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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Verlassene Werke von Bernd Wagner

Als einen »Glücks­fall des gro­ßen Rau­mes«, so Bernd Wag­ner, dürf­te er sein neu­es Buch mit 605 Sei­ten emp­fin­den. Die gute Bin­dung des außer­ge­wöhn­li­chen Buches bei Faber & Faber erlaubt mir als Mit­glied der Pirck­hei­mer-Gesell­schaft, also als Freund schö­ner Bücher, es leicht zu durch­blät­tern, und zwar, was man­cher nicht weiß, um die dau­er­haf­te Schräg­la­ge des Buch­blockes zu ver­mei­den, von hin­ten nach vorn. Schön, im Schrift­spie­gel der Flat­ter­satz, die vie­len kur­zen und län­ge­ren Text­ab­schnit­te in der kraft­vol­len Schrift »Offi­ci­na Serif«, oft mit Titeln in Ver­sa­li­en über­schrie­ben. Die­se Auf­zeich­nun­gen schrieb Bernd Wag­ner (gebo­ren 1948 in Wur­zen) seit 1976 bis Hei­lig­abend 1989 und hat sie in zwei Tei­le geglie­dert (bis 1985 in Ost-Ber­lin danach in West-Ber­lin) und »Ver­las­se­ne Wer­ke« benannt. Sind damit Wer­ke gemeint, die der Schrift­stel­ler ver­las­sen hat, oder die ver­las­se­nen Wer­ke rings­um­her? Mit dem über­flie­gen­den Blät­tern ent­deck­te ich das kur­ze Kapi­tel »Ver­las­se­ne Wer­ke« mit dem poe­ti­schen Bild von den Stei­nen an den Mee­res­kü­sten, die zwar in die See zurück­ge­wor­fen wer­den, die aber in der Hand lagen und ein­mal betrach­tet, nicht mehr in die Anony­mi­tät zurückkönnen.

In Wag­ners Pro­sa wird eine reich­hal­ti­ge Text- und Stil­viel­falt von der sich über die Jah­res­glie­de­rung hin­weg fort­set­zen­den Erzäh­lung mit­ein­an­der ver­bun­den, die »Kom­men­tare­be­ne«, am Rand mit ver­ti­ka­len Lini­en ver­se­hen. Zwi­schen den Gegen­po­len von Fan­ta­sti­schem und Wirk­li­chem fol­gen die Auf­zeich­nun­gen einer fra­gi­len, doch festen, einer impro­vi­sier­te, doch andau­ern­den Fabel mit dem Cre­do: den »leben­di­gen Kon­takt mit Men­schen« zu suchen. Bei vie­len Schrift­stel­lern, Künst­lern und ande­ren Gei­stes­grö­ßen und bei gestran­de­ten Men­schen, denen er sich mit »Arbeits­lo­sen­hil­fe und den mage­ren Hono­ra­ren« ähn­lich fühlt. Sein Rea­lis­mus »erweckt Men­schen zu einem dau­er­haf­te­ren Leben als es ihnen sonst ver­gönnt wäre«.

Ein­mal begab sich Wag­ner in eine Neu­ro­lo­gi­sche Anstalt, da half es, gegen die psy­cho­so­ma­ti­schen Stö­run­gen mit ande­ren Pati­en­ten Skat­spiel zu dre­schen. Oft­mals konn­te Wag­ner nicht schla­fen, da stand er in der Nacht auf, um sei­ne Träu­me zu notie­ren und hielt zufrie­den fest: »Den Sei­nen gibt’s der Herr im Schlaf.« Schon 1973 schrieb er eine Erzäh­lung (in: Das Tref­fen, 1976), wo er sicher schon bemerk­te, wie sich die »Träu­me zu klei­nen absur­den Geschich­ten ver­dich­te­ten«. Sie kön­nen sich auch zum poli­ti­schen Bild stei­gern, wenn er auf der Magi­stra­le der Stadt »über allem das Gesicht eines geal­ter­ten Man­nes mit in Stein gehaue­nen Zügen (sah), der das Leben auf der Insel in sei­ner Hand hielt«. Durch die Viel­zahl fest­ge­hal­te­ner Träu­me mit den teils merk­wür­dig rea­len, teils außer­or­dent­lich fan­ta­sti­schen Hand­lungs­bil­dern, die uns nach Sig­mund Freud einen Königs­weg zum Unbe­wuss­ten eröff­nen, bekommt sein Rea­lis­mus eige­nen Cha­rak­ter. Zuwei­len schreibt er mit auto­ma­ti­scher Metho­de und fängt Sprach­bil­der gleich­sam im durch­ro­ste­ten Eimer.

Die Fül­le der Tex­te erscheint in ihrer Knapp­heit und im plötz­li­chen Wech­sel der Inhal­te und For­men oft ver­ein­zelt und fol­gen in loser, doch kunst­vol­ler Struk­tur und auf ver­schie­de­nen Stil­schich­ten, manch­mal im Ber­li­ner und säch­si­schem Dia­lekt. Sein Humor berei­tet genuss­vol­les Ver­gnü­gen und besitzt beim Text »Der mensch­li­che Zoo« kräf­ti­ge Iro­nie, sonst schwingt Selbst­iro­nie immer mit. Erhei­ternd ist, wie Bernd Wag­ner von der Lie­bes­mü­he »auf der Eck­bank im Inter­nats­zim­mer« erzählt oder wie er mit dem pol­ni­schen Krzy­stof im besten Ver­ständ­nis ein Gespräch mit weni­gen rus­si­schen und eng­li­schen Wör­tern über Fuß­ball und Musik führt.

