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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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»Rhythmus«: Jazz im KZ Buchenwald

Für die Über­le­ben­den des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Buchen­wald ende­te am 19. April 1945 das Geden­ken an die Opfer der nazi­sti­schen Bar­ba­rei mit dem »Schwur von Buchen­wald«. Zeit­zeu­gen berich­te­ten, wie ihnen die fei­er­li­che Stim­mung auf dem ehe­ma­li­gen Appell­platz zugleich Hoff­nung und Zuver­sicht verlieh.

Weni­ger Beach­tung fand, dass am Abend die­ses denk­wür­di­gen Tages in der Kino-Baracke des Lagers Häft­lin­ge des KZs für ihre Kame­ra­den Jazz spiel­ten. Ein Jazz-Orche­ster hin­ter Sta­chel­draht, von den Nazis als »ent­ar­tet« ver­bo­te­ne Musik im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger? Schwer vorstellbar.

Fran­ka Gün­ther, Lei­te­rin des fran­zö­si­schen Kul­tur­bü­ros in Thü­rin­gen, und Mar­ke­ta Krou­po­va, ihre tsche­chi­sche Weg­ge­fähr­tin, stell­ten anläss­lich des dies­jäh­ri­gen Geden­kens an den Buchen­wal­der Befrei­ungs­tag Ergeb­nis­se ihrer auf­wän­di­gen, inten­si­ven, bei­na­he welt­wei­ten For­schun­gen zum Jazz-Orche­ster der Häft­lin­ge des KZ Buchen­wald vor. In mühe­vol­ler, akri­bi­scher Arbeit und mit fast detek­ti­vi­schem Spür­sinn hoben die bei­den Frau­en einen Schatz.

Es gelang ihnen über­zeu­gend, an die Men­schen zu erin­nern, die als gede­mü­tig­te und selbst bedräng­te Häft­lin­ge die Kraft auf­brach­ten, das eige­ne Elend zu über­tö­nen, mit ihrer Musik ande­ren Freu­de zu berei­ten und Mut zu machen.

Neben eini­gen bis­her nicht bekann­ten inter­es­san­ten Sach­zeug­nis­sen fan­den sie zwei Pro­gram­me von Kon­zer­ten, die im Novem­ber 1944 und am 19. April 1945 auf­ge­führt wurden.

Unter Lei­tung von Pro­fes­sor Gero Schmidt-Ober­län­der spiel­ten die Big Band und das Jazz-Orche­ster der Musik­hoch­schu­le »Franz Liszt« in Wei­mar Stücke aus die­sen Pro­gram­men. Die Freu­de des Pro­fes­sors und der begei­stert musi­zie­ren­den Stu­die­ren­den über­trug sich mit den ersten Tak­ten der Erken­nungs­me­lo­die des Buchen­wal­der Jazz-Orche­sters »Želez­né koš­tĕ« (Der eiser­ne Besen) von Jaros­lav Bartl und Jiří Žák auf das Publikum.

Die Idee, im KZ Buchen­wald ein Jazz-Orche­ster zu grün­den, ent­stand bereits 1939. Es hat­te sich eine klei­ne Grup­pe jün­ge­rer Häft­lin­ge gebil­det, die nur mit ihrem Gesang in die Unter­künf­te zog, um die Kame­ra­den zu ermun­tern. Die ille­gal agie­ren­de Grup­pe fand Zuspruch, gestal­te­te schließ­lich die Pro­gram­me anspruchs­vol­ler, und es gelang sogar, eini­ge Instru­men­te einzusetzen.

Mit der Inter­na­tio­na­li­sie­rung des Lagers erwei­ter­ten sich die Mög­lich­kei­ten der zunächst klei­nen Grup­pe. In dem Maße wie es gelang, Kri­mi­nel­le aus den Häft­lings­funk­tio­nen zu ver­drän­gen und die­se mit zuver­läs­si­gen Kame­ra­den zu beset­zen, konn­te für das ille­ga­le Orche­ster eine rela­tiv lega­le Basis geschaf­fen wer­den. Als der SS ein Kom­man­do »Trans­port­schutz« abge­run­gen war, lie­ßen sich dort Musi­ker inte­grie­ren. Die Unter­kunft die­ses Kom­man­dos befand sich im »Klei­nen Lager«, dem Qua­ran­tä­nela­ger, das die SS wei­test­ge­hend mied. Somit waren Mög­lich­kei­ten zum Üben und Pro­ben gege­ben. Dem ver­netz­ten ille­ga­len Wider­stand gelang es unter ande­rem, in der Effek­ten­kam­mer vor­han­de­ne Instru­men­te für die Musi­ker zu orga­ni­sie­ren, Noten­pa­pier zu beschaf­fen und viel­fäl­tig­ste Ver­bin­dun­gen zu nut­zen, um das Orche­ster zu unterstützen.

Als am 1. August 1943 die offi­zi­el­le Lager­ka­pel­le ihr erstes Kon­zert gab, spiel­te das Jazz-Orche­ster mit dem Namen »Rhyth­mus« zum ersten Mal auf. Bis 31. Dezem­ber 1944 gab es ins­ge­samt sie­ben­und­zwan­zig Kon­zer­te. Ver­schie­dent­lich nah­men dar­an SS-Leu­te teil. Es ent­stand die absur­de Situa­ti­on, dass sie dem »drau­ßen« ver­bo­te­nen Jazz im Lager begei­stert Bei­fall spendeten.

Bekannt sind bis jetzt ins­ge­samt zwei­und­zwan­zig Musi­ker aus neun Län­dern, die unter Lei­tung des tsche­chi­schen poli­ti­schen Häft­lings Jiří Žák in dem Orche­ster mit­spiel­ten. Neun Tsche­chen, fünf Fran­zo­sen, zwei Hol­län­der, jeweils ein Deut­scher, Bel­gi­er, Rus­se, Ame­ri­ka­ner, Let­te und Däne gehör­ten dem Orche­ster an. Zum Teil han­del­te es sich um bekann­te, gestan­de­ne Musiker.

Fran­ka Gün­ther und Mar­ke­ta Krou­po­va kom­bi­nier­ten in einem zwei­stün­di­gen span­nungs­vol­len Pro­gramm klug Lebens­bil­der von Musi­kern des Orche­sters, zitier­ten aus Brie­fen, Tage­bü­chern und Berich­ten, sodass im Ein­klang mit exzel­len­ter Musik erlebt wer­den konn­te, was der fran­zö­si­sche Diri­gent, Kom­po­nist und Arran­geur Yves Dar­riet als poli­ti­scher Häft­ling in Buchen­wald schrieb: »Jazz: Das ist die Kunst der Begei­ste­rung, die die Mas­sen und eine freund­schaft­li­che Atmo­sphä­re braucht und sich anfühlt, als ob der nur mit sei­nem Instru­ment bewaff­ne­te Mensch gegen eine leicht dümm­li­che Mas­se kämpft und sie dank der Erfah­rung sei­ner jahr­hun­der­te­al­ten Träu­me und Schmer­zen besiegt.«