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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Literatur als Wertevermittler

Mit Gedich­ten, über­haupt mit Lite­ra­tur kann man kei­ne Pan­zer auf­hal­ten. Wer das sagt, hat vor­der­grün­dig Recht und liegt in einem tie­fe­ren Sin­ne doch völ­lig dane­ben. In der Tat, das Lesen eines Gedichts, selbst das lau­te Vor­le­sen wird kei­nen Pan­zer stop­pen. Aber dar­um geht es gar nicht, son­dern es geht um die Fra­ge: Was kann Lite­ra­tur dazu bei­tra­gen, dass Pan­zer erst gar nicht los­fah­ren, geschwei­ge denn schie­ßen? Wie müs­sen wir Lite­ra­tur, im wei­te­ren Sin­ne Kunst, ver­ste­hen, wel­che Rol­le kön­nen wir ihr in der Gesell­schaft, in unse­rem Zusam­men­le­ben beimessen?

In die­sem Zusam­men­hang ist es sinn­voll, an das Böcken­för­de-Dik­tum zu erin­nern, jenen prä­gen­den Satz zur Staats­leh­re des ehe­ma­li­gen Ver­fas­sungs­rich­ters, der geur­teilt hat, dass der moder­ne, säku­la­ri­sier­te Staat die Vor­aus­set­zun­gen, von denen er lebt, sel­ber nicht garan­tie­ren kann. Tole­ranz zum Bei­spiel, wich­tig für jedes fried­fer­ti­ge Zusam­men­le­ben, kann ja nicht gesetz­lich ver­ord­net wer­den. Der Staat gibt einen Rah­men vor, inhalt­lich gefüllt wer­den muss er von ande­ren Kräf­ten. Wes­halb Böcken­för­de sei­nen katho­li­schen Glau­ben sehr ernst nahm. Reli­gi­on, spe­zi­ell Chri­sten­tum kann den vor­ge­ge­be­nen Rah­men inhalt­lich fül­len, mein­te er.

Und genau von die­ser Leer­stel­le her soll­ten wir Kunst und spe­zi­ell Lite­ra­tur den­ken. Spra­che, also Lite­ra­tur, ist immer an Inhal­te gebun­den, und über sie wer­den Wer­te ver­mit­telt, die auf Lese­rin­nen und Leser tie­fer ein­wir­ken als Sach­tex­te oder Ver­laut­ba­run­gen, ein­fach des­halb, weil sie nicht nur die Ratio anspre­chen, son­dern auch Emo­tio­nen, die tie­fer und des­halb lang­fri­sti­ger wir­ken. Wie sehr haben uns Anti­kriegs­ro­ma­ne bewegt, wie sehr Lie­bes­ge­dich­te, die den Wert von Zunei­gung, Part­ner­schaft, Ein­ge­hen auf den ande­ren geprägt haben. Immer wer­den wir für unse­re Umwelt, für Schöp­fung und Natur sen­si­bi­li­siert, auch da, wo es schein­bar nur um Ästhe­tik geht. Ja, auch Ästhe­tik, auch der schön geform­te Satz, das flie­ßen­de Gedicht mit sei­nen über­ra­schen­den, noch nie gedach­ten Bil­dern wir­ken in uns nach und hel­fen, die Welt dif­fe­ren­zier­ter und damit ver­ständ­nis­vol­ler zu sehen. Und ein tie­fe­res Welt­ver­ständ­nis macht uns offen für den ande­ren, für sein Anlie­gen und sei­ne Sorgen.

Gera­de in einer Zeit wie die­ser, gera­de weil die­ser schreck­li­che Krieg in der Ukrai­ne läuft, sind lite­ra­ri­sche Tex­te wich­tig, sie geben Ori­en­tie­rung, viel­leicht sogar Halt. Sie kön­nen auch über die Fron­ten hin­weg Schrift­stel­le­rin­nen und Schrift­stel­ler zusam­men­füh­ren zu einer gemein­sa­men Stim­me, die dann auf ihre stil­le Wei­se für Ver­stän­di­gung sorgt.

