Skip to content
Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu

Freundinnen und Zeitzeugin

Dass Chri­sta Wolf und Sarah Kirsch ein­mal eng befreun­det waren, wis­sen die, die sich für die Hin­ter­grün­de von Chri­sta Wolfs »Som­mer­stück« (1989) inter­es­sier­ten. An die­se Zeit erin­nert auch Sarah Kirschs »Aller­lei-Rauh« (1988). Etwas unter­schei­den sich die Dar­stel­lun­gen des gemein­sam erleb­ten Som­mers, und es wur­de spe­ku­liert, dass es mit der Freund­schaft nicht mehr ganz so sei.

Jetzt wird alles mit dem Brief­wech­sel zwi­schen bei­den genau doku­men­tiert, und den Leser erwar­ten dabei eini­ge Über­ra­schun­gen. Begon­nen hat­te alles in den frü­hen sech­zi­ger Jah­ren damit, dass sich Sarah Kirsch mit ihren Gedich­ten dem Lyrik­spe­zia­li­sten und Lek­tor Ger­hard Wolf, dem Ehe­mann von Chri­sta Wolf, anver­trau­te. Die Kon­tak­te zwi­schen den Ehe­paa­ren (S. K. war damals mit Rai­ner Kirsch ver­hei­ra­tet) wur­den enger. Es ging um All­tag, Poli­tik, Kol­le­gen, Pro­jek­te … Sarah Kirsch berich­tet der Freun­din so man­chen All­tags- und Lie­bes­kum­mer, aber auch neue Freu­den. Sie moch­ten sich, die so oft ver­zwei­fel­te und sich Stim­mun­gen hin­ge­ben­de Sarah und die gefe­stig­te­re, in ihrer Fami­lie ruhen­de Chri­sta. Sie hal­fen und berie­ten sich und genos­sen den spä­ter beschrie­be­nen Som­mer 1975 zusam­men im Meck­len­bur­gi­schen Meteln. Sie woll­ten bei­de, dass sich nach Kirschs Über­sied­lung in den Westen nichts ändert, denn sie waren ja kei­ne ande­ren. Den­noch wer­den die Briefthe­men all­ge­mei­ner, begrenz­ter. Man woll­te ein­an­der nicht ver­lie­ren, und dabei ging es oft nur noch um Krank­hei­ten, Fami­lie, Gar­ten­er­fah­run­gen und den All­tag der zurück­ge­zo­gen in der rei­nen Natur leben­den Sarah Kirsch und der zwi­schen Meck­len­burg und Ber­lin pen­deln­den Chri­sta Wolf. Als es dann mit der Wen­de emi­nent poli­tisch wird, gerät die anfäng­lich erneu­te Annä­he­rung zu einem abrup­ten Ende des Brief­wech­sels. Sarah Kirsch scheint kein Ver­ständ­nis für das poli­ti­sche Enga­ge­ment Chri­sta Wolfs auf­brin­gen zu wollen.

Dass Chri­sta Wolf mit­ten­drin im poli­ti­schen Gesche­hen war, bezeugt das ande­re Buch des Suhr­kamp Ver­lags. Der Doku­men­ta­rist Tho­mas Grimm hat 2008 Ger­hard und Chri­sta Wolf aus­führ­lich inter­viewt und nun dies zusam­men mit Tex­ten, von denen im Gespräch die Rede ist, ver­öf­fent­licht. Das ist ein wert­vol­les Doku­ment, das gera­de jetzt in Zei­ten des 30sten Mau­er­öff­nungs­ju­bi­lä­ums so man­ches Urteil über damals gera­de­rückt und unver­blümt Wolfs Erleb­nis­se und Ansich­ten wie­der­gibt. Heu­te fast ver­ges­sen sind dama­li­ge Initia­ti­ven wie die viel­fäl­ti­gen Run­den Tische, die Reso­lu­tio­nen und Auf­ru­fe, Unter­su­chungs­aus­schüs­se, die Bemü­hun­gen um eine neue Ver­fas­sung … Hoff­nun­gen erwie­sen sich als Illu­sio­nen und die Wolfs waren mei­stens dabei.

Sarah Kirsch/​Christa Wolf: »›Wir haben uns wirk­lich an aller­hand gewöhnt.‹ – Der Brief­wech­sel«, hrsg. von Sabi­ne Wolf unter Mit­ar­beit von Hei­ner Wolf. Suhr­kamp Ver­lag. 456 Sei­ten, 32 €; Chri­sta Wolf: »Umbrü­che und Wen­de­zei­ten«, hrsg. von Tho­mas Grimm unter Mit­ar­beit von Ger­hard Wolf. Suhr­kamp Ver­lag. 141 Sei­ten, 12 €