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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Hans Laabs und die Bohème

Die etwa 1500 Wer­ke umfas­sen­de Kunst­samm­lung der Ber­li­ner Volks­bank ver­fügt über beson­ders rei­che Bestän­de aus der Nach­kriegs­kunst. So war eine Aus­stel­lung über die Char­lot­ten­bur­ger Bohè­me und ihre Expo­nen­ten, zu denen Hans Laabs, aber auch Hans Uhl­mann, Wer­ner Heldt, Lud­wig Gabri­el Schrie­ber, Jean­ne Mam­men, Heinz Trö­kes, Alex­an­der Cama­ro und ande­re gehör­ten, längst fäl­lig. Die Ent­wick­lung von Laabs, der 1945 als 30-Jäh­ri­ger in das aus­ge­bomb­te Ber­lin kam, steht stell­ver­tre­tend für des­sen Freun­de, die in des­sen Ate­lier in der Lud­wig­kirch­stra­ße unter dem Dach zusam­men­ka­men, in der Gale­rie Rosen am Kur­für­sten­damm eine Begeg­nungs­stät­te moder­ner Kunst fan­den, die Grün­dung der Hoch­schu­le für Kün­ste in der Bun­des­al­lee erleb­ten und im Juli 1949 selbst das Künst­ler­ka­ba­rett »Die Bade­wan­ne« ins Leben rie­fen. Alles das mach­te die »Char­lot­ten­bur­ger Bohè­me« aus, einen Sur­rea­lis­mus, der dem eines Sal­va­dor Dalí vor­aus hat­te, dass er eben ein kri­ti­scher Rea­lis­mus war, aus der Phan­ta­sie und der Bizar­re­rie des dama­li­gen Lebens gebo­ren, wie ein dama­li­ger Mit­strei­ter bezeug­te. Ja, das Über­le­ben setz­te damals sur­rea­li­sti­sche Prio­ri­tä­ten, und die Absur­di­tät war hand­greif­lich lebens­not­wen­dig. Aber die­ser Ber­li­ner Sur­rea­lis­mus ging nur kur­ze Zeit, bevor ihn das wäh­rungs­re­for­mier­te west­deut­sche Wirt­schafts­wun­der von der Bild­flä­che ver­dräng­te. Das war dann auch der Zeit­punkt, dass Laabs, der Non­kon­for­mist, West­ber­lin ver­ließ und mehr als 30 Jah­re auf die Balea­ren­in­sel Ibi­za über­sie­del­te, hier den strah­len­den Ein­druck der Son­ne, des Lichts, die medi­ter­ra­ne Klar­heit erleb­te, bevor er Mit­te der 80er Jah­re nach Ber­lin zurück­kehr­te und 2004 – 89jährig – starb.

Jörn Mer­kert, der ein­sti­ge Direk­tor der Ber­li­ni­schen Gale­rie, die einen Groß­teil der Wer­ke von Hans Laabs, auch aus sei­ner Samm­lung zu den Künst­ler­freun­den, besitzt, hat sein Künst­ler­tum als »arti­sti­sches Vaga­bun­den­tum« bezeich­net. Tat­säch­lich bil­den Gegen­ständ­lich­keit und Abstrak­ti­on im Werk von Laabs ein kon­struk­ti­ves Mit- und Gegen­ein­an­der – und das ist wohl auch der Grund dafür, dass sei­ne Bil­der in leuch­ten­der Far­big­keit zeit­un­ab­hän­gig blie­ben, weder dem Ber­li­ner Neo-Sur­rea­lis­mus noch dem zeit­ge­nös­si­schen Infor­mel zuzu­rech­nen sind. 1949 ent­stand sein »Kna­ben­bild­nis«, ein schmäch­ti­ger, auf­recht ste­hen­der Jun­ge, der unver­wandt den Betrach­ter anschaut – haben wir es hier mit einem ver­steck­ten Selbst­bild­nis des Künst­lers zu tun? Die­ser Bild­typ taucht öfters bei Laabs auf. Neben Figu­ren­dar­stel­lun­gen, die kei­ne Por­träts dar­stel­len, aber eine genaue Gestimmt­heit ver­mit­teln, wer­den in der Aus­stel­lung Stillle­ben, ins Sinn­bild­li­che über­setz­te Natur­er­leb­nis­se, genau­er See­stücke von Laabs gezeigt, in denen Him­mel, Was­ser und Strand inein­an­der über­ge­hen und eine unge­heu­re Wei­te den Betrach­ter umfängt. Neben den Wer­ken des hei­te­ren Melan­cho­li­kers Laabs zie­hen die schwer­mü­ti­gen, herb ver­schlos­se­nen Wer­ke Wer­ner Heldts, der das trost­lo­se Ant­litz des zer­stör­ten Ber­lin in Traum­bil­der der Lee­re und Sehn­sucht ver­wan­delt, Camar­ros poe­ti­sche Sze­nen aus der Welt des Thea­ters und Varie­tés, Trö­kes sur­rea­li­sti­sche Gemäl­de und Uhl­manns schwe­re­los wir­ken­de Metall­pla­sti­ken – soll­te man eher Raum­zei­chen sagen? –, aber auch sei­ne fri­schen, wie spie­le­risch wir­ken­den, in den Far­ben aller­dings zurück­hal­ten­den Aqua­rel­le in den Bann.

»Bohè­me in Char­lot­ten­burg – Hans Laabs und Freun­de«, Stif­tung Kunst­fo­rum der Ber­li­ner Volks­bank, Kai­ser­damm 105, 14057 Ber­lin, tägl. 10–18 Uhr, bis 7. Juli. Begleitpublikation.