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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Unbeachtet: Staatsstreichdrohung

Die Mel­dun­gen im Inter­net rauf und run­ter gesucht, aber nur in der Rostocker Ost­see­zei­tung vom 3. April stand: »War­nung vor Ter­ror­an­schlä­gen von Poli­zi­sten und Sol­da­ten«. Es wird mit­ge­teilt: Die Bun­des­re­gie­rung befürch­te eine Zunah­me rech­ter Gewalt im Zuge der Coro­na-Kri­se. Das Bun­des­in­nen­mi­ni­ste­ri­um habe den Bun­des­tag über Pla­nun­gen rech­ter Grup­pie­run­gen infor­miert, die Gunst der Stun­de aus­zu­nut­zen. Nach Medi­en-Infor­ma­tio­nen berei­ten sich Mit­glie­der soge­nann­ter Prep­per-Grup­pen (engl. to be pre­pa­red: vor­be­rei­tet sein) auf einen angeb­li­chen Tag X vor, an dem die öffent­li­che Ord­nung zusam­men­bre­chen soll. In Schles­wig-Hol­stein, Ham­burg, Nie­der­sach­sen und Nord­rhein-West­fa­len sol­len Waf­fen und Muni­ti­on aus Ver­stecken, soge­nann­ten Safe­hou­ses, geholt wor­den sein.

»Tei­le der extre­men Rech­ten haben sich auf genau sol­che Situa­tio­nen vor­be­rei­tet und könn­ten mit Anschlä­gen aktiv wer­den«, sag­te Lin­ken-Innen­ex­per­tin Mar­ti­na Ren­ner. Kon­stan­tin Kuh­le, innen­po­li­ti­scher Spre­cher der FDP-Bun­des­tags­frak­ti­on, beton­te, immer häu­fi­ger tau­che bei Rechts­ex­tre­mi­sten die Hoff­nung auf bür­ger­kriegs­ähn­li­che Zustän­de auf, in denen die ver­hass­ten eta­blier­ten Struk­tu­ren in Poli­tik und Gesell­schaft besei­tigt wer­den sollen.

Nach dem Ost­see­zei­tungs-Bericht war wie­der Ruhe im Blät­ter­wald. Wäh­rend sonst alle mög­li­chen Mel­dun­gen zur Coro­na-Kri­se in aller Brei­te aus­ge­walzt wur­den, von der Not der Spiel­hal­len­be­sit­zer bis zum Kum­mer der Nachtlokalbesucher.

Dann aller­dings, am Frei­tag, dem 15. Mai, fand ich eine Infor­ma­ti­on im Lokal­teil der Dort­mun­der Ruhr Nach­rich­ten, die besag­te: Das Son­der­ein­satz­kom­man­do (SEK) der Dort­mun­der Poli­zei habe im fer­nen Meck­len­burg-Vor­pom­mern, in Güstrow, auf einem Schieß­stand der rechts­ter­ro­ri­sti­schen Grup­pe »Nord­kreuz« trai­niert. Das habe das Lan­des­kri­mi­nal­amt jetzt bestä­tigt. Und wei­ter: Am Raub von Muni­ti­on bei Bun­des­wehr und Poli­zei zum Ein­satz für den Tag »X« sei­en auch Poli­zi­sten aus Nord­rhein-West­fa­len betei­ligt gewe­sen. Grup­pen wie »Nord­kreuz« haben Todes­li­sten auf­ge­stellt, um die dar­in ver­zeich­ne­ten Demo­kra­ten »weg­zu­ma­chen«.

Bemer­kens­wert ist, dass die Mel­dung nur im Lokal­teil der Dort­mun­der Zei­tung stand, nicht auf der vor­de­ren Sei­te, denn es wur­den vom Lan­des­kri­mi­nal­amt auch Kon­tak­te der SEK Duis­burgs, Kölns und Düs­sel­dorfs zum rech­ten Ter­ror­spek­trum gemel­det. Obwohl noch wei­te­re Details – dies­mal aus fron­tal 21 – gemel­det wur­den, hüll­ten sich Lan­des- und Bun­des­re­gie­rung in Schwei­gen. Es wur­de bekannt: An jenem Tag X soll die Staats­macht über­nom­men und unlieb­sa­me Men­schen aus dem demo­kra­ti­schen Spek­trum hin­ge­rich­tet wer­den. Für die ›Macht­über­nah­me‹ braucht man Fahr­zeu­ge, Waf­fen, Muni­ti­on, zur Vor­be­rei­tung Listen von ›Fein­den‹, für ihre Besei­ti­gung Lei­chen­säcke und Lösch­kalk. Chats bele­gen Details der Vorratsbeschaffung.

Anti­fa­schi­sti­sche Grup­pen wie die VVN-BdA for­der­ten dar­auf­hin die sofor­ti­ge Been­di­gung der Poli­zei­kon­tak­te in die rech­te Sze­ne hin­ein. Der Fall müs­se gründ­lich auf­ge­klärt wer­den. Bis dahin sei­en alle SEK-Kräf­te, die aus­ge­rech­net ins 550 Kilo­me­ter ent­fern­te Güstrow zum Schieß­stand fah­ren – offen­bar um sich mit »Nordkreuz«-Leuten zu tref­fen –, aus dem Dienst zu ent­fer­nen. Die Lin­ke Dort­mund ergänz­te: »Das Wir­ken rechts­ter­ro­ri­sti­scher Krei­se in Deutsch­land ist uner­träg­lich, beschä­mend und hoch­ge­fähr­lich. – Ihr Zusam­men­wir­ken mit staat­li­chen Orga­nen unfass­bar, skan­da­lös und eine schwe­re Bedro­hung der Demo­kra­tie.« Es mel­de­ten sich auch Beob­ach­ter zu Wort, die auf die nie auf­ge­klär­te Rol­le der Dort­mun­der Poli­zei bei der Nicht­auf­klä­rung der NSU-Mor­de hinwiesen.