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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Gedichte gegen den Krieg und für den Frieden

Auch wenn Gedich­te kei­nen Krieg ver­hin­dern oder been­den und kei­nen Frie­den schaf­fen kön­nen, aber mit ihnen kön­nen wir unse­re Sprach­lo­sig­keit über das Schreck­li­che und Unfass­ba­re über­win­den. Gedich­te zu die­sen The­men hat es schon immer gege­ben. In frü­he­ren Jahr­hun­der­ten wur­de der Krieg in ihnen häu­fig ver­herr­licht, erst mit den Gräu­eln des Ersten Welt­krie­ges wur­de die Kriegs-Lyrik zuneh­mend zur Anti­kriegs-Lyrik. Den­noch erho­ben Dich­ter und Dich­te­rin­nen schon immer ihre mah­nen­de Stim­me, wie die­se klei­ne Aus­wahl zeigt. So the­ma­ti­sier­te der Barock­dich­ter Andre­as Gry­phi­us (1616-1664) in sei­nem berühm­ten Sonett »Trä­nen des Vater­lan­des« aus dem Jahr 1636 die Schrecken des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges in einer bild­haf­ten Spra­che – von der zer­stör­ten Stadt bis zur Hun­gers­not und der wüten­den Pest.

Trä­nen des Vater­lan­des (1637)
 
Wir sind doch nun­mehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!
Der fre­chen Völ­ker Schar, die rasen­de Posaun
Das vom Blut fet­te Schwert, die don­nern­de Karthaun
Hat aller Schweiß und Fleiß und Vor­rat aufgezehret.
 
Die Tür­me stehn in Glut, die Kirch› ist umgekehret.
Das Rat­haus liegt im Graus, die Star­ken sind zerhaun,
Die Jung­fern sind geschänd’t, und wo wir hin nur schaun
Ist Feu­er, Pest und Tod, der Herz und Geist durchfähret.
 
Hier durch die Schanz und Stadt rinnt all­zeit fri­sches Blut.
Drei­mal sind schon sechs Jahr, als unser Strö­me Flut,
Von Lei­chen fast ver­stopft, sich lang­sam fort gedrungen.
 
Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,
Was grim­mer denn die Pest, und Glut und Hungersnot,
Dass auch der See­len Schatz so vie­len abgezwungen.
 

Anna Loui­sa Karsch (1772-1791), die volks­tüm­li­che Dich­te­rin aus dem vier­ten Stand, die den­noch mit Lyrik ihren Lebens­un­ter­halt bestrei­ten konn­te, schil­der­te in ihrer Ode »Ein Gebet an den Mars« (1761) den Sieg der Lie­be über den Sie­ben­jäh­ri­gen Krieg, der seit sechs Jah­ren wütete.

Ein Gebet an den Mars (1761)
 
Du Gott des Krie­ges, laß die Erde!
Dein Schritt, mit Blut bemerkt, ist fürch­ter­lich, ist schwer,
Ver­änd­re doch die schreck­li­che Gebär­de, Und schütt­le län­ger nicht den Speer.
Dein war­tet der Olymp, und Amor mit dem Bogen
Lauscht an der Mut­ter Fuß. Steig von des Mor­dens Bahn
Zur Göt­tin; dann betrüg› den schla­fen­den Vulkan,
Wie er vor Zei­ten ward betrogen.
Von Waf­fen­schmie­den ist er matt,
Wie Venus, die nach dir sechs Jahr geschmach­tet hat.
Wie rei­zend liegt sie da im Eli­sä­er Lenze!
Die Nym­phe win­det dir und Venus Mirtenkränze,
Mit Blu­men unter­mengt. Schon gießt sie Nektartrank
In gold­ne Schaa­len ein; und wenn auch Göt­ter krank
Für hei­ßer Sehn­sucht sind, so ist›s gewiß Cythere
Horch im Getüm­mel auf, sie seuf­zer gött­lich, höre!
Begieb vom Kampf­platz dich zurück,
Gehar­nischt wie du bist, an Haupt, an Arm und Fuße.
Cupi­do zieht dich aus, und dei­nem ersten Kusse
Dankt uns­re gan­ze Welt ihr Glück.
Der Zorn in einer Frau rief, Mavors, dich hernieder,
Die Sehn­sucht einer Frau hol› dich den Göt­tern wieder,
Und ewig komm› uns nicht zurück. 
Durch per­sön­li­che Erfah­run­gen und Erleb­nis­se gehör­te der Krieg zu den wich­tig­sten The­men der jun­gen deut­schen Expres­sio­ni­sten. Vie­le von ihnen ver­lo­ren ihr Leben auf den Schlacht­fel­dern des Ersten Welt­krie­ges. Das Gedicht »Gro­dek« des Dich­ters Georg Tra­kl (1887-1914) ent­stand unter dem Ein­druck der Schlacht von Gro­dek in Gali­zi­en, an der Tra­kl als Sani­tä­ter teil­nahm. In dra­ma­ti­scher Wei­se brach­te er sein per­sön­li­ches Ent­set­zen über die Rea­li­tät des Krie­ges zum Aus­druck. Weni­ge Tage spä­ter ver­üb­te er Selbst­mord in einem Feld­la­za­rett in Kra­kau mit einer Über­do­sis Kokain.

