Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Menasses Europa – Dichtung und Wahrheit

Im August 2018 führ­te die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung ein Inter­view mit dem »EU-Enthu­sia­sten« Robert Men­as­se über das libi­di­nö­se Objekt sei­nes Wir­kens und Schaf­fens. Men­as­se, sel­ten Den­ker, meist Dich­ter, den das bor­nier­te wört­li­che Zitie­ren nicht küm­mert, »wenn es [ihm] um den Sinn geht« (Ans­gar Graw: »Was küm­mert mich das Wört­li­che«, in: Welt, 23.12.2018), dia­gno­sti­ziert, dass »in Brüs­sel eine Büro­kra­tie in neu­er histo­ri­scher Qua­li­tät ent­stan­den ist.« (Paul Ingen­da­ay: »Nie wie­der Rea­lis­mus!«, in: FAZ, 22.8.2018) Wor­in grün­det die­se neue histo­ri­sche Qua­li­tät der EU-Büro­kra­ten? Men­as­se gibt Aus­kunft: »Hier arbei­ten Men­schen, die kei­nen Eid auf einen Staat, son­dern auf eine Idee gelei­stet haben.« Zwar moch­te Men­as­se im Gesprächs­ver­lauf nicht prä­zi­sie­ren, um wel­che Art von Idee es sich dabei han­delt, doch ver­mag ein Blick in den Süd­osten des Kon­ti­nents, genau­er: nach Grie­chen­land, wo die EU in den letz­ten Jah­ren ein erstaun­li­ches Arbeits­pen­sum an den Tag gelegt hat, Auf­schluss dar­über geben, wel­che Idee die EU bei ihrem Tun leitet.

Grie­chen­land, das 1981 – kaum der Mili­tär­dik­ta­tur ent­ron­nen – der Euro­päi­schen Gemein­schaft bei­trat, trug die typi­schen Merk­ma­le einer peri­phe­ren poli­ti­schen Öko­no­mie: Absatz­markt für Indu­strie­pro­duk­te aus dem euro­päi­schen Zen­trum, Lie­fe­rant von Roh­stof­fen und Agrar­gü­ter, beherrscht von einer Komp­ra­do­ren-Bour­geoi­sie. Die Auf­nah­me in die Euro-Zone bescher­te Grie­chen­land dank sin­ken­der Zin­sen einen kurz­fri­sti­gen Wirt­schafts­boom, wel­cher von der 2007 ein­set­zen­den Kri­se des Welt­fi­nanz­sy­stems unsanft been­det wur­de; die als Ban­ken fir­mie­ren­den Glücks­spiel­häu­ser des Westens hat­ten sich auf den Kre­dit­märk­ten ver­spe­ku­liert, wor­auf­hin die jewei­li­gen Staa­ten mit­tels soge­nann­ter Ban­ken­ret­tungs­pro­gram­me die unein­bring­li­chen For­de­run­gen und pri­va­ten Schul­den­ber­ge auf ihre Bücher nah­men, das heißt eine Sozia­li­sie­rung von Ver­lu­sten betrie­ben. Gera­de noch dem Abgrund ent­ron­nen, began­nen »die Märk­te« sogleich dar­auf zu spe­ku­lie­ren, ob die Staa­ten der Euro-Peri­phe­rie noch fähig sind, ihren frisch akku­mu­lier­ten Schul­den­berg zu bedie­nen. Die Zin­sen auf Staats­an­lei­hen began­nen zu klet­tern; Grie­chen­land muss­te im Früh­jahr 2010 statt sechs Pro­zent plötz­lich über zwölf Pro­zent auf lang­lau­fen­de Anlei­hen zah­len. Der Zins­schock, zu dem sich noch ein rie­si­ges Han­dels­de­fi­zit gegen­über den ande­ren Euro-Staa­ten gesell­te, hat­te zur Fol­ge, dass Grie­chen­land sei­ne Schul­den nicht mehr bedie­nen konn­te; das Land war de fac­to bankrott.

