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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ein bisschen Frieden

… gibt es nicht. Es gibt Frie­den oder es gibt Krieg, Kon­flikt, Revo­lu­ti­on und allen­falls Waf­fen­ru­he. Solan­ge ich den­ken kann, war das The­ma Frie­den prä­sent für mich. Ange­fan­gen vom Gelöb­nis der Jung- und Thäl­mann­pio­nie­re »für Frie­den und Sozia­lis­mus seid bereit – immer bereit«, bis hin zum Frie­dens­ge­bet jeden Frei­tag um acht­zehn Uhr in der Kir­che. Ich habe eine Ker­ze ange­zün­det und gesun­gen: »Ver­leih uns Frie­den gnä­dig­lich, Herr Gott, zu unsern Zei­ten. Es ist doch ja kein and­rer nicht, der für uns könn­te strei­ten, denn du, unser Gott, allei­ne.« Doch, wir ande­ren sind für unse­re Taten ver­ant­wort­lich und haben die Pflicht, für den Frie­den zu strei­ten. Ger­ne mit Got­tes Hil­fe, aber die ande­ren, das sind vor allem wir.

Als Kind habe ich ein selbst­ge­mal­tes Pla­kat an mei­ne Zim­mer­wand geklebt, mit einem Aus­zug des Pro­phe­ten Micha, Kapi­tel 4 der Bibel: »Sie wer­den ihre Schwer­ter zu Pflug­scha­ren und ihre Spie­ße zu Sicheln machen. Kein Volk wird gegen das ande­re das Schwert erhe­ben, und sie wer­den fort­an nicht mehr ler­nen, Krieg zu füh­ren.« Wer hät­te damals gedacht, dass die­ser Bibel­vers, der die Frie­dens­be­we­gung der DDR in den 80er Jah­ren begrün­de­te, von der Bun­des­re­pu­blik über­nom­men wer­den wür­de. Eines der bekann­te­sten Kin­der­lie­der in der ehe­ma­li­gen DDR ist von Ursu­la Grö­ger ver­fasst wor­den: »Über allen strahlt die Son­ne, über allen in der Welt. Alle Kin­der wol­len Frie­den, Frie­den, der das Glück erhält. Froh und glück­lich will doch spie­len auf der Erde jedes Kind, ob nun sei­ne Eltern Schwar­ze, Gel­be oder Wei­ße sind. Dar­um höret uns­re Bit­te, hütet gut den Frie­den Ihr. Dass die Kin­der aller Län­der froh und glück­lich sind, wie wir.« Die­ses Lied habe ich im Juni 1981 zum XI. Par­la­ment der FDJ im Palast der Repu­blik in Ber­lin gesun­gen. Ich war in der 6. Klas­se und zur Vor­be­rei­tung für ca. drei Wochen in der Pio­nier­re­pu­blik »Wil­helm Pieck« am Wer­bel­l­in­see. Neben dem nor­ma­len Schul­un­ter­richt erhielt ich Sprech- und Gesangs­trai­ning. Die Pio­nie­re soll­ten den FDJ­lern einen klei­nen Gruß über­brin­gen – aber bit­te ohne einen ost­thü­rin­gi­schen oder säch­si­schen Akzent­ein­schlag. Ich erin­ne­re mich noch an einen Abschnitt mei­ner Rede, in der die Freund­schaft unse­rer Schu­le zur 23. Ober­schu­le in Pskov und der Schu­le in Schi­lo­wo beschwo­ren wur­de: »dass wir Pio­nie­re den Frie­den lie­ben und davon han­delt auch mein klei­nes Lied…« Ich stand auf der Büh­ne und wur­de von einer jun­gen Frau mit Gitar­re beglei­tet. Wäh­rend­des­sen saßen mei­ne Eltern zuhau­se vor unse­rem ersten Farb­fern­se­her, mit einem Kabel zum Kas­set­ten­re­cor­der ver­bun­den, und war­te­ten auf mei­nen Auf­tritt. Mein Vater nahm den Bei­trag auf Kas­set­te auf und foto­gra­fier­te den Bild­schirm mit unse­rem Appa­rat, in den ein schwarz-weiß-Film ein­ge­legt war.

Damals war ich zwölf Jah­re, so alt wie unser jüng­ster Sohn heu­te. Ich habe nach­ge­schaut, wo Pskov und Schi­lo­wo lie­gen; Pskov im Nord­we­sten Russ­lands, nahe der Gren­ze zu Est­land; Schi­lo­wo befin­det sich in Zen­tral­russ­land in der Oka-Don-Ebe­ne. Ver­mut­lich haben die Kin­der, mit denen wir zu Beginn der 80er Jah­re Brief­freund­schaf­ten pfleg­ten, heu­te auch Söh­ne und Töch­ter, eini­ge davon erwach­se­ne Män­ner, die schon eige­ne Kin­der haben und die ich gern an mein Lied von damals erin­nern würde.

Mei­ne Kin­der sind das erste Mal mit einem Krieg kon­fron­tiert, des­sen Schau­platz sie sich geo­gra­fisch vor­stel­len kön­nen und der sie beun­ru­higt. Polen und die Ukrai­ne sind in unse­rem Bewusst­sein her­an­ge­rückt, die Ent­fer­nung zu Ber­lin ist deut­lich gerin­ger als nach Ita­li­en. Für mich exi­stiert ein musi­ka­li­sches Mani­fest mit uni­ver­sel­ler Kraft, der Song Peace train: »Oh, I’ve been smi­lin’ late­ly, drea­ming about the world as one. And I belie­ve it could be some day it’s going to come. ’Cau­se out on the edge of darkness, the­re rides a peace train. Oh, peace train take this coun­try, come take me home again. Now I’ve been smi­ling late­ly, thin­kin’ about the good things to come. And I belie­ve it could be some­thing good has begun.« Wir brau­chen mehr als ein biss­chen Frieden.