Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Aufschrei im Vorhof der Hölle

Ober­halb der Mosel bei Cochem liegt idyl­lisch im Grün der Eifel einer der Vor­hö­fe der Höl­le. »Vor­sicht Schusswaffengebrauch!«-Schilder wei­sen ihn als Mili­tär­ge­län­de aus, als Flie­ger­horst Büchel, Basis des Jagd­bom­ber­ge­schwa­ders 33, das die Bun­des­luft­waf­fe vor gut fünf Jah­ren in »Tak­ti­sches Luft­waf­fen­ge­schwa­der 33« umbe­nannt hat. Des­sen Pilo­ten don­nern dort tag­täg­lich in ihren Tor­na­do-Jets über den Him­mel. Sie flie­gen für den näch­sten Krieg, üben den Abwurf von ame­ri­ka­ni­schen Atom­bom­ben, die in Büchel lagern.

Auf dem Stütz­punkt wer­den die letz­ten 20 die­ser in Deutsch­land ver­blie­be­nen US-Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen für den Krieg bereit­ge­hal­ten und angeb­lich streng bewacht. Doch der aus­ge­wie­se­ne Frie­den­stä­ter (s. Ossietzky 8/​2018) und Ossietzky-Autor Gerd Bünt­z­ly (69) hat wenig Mühe, als er dort in der Nacht des 16. Juli 2017 zusam­men mit den vier US-Frie­dens­ak­ti­vi­sten Sus­an Cra­ne, Bon­nie Urfer, Ste­phen Bag­ge­ry und John LaF­or­ge in die Mili­tär­ba­sis ein­dringt. Sie schie­ben zwei Zau­nele­men­te zur Sei­te, Bünt­z­ly durch­trennt mit einem Sei­ten­schnei­der zwei Maschen­draht­zäu­ne, und schon spa­zie­ren die fünf unbe­merkt zum Flug­platz­be­reich C 3, unter des­sen begrün­ten Hügeln die nuklea­ren Höl­len­feu­er schlum­mern. Im Fall ihrer Zün­dung wür­den die Waf­fen ins­ge­samt 80-mal gewal­ti­ger sein, als der radio­ak­ti­ve Feu­er­sturm, in dem 1945 Hiro­shi­ma ver­glüh­te. Eine Stun­de ver­wei­len die Akti­vi­sten auf einem der Atom­bun­ker. Erst als sie des­sen Stahl­tor mit der Paro­le »Dis­arm!« (Abrü­sten!) ver­zie­ren, wer­den sie von Bewe­gungs­mel­dern erfasst und von Sol­da­ten und Poli­zei vor­über­ge­hend fest­ge­setzt. Der aus dem Bett geklin­gel­te Kom­man­dant, Oberst­leut­nant Schlem­mer, erstat­tet Anzei­ge wegen Haus­frie­dens­bruch und Sach­be­schä­di­gung. Das Amts­ge­richt Cochem aber klagt allein Gerd Bünt­z­ly an und ver­ur­teilt ihn zu einer Geld­stra­fe, Über­nah­me der Gerichts­ko­sten und 1000 Euro Scha­den­er­satz für den zer­schnit­te­nen Draht.

Unbe­hel­ligt lässt die deut­sche Justiz die vier US-Bür­ger, die für ähn­li­che Aktio­nen zivi­len Unge­hor­sams in den USA zusam­men­ge­nom­men bereits 19 Jah­re hin­ter Git­tern von US-Gefäng­nis­sen zuge­bracht haben. Es wer­de wohl schwie­rig, die vier posta­lisch zu errei­chen, habe die Staats­an­walt­schaft münd­lich ver­lau­ten las­sen, erklärt die Kam­pa­gne »Büchel atom­waf­fen­frei«, zu der sich 60 Grup­pen der Frie­dens­be­we­gung zusam­men­ge­schlos­sen haben, die seit Jah­ren dort gegen den Atom­tod demonstrieren.

Obwohl die vier US-Frie­den­stä­ter am 25. Juli 2018 ihre ladungs­fä­hi­gen Adres­sen bei der Staats­an­walt­schaft in Koblenz per­sön­lich abge­ben, eröff­net die deut­sche Justiz kein Ver­fah­ren gegen sie: »Die US-Regie­rung bricht mit den Atom­bom­ben in Büchel genau­so wie die deut­sche Regie­rung den Atom­waf­fen­sperr­ver­trag, in dem sie sich ver­pflich­tet haben, kei­nem Nicht-Atom­waf­fen­staat – dazu zählt Deutsch­land – Atom­bom­ben zu über­las­sen!«, erläu­tert John LaF­or­ge sei­ne Moti­ve, den Flie­ger­horst uner­laubt zu betre­ten. Sus­an Cra­ne ergänzt: »Wir alle haben die Akti­on mit dem Ziel durch­ge­führt, auch gericht­lich das inter­na­tio­na­le Recht hier zur Gel­tung kom­men zu las­sen. Die Staats­an­walt­schaft scheint inter­na­tio­na­le Ver­wick­lun­gen mit den USA hier­über zu scheuen.«

Bünt­z­ly ver­steht sein »Go in« in Büchel als einen »Auf­schrei«: Er habe es satt, und er füh­le sich per­sön­lich ver­ant­wort­lich, »wenn in [s]einer unmit­tel­ba­ren Umge­bung die Ver­nich­tung der Mensch­heit geplant« wer­de. Wenn die Poli­tik behaup­te, wir alle müss­ten mit der Bom­be leben, dann wei­ge­re er sich, »die­sen Gang in den Selbst­mord mitzumachen«.