Statt nun Grie­chen­lands Gläu­bi­ger – dar­un­ter zahl­rei­che deut­sche und fran­zö­si­sche Ban­ken – das in Sonn­tags­re­den geprie­se­ne Kapi­tal­markt­ri­si­ko tra­gen zu las­sen und die Kre­di­te abzu­schrei­ben, ent­schloss sich die aus EU, Euro­päi­scher Zen­tral­bank (EZB) und Inter­na­tio­na­lem Wäh­rungs­fonds (IWF) bestehen­de »Troi­ka«, einem zah­lungs­un­fä­hi­gen und wirt­schaft­lich am Boden lie­gen­den Grie­chen­land einen Kre­dit über 110 Mil­li­ar­den Euro zur Ver­fü­gung zu stel­len, damit das Land sei­ne aus­ste­hen­den Schul­den bedie­nen konn­te und die fra­gi­len Ban­ken­sy­ste­me der Gläu­bi­ger­staa­ten nicht gefähr­det wur­den. Gemäß dem Koch­buch der »schwä­bi­schen Haus­frau«, die eigent­lich eine ucker­mär­ki­sche Illu­si­ons­künst­le­rin ist, wur­de dem geplag­ten Land über­dies eine öko­no­mi­sche Ross­kur ver­ord­net: dra­sti­sches Sen­ken von Löh­nen, Prei­sen und öffent­li­chen Defi­zi­ten, Steu­er­erhö­hun­gen (vor allem Kon­sum­steu­ern) und Pri­va­ti­sie­rung öffent­li­chen Eigentums.

Über­ra­schen­der­wei­se führ­ten die seri­el­len Spar­pro­gram­me nicht dazu, dass Grie­chen­land wirt­schaft­lich gesun­de­te. 2015 wähl­ten die Grie­chen die sozia­li­sti­sche Syri­za mit dem Auf­trag in die Regie­rung, dem Elend der Austeri­tät ein Ende zu berei­ten und einen Neu­an­fang mit den euro­päi­schen Part­nern zu fin­den. Die euro­päi­schen Insti­tu­tio­nen führ­ten die­se Gesprä­che im Gei­ste eines spe­zi­fi­schen EU-Huma­nis­mus; so schil­der­te etwa der grie­chi­sche Finanz­mi­ni­ster Varou­fa­kis bei Ver­hand­lun­gen dem Lei­ter des Ret­tungs­fonds der Euro­zo­ne (ESM), Klaus Reg­ling, die Bre­douil­le, in der sich Grie­chen­land befand: »Wenn wir, wie erwar­tet, in ein oder zwei Wochen nicht mehr genug Geld haben, um die näch­ste Rate an den IWF zu beglei­chen und Gehäl­ter und Ren­ten zu bezah­len, was sol­len wir Dei­ner Mei­nung nach dann tun, Klaus? Die Wahl wird sein, ent­we­der unse­re Zah­lungs­ver­pflich­tun­gen gegen­über den Alten und Schwa­chen oder die gegen­über dem IWF nicht zu erfül­len.« Für einen guten und auf­rech­ten Sozi­al­de­mo­kra­ten wie Klaus Reg­ling konn­te es nur eine Ant­wort geben: »Ihr dürft auf gar kei­nen Fall gegen­über dem IWF zah­lungs­un­fä­hig wer­den. Ver­schiebt lie­ber die Ren­ten­zah­lun­gen.« (Yanis Varou­fa­kis: »Die gan­ze Geschich­te. Mei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit Euro­pas Estab­lish­ment«; Deutsch von Ursel Schä­fer, Anne Emmert, Claus Var­rel­mann, Mün­chen 2017)

Nach­dem die Grie­chen am 5. Juli 2015 per Volks­ab­stim­mung sich mit gro­ßer Mehr­heit gegen ein neu­es, von Ber­lin und Brüs­sel aus­ge­heck­tes »Spar­pro­gramm« aus­ge­spro­chen hat­ten, übte die Troi­ka mas­siv Druck auf Athen aus, der grie­chi­sche Mini­ster­prä­si­dent Tsi­pras ver­wan­del­te sich gewis­ser­ma­ßen über Nacht von einem Sozia­li­sten in einen Sozi­al­de­mo­kra­ten und ver­kauf­te mit sei­ner Zustim­mung zu einem noch dra­ko­ni­sche­ren Memo­ran­dum sein Volk an die Troika.