Gro­dek
 
Am Abend tönen die herbst­li­chen Wälder
Von töd­li­chen Waf­fen, die gold­nen Ebenen
Und blau­en Seen, dar­über die Sonne
Düstrer hin­rollt; umfängt die Nacht
Ster­ben­de Krie­ger, die wil­de Klage
Ihrer zer­bro­che­nen Münder.
Doch stil­le sam­melt im Weidengrund
Rotes Gewölk, dar­in ein zür­nen­der Gott wohnt
Das ver­goß­ne Blut sich, mond­ne Kühle;
Alle Stra­ßen mün­den in schwar­ze Verwesung.
 
Unter gold­nem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwe­ster Schat­ten durch den schwei­gen­den Hain,
Zu grü­ßen die Gei­ster der Hel­den, die blu­ten­den Häupter;
Und lei­se tönen im Rohr die dunk­len Flö­ten des Herbstes.
O stol­ze­re Trau­er! ihr eher­nen Altäre
Die hei­ße Flam­me des Gei­stes nährt heu­te ein gewal­ti­ger Schmerz,
Die unge­bor­nen Enkel.
Der Schrift­stel­ler und Kriegs­geg­ner Kurt Tuchol­sky (1890-1935) hat sich eben­falls unter dem Ein­druck des Ersten Welt­krie­ges in zahl­rei­chen Arti­keln, Zeit­kom­men­ta­ren und scharf­zün­gi­gen Glos­sen gegen Mili­tär, Mili­ta­ris­mus, Krieg und Gewalt­herr­schaft aus­ge­spro­chen. Maß­geb­lich war er an der »Nie-wieder-Krieg«-Bewegung in der Wei­ma­rer Repu­blik betei­ligt. Auch in zahl­rei­chen Gedich­ten setz­te er sich dafür ein, dem Irr­sinn ein Ende zu set­zen, und mach­te sich für eine fried­li­che Zukunft stark – wie in sei­nen bekann­ten Gedich­ten »Krieg dem Krieg« und »Der Gra­ben«, von denen hier an die Anfangs- bzw. Schluss­zei­len erin­nert wer­den soll:

Sie lagen vier Jah­re im Schützengraben.
Zeit, gro­ße Zeit!
Sie fro­ren und waren ver­laust und haben
daheim eine Frau und zwei klei­ne Knaben,
weit, weit -!
Und kei­ner, der ihnen die Wahr­heit sagt.
Und kei­ner, der auf­zu­be­geh­ren wagt.
Monat um Monat, Jahr um Jahr… 
 
(…)
Werft die Fah­nen fort!
Die Mili­tär­ka­pel­len spie­len auf zu euerm Todestanz.
Seid ihr hin: ein Kranz von Immortellen –
das ist dann der Dank des Vaterlands.
 
Denkt an Todes­rö­cheln und Gestöhne.
Drü­ben ste­hen Väter, Müt­ter, Söhne,
schuf­ten schwer, wie ihr, ums biß­chen Leben.
Wollt ihr denen nicht die Hän­de geben?
Reicht die Bru­der­hand als schön­ste aller Gaben
übern Gra­ben, Leu­te, übern Graben -!
Zum Schluss der exem­pla­ri­schen Aus­wahl soll der poli­ti­sche Schrift­stel­ler Erich Fried (1921-1988) zu Wort kom­men. Als kri­ti­scher Beob­ach­ter der Geschich­te und Gegen­wart hat er u. a. mit sei­nen Gedich­ten den öffent­li­chen und lite­ra­ri­schen Pro­test gegen den Viet­nam­krieg unter­stützt. In sei­nem kur­zen, auf­klä­re­ri­schen Gedicht »17.-22. Mai 1966« gei­ßel­te er die Des­in­for­ma­ti­on der Kriegsberichterstattung.

 

  1. – 22. Mai 1966

 
Aus Da Nang
wur­de fünf Tage hindurch
täg­lich berichtet:
Gele­gent­lich ein­zel­ne Schüsse
 
Am sech­sten Tag wur­de berichtet:
In den Kämp­fen der letz­ten fünf Tage
in Da Nang
bis­her etwa tau­send Opfer

Text und Aus­wahl: Man­fred Orlick