Geist­vol­le Sen­ten­zen und Sprach­bil­der oder sei­ne Freu­de, mit den Tex­ten »Anti-Mate­rie geschaf­fen zu haben«. Die­sen zum Wider­spruch rei­zen­den Spruch kor­ri­giert Wag­ner, als er spä­ter durch Adolf End­ler auf den »uralten Adres­sa­ten des Ohres« stieß.

Er erzählt über Woh­nungs­le­sun­gen und über Lesun­gen im schloss­ähn­li­chen Gebäu­de des Auf­bau-Ver­la­ges von Elke Erb, Bri­git­te Stru­zy, Hanns Löff­ler oder über die Bil­dung einer inti­men Schrift­stel­ler­ge­mein­schaft, die sich in Anleh­nung und im Unter­schied von der berühm­ten west­deut­schen »Grup­pe 47« wit­zi­ger­wei­se »Grup­pe 46« nannte.

Im Wan­der­schritt durch­eil­te Wag­ner Ber­lin, kommt von der Wol­li­ner zur Fried­rich­stra­ße und hin­aus in den Pan­kower Bür­ger­park, und steigt hin­ter dem noch öden Schloss­platz die Stu­fen hin­ter dem glä­ser­nen Palast der Repu­blik hin­ab zur ein­ge­mau­er­ten Spree, kommt von der Inva­li­den­stra­ße zum dunk­len Vier­tel, das sich par­al­lel zur Gren­ze hin­zieht und beson­ders gern zum Wan­nen­bad in der Oder­ber­ger. In sei­nem Hin­ter­hof in Wei­ßen­see trat aus einer Drucke­rei Unter­grund­li­te­ra­tur den Weg ins poli­ti­sche Leben.

Immer wie­der besuch­te er Sarah Kirsch, Adolf End­ler, Karl Mickel, beson­ders Richard Pietraß, mit dem das Aus­kom­men sehr leicht war und mit dem er eine Harz-Wan­de­rung unter­nahm. Aus erster Hand ist hier über die Zeit­schrift MIKADO zu erfah­ren, über die Her­aus­ge­ber­schaft, Pro­saist Wag­ner, Lyri­ker Uwe Kol­be und Dra­ma­ti­ker Lothar Trol­le, und über die Künst­ler um Hans Scheib, die das Blatt künst­le­risch aus­stat­te­ten. Wag­ners Buch ist ehr­lich und bleibt auch bei kri­ti­scher Betrach­tung fair, wie gegen­über Paul Wiens, der, nach­dem sei­ne Men­to­rin für den Schrift­stel­ler­ver­band, Sarah Kirsch, aus­ge­reist war, »äußerst dis­kret« sein zwei­ter Men­tor wurde.

Alles unter­zieht er kri­ti­scher Refle­xi­on, stößt immer wie­der auf eine Spra­che mit natio­na­li­sti­schen und ras­si­sti­schen Wendungen.

Bevor Wag­ner den Aus­rei­se­an­trag stell­te, besuch­te er West-Ber­lin, wo eine Distanz zur west­li­chen Kul­tur auf­brach, die doch nicht sei­nen Schritt ver­hin­der­te. Denn Schil­de­run­gen zei­gen, wie mit ihm (nach einem Sta­si­be­richt) »auf Grund der feindl. neg. Hal­tung, sei­ner viel­fäl­ti­gen Akti­vi­tä­ten im polit. Unter­grund« drang­sa­lie­rend umge­gan­gen wur­de und zu sei­ner Schluss­fol­ge­rung füh­ren, »die­se Gesell­schaft hat mir nichts mehr zu bie­ten: kei­ne Auf­ga­ben, kei­ne pro­duk­ti­ven Her­aus­for­de­run­gen«. Vor­bei der Gedan­ke, In einem bes­se­ren Land, »in einem Staat zu leben, gegen des­sen Repres­sio­nen sich anzu­kämp­fen lohnt, weil ihm letz­ten Endes doch die Zukunft gehör­te«. Der letz­te Anstoß war die kul­tur­feind­li­che Spren­gung der drei Gasometer.

Als er mit Rita in West-Ber­lin ein­traf, erlebt er den Ver­lust von Gemein­sam­keit und die Elo­quenz, mit der Jür­gen Fuchs ihm emp­fahl, sei­nen Ver­bes­se­rungs­vor­schlag, ob man nicht aus dem Schloss in eine still­ge­leg­te Fabrik zie­hen sol­le, zurück­zu­hal­ten. Dage­gen das freund­schaft­li­che Zusam­men­sein mit dem Maler Peter Herr­mann, »der auch mit Pin­sel und Stift zu erzäh­len ver­stand«. Des wei­te­ren Tren­nun­gen von Frau­en und die Won­nen mit ihnen und häu­fi­ges Alleinsein.

Gern hät­te er an dem Umbruch im Osten teil­ge­nom­men. An des­sen künf­ti­gen Erfolg zer­stör­ten Demon­stra­tio­nen über den Leip­zi­ger Ring sei­nen Zwei­fel. Bernd Wag­ner schrieb einen gro­ßen authen­ti­schen Bei­trag zur Kul­tur­ge­schich­te Ber­lins, deren histo­ri­scher Chro­no­lo­gie er eine inne­re entgegensetzt.

Bernd Wag­ner: Ver­las­se­ne Wer­ke, Ver­lag Faber & Faber, Leip­zig 2022, 608 S., Hard­co­ver mit Lese­bänd­chen und Schutz­um­schlag, 26 €.