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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Erinnern in der Gegenwart

10. Mai 1933: Auf dem dama­li­gen Opern­platz in Ber­lin wer­fen etwa 70.000 Stu­den­ten, Pro­fes­so­ren, Mit­glie­der der SA und SS Bücher von als undeutsch bezeich­ne­ten Autoren in die Flam­men der Schei­ter­hau­fen. Reichs­pro­pa­gan­da­mi­ni­ster Joseph Goe­b­bels war selbst anwe­send und erklärt das »Zeit­al­ter eines über­spitz­ten jüdi­schen Intel­lek­tua­lis­mus« für been­det. In ande­ren Uni­ver­si­täts­städ­ten gab es die glei­chen Bilder.

Am 31. August 1947 wur­de der Platz in Ber­lin nach August Bebel (1840-1913) benannt, dem Mit­be­grün­der und Füh­rer der deut­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie. In der Mit­te befin­det sich seit dem 20. März 1995 eine wür­di­ge Erin­ne­rungs­stät­te. Nach Ent­wür­fen des israe­li­schen Bild­hau­ers Micha Ull­man ent­stand ein unter­ir­di­sches und von oben ein­seh­ba­res Denk­mal mit lee­ren Bücher­re­ga­len für 20.000 Bän­de. Die ber­lin­Hi­sto­ry-App gibt medi­al Aus­kunft zur Geschichte.

Nur weni­ge Schrit­te ent­fernt ist eine schlich­te Gedenk­ta­fel zu sehen. Sie wur­de bereits 1983 am Alten Palais ange­bracht, das heu­te die Juri­sti­sche Fakul­tät der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät beher­bergt. Sie geht auf die bei­den DDR-Schrift­stel­ler Heinz Knob­loch (1926-2003) und Peter Edel-Hirsch­weh (1921-1983) zurück. Knob­loch schrieb näm­lich in sei­nem histo­ri­schen Roman Herr Moses in Ber­lin zu die­sem Platz: »Ich bin fast geneigt, wenn das gin­ge, eine Sub­skrip­ti­on zu eröff­nen für eine Gedenk­ta­fel zu Ehren der am 10. Mai 1933 hier ins Feu­er gewor­fe­nen Bücher. Sie muss aber so beschaf­fen sein, dass kei­ne Krän­ze nie­der­ge­legt, son­dern Gedan­ken davon­ge­tra­gen wer­den kön­nen. Und das geht in Ber­lin« (Heinz Knob­loch Herr Moses in Ber­lin – Auf den Spu­ren eines Men­schen­freun­des, 1. Auf­la­ge, Buch­ver­lag Der Mor­gen, Ber­lin 1979, S. 417/​418).

Die­ser Inten­ti­on sei­nes Kol­le­gen folg­te Peter Edel in Ent­wurf, Gestal­tung und Text. In Wenn es ans Leben geht schil­der­te der ehe­ma­li­ge Auschwitz­häft­ling, wie er im Win­ter 1943 hier mit sei­ner Ehe­frau Lie­se­lot­te hand­ge­druck­te Zet­tel mit einem Hei­ne-Zitat kleb­te. An die Ehe­leu­te wird in Yad Vashem und mit Stol­per­stei­nen in der Neu­köll­ner Son­nen­al­lee 174 erinnert.

Die Wor­te Hei­nes stam­men aus sei­ner Tra­gö­die »Alman­sor«, in der in einem Dia­log zunächst die Ver­bren­nung des Korans durch den Groß­in­qui­si­tor Kar­di­nal Fran­cis­co Xime­nes geschil­dert wird.* Das Zitat lau­tet im Ori­gi­nal wörtlich:

»Das war ein Vor­spiel nur, dort wo man Bücher
ver­brennt, ver­brennt man auch am Ende Men­schen.«

Die­se Mah­nung Hei­nes, auch des­halb ist das Erin­nern in der Gegen­wart wich­tig, gewinnt gera­de wie­der ein­mal trau­ri­ge Aktua­li­tät. Wer ange­sichts des inhu­ma­nen Kriegs­ge­sche­hens in der Ukrai­ne das »rus­si­sche Zeit­al­ter« für been­det erklärt und im näch­sten Atem­zug die rus­si­sche Lite­ra­tur zu äch­ten for­dert, reiht sich im Grun­de ein in das Jahr­hun­der­te alte Unrecht der Bücher­ver­bren­nun­gen. Auch dar­auf gilt es am 10. Mai hinzuweisen.

Mit der Errich­tung der Per­go­la 2006 wur­de die Bron­ze­ta­fel mit dem Hei­ne-Zitat an der Gie­bel­fas­sa­de des Alten Palais abge­nom­men und an der heu­ti­gen Stel­le am Mit­tel­ri­sa­lit in Abstim­mung mit der Denk­mal­pfle­ge mon­tiert. Mit den Arbei­ten zur Umset­zung 2006 und einer not­wen­di­gen Restau­rie­rung der Tafel beauf­trag­te der Ver­wal­tungs­lei­ter der Juri­sti­schen Fakul­tät, Herr Isko Stef­fan, den Restau­ra­tor Ste­fan Grell. 2013 wur­den neue Bron­ze­buch­sta­ben ange­fügt. Ver­mut­lich durch Van­da­lis­mus hat­ten sich Tei­le der Inschrift abge­löst und waren ver­schwun­den. Ein neu­er Schrift­satz aus einem ähn­li­chen Schrift­ty­pus wur­de als Ersatz ange­fügt. Die Ober­flä­che wur­de abschlie­ßend mit einer Wachs­kon­ser­vie­rung auf­ge­frischt. Inhalt­li­che Ver­än­de­run­gen an der Tafel wur­den nicht vorgenommen.

Der Tag des Buches war erst­mals 1929 in Deutsch­land durch­ge­führt wor­den. Am 10. Mai 1947 wur­de er in Ber­lin von Kul­tur­ver­tre­tern sämt­li­cher vier Sek­to­ren als Gedenk­tag an die Bücher­ver­bren­nung 1933 in Deutsch­land began­gen. Im sowje­ti­schen Sek­tor und spä­ter in der DDR wur­de er als »Tag des frei­en Buches« wei­ter­ge­führt. In die­ser Tra­di­ti­on ste­hen die Lesun­gen gegen das Ver­ges­sen. DIELINKE. im Bun­des­tag erin­nert wie­der am 10. Mai 2022 gemein­sam mit der Rosa-Luxem­burg-Stif­tung an Schrift­stel­ler/-innen, deren Bücher öffent­lich ver­brannt wurden.

* Hein­rich Hei­ne Gesam­mel­te Wer­ke Zwei­ter Band, Auf­bau-Ver­lag Ber­lin 1955, S. 489/​490.