Es ist auf­fäl­lig, dass in unse­rem All­tag Lite­ra­tur eine viel zu gerin­ge Rol­le spielt, man könn­te sagen, von die­ser schwa­chen Kraft her kann der lee­re Rah­men Gesell­schaft nicht gefüllt wer­den. Aber auch das ist nur eine vor­der­grün­di­ge Sicht­wei­se, wie die Zeit des Lock­downs zeigt. Da war das vor­herr­schen­de kon­su­mi­sti­sche Welt­bild ein­fach abge­schal­tet wor­den, die Leu­te waren auf sich selbst zurück­ge­wor­fen. Es war beäng­sti­gend, an den geschlos­se­nen Läden und Cafés vor­bei­zu­lau­fen, es ließ einen frö­steln. Und plötz­lich tauch­te im Inter­net, wie aus dem Nichts, Lite­ra­tur auf, stär­ker als vor­her. Lyrik­sei­ten wur­den geschal­tet: »Mit Poe­sie durch Pan­de­mie«, »Ein Plätz­chen für Lite­ra­tur« hieß eine Rei­he, die der PEN ver­an­stal­te­te. Die Sei­ten wur­den gele­sen, es gab ein Bedürf­nis nach Anre­gung und vor allem Ori­en­tie­rung. Die Not brach­te zuta­ge, was wirk­lich Halt gab. Lite­ra­tur eben, Kunst also.

Und genau hier müs­sen wir anset­zen. Lite­ra­tur und Kunst müs­sen gestärkt wer­den. Hier ist der Ort, wenn ich es etwas poe­tisch for­mu­lie­ren darf, der Seelenbildung.

Und genau da, müs­sen wir kon­sta­tie­ren, liegt gleich­zei­tig ein Pro­blem. Die Lese­kul­tur erlei­det Abbrü­che. Ein gro­ßer Pro­zent­satz jun­ger Leu­te, inter­net­so­zia­li­siert, liest wenig bis nichts mehr. In einem klei­nen Büch­lein habe ich die­ses Pro­blem mal ent­fal­tet: »Ich lese nichts«. Die­sen Satz sag­ten mir Schü­ler mit gro­ßem Selbst­be­wusst­sein, ohne dass sie es als Man­ko empfanden.

Die bekann­te Ham­bur­ger Kin­der- und Jugend­buch­au­torin Kir­sten Boie hat einen Auf­ruf gestar­tet, die Lese­kul­tur bei jun­gen Leu­ten wie­der zu ent­wickeln, denn einer­seits ver­hin­dern die Defi­zi­te Wer­te­ver­mitt­lung und Ori­en­tie­rung, ande­rer­seits stel­len sie auch eine Gefahr für die Demo­kra­tie dar, denn eine dif­fe­ren­zier­te Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung läuft immer noch über das Lesen.

Mei­ne schön­sten Unter­richt­stun­den hat­te ich, wenn wir in Ruhe in einem Buch lasen. Einer laut, die ande­ren lasen mit. Und man spür­te, wie sie mit den lite­ra­ri­schen Per­so­nen lit­ten, sich mit ihnen freu­ten, wie sich ihnen eine ganz neue Welt erschloss, die sie lan­ge gefan­gen nahm und die, wer weiß wie lan­ge, nachwirkte.

Was kön­nen wir den Pan­zern ent­ge­gen­set­zen? Nicht das lau­te Vor­le­sen von Gedich­ten, das ist dümm­lich. Aber an der Ein­stel­lung der Men­schen zu arbei­ten, an ihrem Mit­ge­fühl, ihrer Sehn­sucht nach Frie­den. Wer kann hel­fen, so etwas zu ent­wickeln? Lite­ra­tur, davon bin ich über­zeugt, kann das. Wir müs­sen sie noch viel stär­ker in Sze­ne setzen.