Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Paarungsbereite Grillen

Ein schreck­li­ches Geheim­nis ist gelüf­tet. Erin­nern wir uns: Kuba­ni­sche Kom­mu­ni­sten haben US-ame­ri­ka­ni­sche Diplo­ma­ten und deren Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge in Havan­na mit Schall ange­grif­fen. Das zumin­dest behaup­te­ten die Ede­lau­ßen­po­li­ti­ker im Sta­te Depart­ment, ihre Kol­le­gen in den zahl­rei­chen Nach­rich­ten- und Geheim­dien­sten. Selbst Prä­si­dent Donald Trump kon­sta­tier­te, es habe ein »gro­ßes Pro­blem« in Kuba gege­ben, und »sie haben sehr schlim­me Din­ge getan«.

Ja, myste­ri­ös ging es zu in Havan­na und in Washing­ton. Rät­sel­haf­te aku­sti­sche Anschlä­ge mit bis­her nicht iden­ti­fi­zier­ten wun­der­sa­men Gerä­ten auf US-ame­ri­ka­ni­sche Diplo­ma­ten in der kuba­ni­schen Haupt­stadt führ­ten über einen län­ge­ren Zeit­raum zu Schwin­del­ge­füh­len, Kopf­schmer­zen und in Ein­zel­fäl­len zu dau­er­haf­tem Gehör­ver­lust. Um die Gesund­heit ihrer Bür­ger besorgt, zog das Außen­mi­ni­ste­ri­um die Betrof­fe­nen und Gefähr­de­ten aus Havan­na ab. Ein hoch­ran­gi­ger Mit­ar­bei­ter des Sta­te Depart­ment erklär­te, bis die kuba­ni­sche Regie­rung »die Sicher­heit der US-Regie­rungs­be­schäf­tig­ten sicher­stel­len kann«, wer­de es in der Bot­schaft nur noch eine Not­mann­schaft geben. Ein Unter­su­chungs­aus­schuss hat­te zuvor fest­ge­stellt, die diplo­ma­ti­schen Ver­tre­ter der USA sei­en mit einer hoch­ent­wickel­ten aku­sti­schen Appa­ra­tur attackiert wor­den. Mit die­ser Anschul­di­gung wur­den meh­re­re kuba­ni­sche Diplo­ma­ten aus Washing­ton aus­ge­wie­sen. Es war eine hand­fe­ste diplo­ma­ti­sche Krise.

Die kuba­ni­sche Regie­rung zeig­te sich groß­zü­gig und ließ FBI-Agen­ten ein­rei­sen, die an Ort und Stel­le die Wohn­häu­ser betrof­fe­ner Diplo­ma­ten gründ­lich durch­such­ten und kei­ner­lei Schall-Appa­ra­tu­ren fan­den. Des­sen unge­ach­tet wie­der­hol­te die Washing­to­ner Admi­ni­stra­ti­on mit unver­min­der­ter Laut­stär­ke ihre Anschul­di­gun­gen. Kuba­ni­sche Wis­sen­schaft­ler bekräf­tig­ten dage­gen, dass es kei­ner­lei Bewei­se für die Unter­stel­lung der Washing­to­ner Regie­rung gebe. Kuba­ni­scher­seits wur­de dar­auf hin­ge­wie­sen, dass kuba­ni­schen Exper­ten ein Kon­takt zu den Hör­ge­schä­dig­ten und deren Ärz­ten ver­wehrt wur­de. Auch sei­en sie nicht zu den Orten vor­ge­las­sen wur­den, an denen nach Anga­ben der USA die Gesund­heits­be­ein­träch­ti­gun­gen ein­ge­tre­ten sein soll­ten. Doch der Lärm ebb­te nicht ab und dien­te zur nach­träg­li­chen Begrün­dung dafür, dass Trump die unter sei­nem Vor­gän­ger Oba­ma vor­ge­nom­me­nen Maß­nah­men zur Ver­bes­se­rung der bila­te­ra­len Bezie­hun­gen revi­diert hat­te. Fort­an blie­ben die kuba­ni­schen Aku­stik-Krie­ger auf der Ankla­ge­bank. Die Welt soll­te glau­ben, die kuba­ni­schen Fin­ster­lin­ge hät­ten geheim­nis­vol­le Schall­waf­fen gegen diplo­ma­ti­sches Per­so­nal ein­ge­setzt. Mehr noch, US-Medi­en ver­brei­te­ten die Mär, dass »Russ­land wahr­schein­lich« hin­ter den Angrif­fen stecke. NBC behaup­te­te gar, dass US-Geheim­dien­ste dies mit abge­fan­ge­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­le­gen nach­wei­sen könn­ten (s. Ossietzky 22/​2017).