»Ich muss noch lan­ge durch­hal­ten«, seufzt er am 16. Janu­ar die­ses Jah­res am Ran­de sei­ner Beru­fungs­ver­hand­lung im Land­ge­richt Koblenz. Bünt­z­ly ist ent­schlos­sen, durch alle Instan­zen zu gehen, in der Hoff­nung, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt oder spä­te­stens der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te die Regie­rung auf die Ein­hal­tung des Völ­ker­rechts ver­pflich­tet, das laut Arti­kel 25 Grund­ge­setz in Deutsch­land unmit­tel­bar gilt und Ein­satz sowie Lage­rung von Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen verbietet.

So ver­weist er vor dem Land­ge­richt auf den auch von Deutsch­land rati­fi­zier­ten Atom­waf­fen­sperr­ver­trag und auf den noch nicht in Kraft getre­te­nen Inter­na­tio­na­len Ver­trag zum Ver­bot aller Atom­waf­fen, dem bei­zu­tre­ten, die Bun­des­re­gie­rung sich wei­gert. Und er argu­men­tiert mit dem Gut­ach­ten des frü­he­ren iri­schen Außen­mi­ni­sters und Frie­dens­no­bel­preis­trä­gers Seán Mac­Bri­de für die UNO, das, so Bünt­z­ly, »juri­stisch bereits die Exi­stenz von Atom­waf­fen als Ver­bre­chen an der Mensch­heit qua­li­fi­ziert«. Denn, so der Kern vie­ler völ­ker­recht­li­cher Bestim­mun­gen, um die Zivil­be­völ­ke­rung zu schüt­zen, sei nicht jede Waf­fe erlaubt. »Mac­Bri­de erwähnt alle Ver­bo­te von Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen und von Gift­gas, die es seit dem Ersten Welt­krieg gibt«, sagt Bünt­z­ly und betont: »Er schließt Atom­waf­fen in die­ses Ver­bot ein: Was gibt es Gif­ti­ge­res als Radio­ak­ti­vi­tät?« fragt er das Landgericht.

Das aber igno­riert völ­ker­recht­li­che Argu­men­te und lehnt wie das Amts­ge­richt Cochem alle ent­spre­chen­den Beweis­an­trä­ge ab. Zwar senkt es die gegen Bünt­z­ly ver­häng­te Geld­stra­fe auf 25 Tages­sät­ze – mit 40 Tages­sät­zen à 30 Euro war die Stra­fe zuvor im Ver­gleich zu des­sen klei­ner Ren­te recht hoch aus­ge­fal­len – aber anson­sten bestä­tigt das Land­ge­richt das Urteil der ersten Instanz: Wer wie Bünt­z­ly uner­laubt irgend­wo ein­drin­ge und Zäu­ne zer­schnei­de, bege­he eine Straf­tat, er kön­ne sich auch bei einer Atom­waf­fen­ba­sis nicht auf einen recht­fer­ti­gen­den Not­stand beru­fen. Abge­lehnt wird auch Bünt­z­lys For­de­rung, sein Ver­fah­ren dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVG) zur Prü­fung vor­zu­le­gen. Es gehe allein um Sach­be­schä­di­gung und Haus­frie­dens­bruch, meint der Vor­sit­zen­de Rich­ter Mar­tin Jun­ker, das sei­en kei­ne Ange­le­gen­hei­ten für das BVG. Im Übri­gen kön­ne Bünt­z­ly ja mit erlaub­ten Mit­teln gegen die Atom­waf­fen opponieren.

Die ste­hen wei­ter im Fokus der Frie­dens­be­we­gung. Am 2. Febru­ar berät die Kam­pa­gne »Büchel atom­waf­fen­frei« in Mainz, wie die 20 Bom­ben in der Eifel ab 26. März erneut für 20 Wochen bela­gert wer­den kön­nen. Ob John LaF­or­ge und Sus­an Cra­ne dann dort erneut Zei­chen für Abrü­stung set­zen kön­nen, ist frag­lich. Bei­de waren zu Bünt­z­lys Beru­fungs­ver­fah­ren nach Koblenz gereist, um als Zeu­gen aus­zu­sa­gen, wor­auf das Land­ge­richt ver­zich­tet hat.

Den­noch haben die Behör­den sie beach­tet: Kurz nach ihrer Ein­rei­se hat die Poli­zei bei ihrer Gast­ge­be­rin in Ham­burg geklin­gelt, der Spre­che­rin der Kam­pa­gne »Büchel atom­waf­fen­frei« und Ossietzky-Autorin, Mari­on Küp­ker, um den US-Frie­den­stä­tern eine Auf­ent­halts­ver­bots­ver­fü­gung zu über­rei­chen. Vor­erst bis zum 25. Janu­ar dür­fen sie das Gelän­de am und im Büch­ler Vor­hof der Höl­le nicht betreten.

Spen­den zur Unter­stüt­zung des ver­ur­teil­ten Frie­den­stä­ters Bünt­z­ly bit­te auf das Kon­to der Inter­na­tio­na­len Ärz­te zur Ver­hü­tung des Atom­krie­ges (IPPNW) über­wei­sen: IBAN: DE39 1002 0500 0002 2222 10, BIC: BFSWDE33BER, Ver­wen­dungs­zweck: Rechtshilfe/​Gerd Bünt­z­ly. Infos über die 2019 geplan­ten Aktio­nen in Büchel unter www.atomwaffenfrei.de.