt Par­tei­gren­zen ver­blas­sen. Frau­en aller poli­ti­schen Rich­tun­gen tun sich zusam­men und for­dern das Recht, wäh­len zu dür­fen. Nach vie­len Jahr­zehn­ten erfolg­lo­ser Bemü­hun­gen errei­chen sie nun bin­nen weni­ger Mona­te ihr Ziel. Am 12. Novem­ber 1918 wird das Reichs­wahl­ge­setz geän­dert, Frau­en das pas­si­ve und akti­ve Wahl­recht gewährt.« Sie erwei­sen sich als unge­naue Histo­ri­ke­rin; die gesetz­li­che Fixie­rung des Frau­en­wahl­rechts erfolg­te mit der am 30. Novem­ber 1918 beschlos­se­nen Ver­ord­nung über die Wah­len zur ver­fas­sungs­ge­ben­den deut­schen Natio­nal­ver­samm­lung. Aber das Ver­blas­sen geschicht­li­cher Daten bei Ihnen wäre noch ent­schuld­bar, wenn da nicht auch scham­haft ver­schwie­gen wür­de, dass die Ein­füh­rung des Frau­en­wahl­rechts vor 100 Jah­ren eine Errun­gen­schaft der revo­lu­tio­nä­ren Räte gewe­sen ist. Von intel­lek­tu­el­ler Red­lich­keit zeugt das nicht gera­de, eher von der wil­li­gen Bereit­schaft einer Kar­rie­re-Wis­sen­schaft­le­rin, die Bedeu­tung der Novem­ber­re­vo­lu­ti­on geschichts­blind zu ver­leug­nen. Scha­de, denn Sie waren von 1999 bis 2002 immer­hin als erste Frau die Vor­sit­zen­de der Deut­schen Gesell­schaft für Soziologie.