Das »Ret­tungs­pro­gramm« lief im August 2018 aus, und die Ergeb­nis­se des Wir­kens der von Men­as­se gerühm­ten euro­päi­schen Büro­kra­tie kön­nen nun besich­tigt wer­den: Das Brut­to­so­zi­al­pro­dukt Grie­chen­lands schrumpf­te seit Beginn der Kri­se um 25 Pro­zent und ver­harrt in etwa auf die­sem Niveau – die größ­te wirt­schaft­li­che Kata­stro­phe in einem Land, wel­ches nicht von einem Krieg bezie­hungs­wei­se Bür­ger­krieg heim­ge­sucht wur­de; betrug der Schul­den­berg zu Kri­sen­be­ginn knapp 80 Pro­zent des Brut­to­so­zi­al­pro­duk­tes, so belief er sich 2018 auf rund 180 Pro­zent. Athen steht bei der Troi­ka gegen­wär­tig mit 260 Mil­li­ar­den Euro in der Krei­de – und die Troi­ka wird unter neu­em Namen über die näch­sten Jahr­zehn­te, mög­li­cher­wei­se sogar bis ins näch­ste Jahr­hun­dert die Wirt­schafts-, Finanz- und Sozi­al­po­li­tik Athens kon­trol­lie­ren und mit­be­stim­men, um Zins und Til­gung aus dem Land zu pres­sen. Die Arbeits­lo­sen­quo­te beträgt immer noch knapp 20 Pro­zent, die Jugend­ar­beits­lo­sig­keit ist etwa dop­pelt so hoch. Pro­fi­ta­ble öffent­li­che Ein­rich­tun­gen wur­den zu Dum­ping­prei­sen pri­va­ti­siert (Häfen, Flug­hä­fen, Gas-, Was­ser- und Elek­tri­zi­täts­wer­ke et cete­ra). Statt der Schul­den schrumpf­te die Bevöl­ke­rung wäh­rend der letz­ten acht Jah­re um drei Pro­zent (Grün­de: nied­ri­ge­re Gebur­ten­ra­te, höhe­re Sterb­lich­keits­ra­te vor allem bei über 70-Jäh­ri­gen, ver­stärk­te Emi­gra­ti­on). Über ein Fünf­tel der Bevöl­ke­rung (22 Pro­zent) lebt in star­ker Armut, 2009 waren es noch zwei Prozent.

Die Idee, von der Men­as­se sprach, wel­che die euro­päi­schen Insti­tu­tio­nen besee­le, ist nun mehr als deut­lich gewor­den; eine zu Beginn der Grie­chen­land-Kri­se von Bun­des­kanz­le­rin Mer­kel aus­ge­spro­che­ne Klipp­schul­weis­heit eig­net sich bestens dazu, die­se Idee in Wor­te zu fas­sen: »Schei­tert der Euro, dann schei­tert Euro­pa.« Der Euro und mit ihm »das deut­sche Impe­ri­um euro­päi­scher Nati­on« (Wolf­gang Stre­eck) haben noch immer Bestand; dafür wur­den im Gegen­zug vie­le Grie­chen ihrer Frei­heit, ihres Eigen­tums, ihrer Gesund­heit und all­zu oft auch ihrer Hei­mat und ihres Lebens beraubt. Doch ein zivi­li­sa­to­ri­scher Fort­schritt lässt sich nicht leug­nen: Muss­te das letz­te Mal, als Grie­chen­land kolo­ni­siert wur­de, noch die Wehr­macht in Marsch gesetzt wer­den, so genüg­ten dazu dem deut­schen Kanz­ler­amt heut­zu­ta­ge die EZB und eini­ge euro­päi­sche Büro­kra­ten in Maßanzügen.

Anfang Janu­ar besuch­te Mer­kel ihren Satra­pen Tsi­pras und besich­tig­te vor Ort die Erfol­ge ihrer Poli­tik. Der Text, den sie bei der Pres­se­kon­fe­renz auf­sag­te, könn­te – ange­sichts der tat­säch­li­chen gesell­schaft­li­chen Lage – ob sei­ner Absur­di­tät aus der Feder Eugè­ne Iones­cos stam­men: Die Geschäfts­füh­re­rin des deut­schen Export- und Mono­pol­ka­pi­tals ora­kel­te von einer schwie­ri­gen Zeit, einer »Zeit der Pro­gram­me«, »in der vor allen Din­gen die Men­schen in Grie­chen­land schmerz­haf­te Struk­tur­re­for­men mit ganz kon­kre­ten per­sön­li­chen Ein­bu­ßen durch­le­ben muss­ten, oft auch gera­de für die, die kei­ne Arbeit haben« und behaup­te­te kon­tra­fak­tisch, dass der ein­ge­schla­ge­ne Weg wei­ter­ge­gan­gen wer­den müs­se, »weil nur dadurch die Arbeits­lo­sig­keit wei­ter sin­ken und die Wirt­schaft sich wei­ter ent­wickeln wird«. Wort­karg wur­de Mer­kel erst, als es um die Repa­ra­tio­nen ging, die Deutsch­land Grie­chen­land noch immer dafür schul­det, es wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs geplün­dert und zer­stört zu haben. Die knapp 300 Mil­li­ar­den Euro schei­nen für Mer­kel kaum der Rede wert und mit der bil­li­gen For­mel von der histo­ri­schen Ver­ant­wor­tung, der man sich vor­geb­lich bewusst sei, und dem feuch­ten Hän­de­druck und eini­gen kleb­ri­gen Wor­ten des Bun­des­pfaf­fen Gauck bei sei­nem Staats­be­such 2014 abge­gol­ten. »Wer die Macht hat, hat das Recht. So ein­fach ist das in Euro­pa.« (Jörg Kronauer)