Doch nun ist die Wahr­heit dank einer Stu­die der Ber­ke­ley-Uni­ver­si­tät, die auf der Jah­res­ta­gung der US-ame­ri­ka­ni­schen Socie­ty for Inte­gra­ti­ve and Com­pa­ra­ti­ve Bio­lo­gy (SICB) vor­ge­stellt wur­de, ans Licht gekom­men. Die Fin­ster­lin­ge sind weder Kuba­ner noch Rus­sen, es sind paa­rungs­wil­li­ge Gril­len­männ­chen. Ihr schar­fer Ruf rich­te­te sich nicht an US-Diplo­ma­ten, son­dern an heiß begehr­te Gril­len­weib­chen. In der Stu­die wird nach­ge­wie­sen, dass die »Schallan­grif­fe« auf US-Diplo­ma­ten »spek­tral dem wider­hal­len­den Ruf einer kari­bi­schen Gril­le« ent­spre­chen. Es hand­le sich eigent­lich um indi­sche Kurz­schwanz­gril­len (Anu­ro­gryl­lus celer­i­nic­tus), deren Rufe bis ins Detail mit der Ton­auf­zeich­nung der »Schallan­grif­fe« auf US-Diplo­ma­ten in Kuba über­ein­stim­me, »und zwar in Dau­er, Puls­fol­ge­fre­quenz, Lei­stungs­spek­trum, Puls­fre­quenz­sta­bi­li­tät und Schwin­gun­gen pro Puls«.

Die Stu­die der Ber­ke­ley-Uni­ver­si­tät mach­te die enor­men Anstren­gun­gen der Washing­to­ner Geheim­dien­ste zur Iden­ti­fi­zie­rung der kuba­ni­schen oder der rus­si­schen aku­sti­schen Wun­der­waf­fe zunich­te. Umsonst hat­te sich das Sta­te Depart­ment auch an die Air For­ce und ihr Ener­gie­for­schungs­pro­gramm auf der Kirt­land Air For­ce Base in New Mexi­co gewandt, wo das Mili­tär rie­si­ge Labors hat, um elek­tro­ma­gne­ti­sche Hoch­lei­stungs­waf­fen zu testen. Alles war ver­geb­li­che Müh, aller­dings auch ein Beweis dafür, dass man den eige­nen Lügen häu­fig am mei­sten traut.

Inter­na­tio­nal rief die Stu­die, die die schwe­ren, wenn auch letzt­lich lächer­li­chen Beschul­di­gun­gen an die Adres­sen Havan­nas und Mos­kaus in das Mär­chen­land der US-Geheim­dien­ste ver­wies, ein recht brei­tes Echo her­vor. Selbst die New York Times muss­te ein­ge­ste­hen, dass wei­te­re Exper­ten die Stu­die der Ber­ke­ley-Uni­ver­si­tät für rich­tig befun­den haben. Anders dage­gen die bun­des­deut­schen Medi­en. Blät­ter wie die Welt und Bild, die so laut in die US-ame­ri­ka­ni­schen Alarm­ge­sän­ge ein­ge­stimmt hat­ten, hüll­ten sich weit­ge­hend in Schwei­gen. Auch der Deutsch­land­funk berich­te­te recht schmal­lip­pig über den kom­plet­ten Zusam­men­bruch der Washing­to­ner Ankla­gen und füg­te sicher­heits­hal­ber hin­zu: »Trotz­dem blei­ben noch Fra­gen offen: Zum einen gibt es noch kei­ne unab­hän­gi­ge Über­prü­fung der Ana­ly­se. Zum ande­ren ist bis heu­te nicht klar, ob es wirk­lich der Ton war, der die Bot­schafts­mit­ar­bei­ter krank gemacht hat.«

Gut for­mu­liert. Zurück­hal­tung ist bit­ter nötig. Wer sagt denn, dass die Rus­sen die Kurz­schwanz-Gril­len nicht in Abstim­mung mit kuba­ni­schen Geheim­dien­sten nach Havan­na gebracht haben. Oder, denn ihnen ist bekannt­lich alles zuzu­trau­en, sie haben sie mit ihren welt­be­kann­ten her­vor­ra­gen­den Tier­psy­cho­lo­gen so dres­siert, dass sie ziel­ge­nau nur US-Diplo­ma­ten attackier­ten. Dem Deutsch­land­funk kann man nur zustim­men. Es blei­ben noch Fra­gen offen. Aller­dings: Gro­ße Trot­tel kön­nen zuwei­len mehr fra­gen, als klu­ge Leu­te beant­wor­ten können.