Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Walter Kaufmanns Lektüre

»Alle Per­so­nen die­ses Buches stel­len Typen dar, nicht Portraits.«

Klaus Mann

Wer sich des Spiel­films mit Klaus Maria Bran­dau­er als Hen­drik Höf­gen (sprich Gustaf Gründ­gens) erin­nert, viel­leicht auch die kürz­lich vom Nord­deut­schen Rund­funk aus­ge­strahl­ten Aus­schnit­te aus Klaus Manns Roman gehört hat, wird die jüngst erschie­ne­ne Neu­auf­la­ge des »Mephi­sto« begrü­ßen. Mag auch so manch einer dem Autor zustim­men: »Typen nicht Por­traits« – im Film jeden­falls wur­de Hen­drik Höf­gen über­zeu­gend dar­ge­bo­ten, sehr wirk­lich, sehr sinn­lich, das war alles ande­re als nur die Dar­stel­lung eines Typs. Auch wie im Rund­funk Höf­gen dem Hörer nahe­ge­bracht wur­de, war voll­endet. Beim Lesen der Buch­fas­sung jedoch tat ich mich schwer mit der Meta­mor­pho­se des vom Kom­mu­nis­mus schwär­men­den Schau­spie­lers bis hin zum Mit­läu­fer der Nazis und Günst­ling Görings. Auch schien mir der Mann zu ver­kom­men ange­legt, zu fies, cha­rak­ter­lich zu ver­wahr­lost, um auf der Büh­ne einem Ham­let, einem Franz Moor gerecht wer­den zu kön­nen – doch dann: Mimen sind Mimen! Am Ende trau­te ich ihm sogar sei­ne glanz­vol­len Abste­cher ins komi­sche Fach zu. Der Göring im Roman wirk­te auf mich rund­um über­zeu­gend, auch der Schau­spie­ler Otto Ull­richs, ein Kom­mu­nist, der in den Gesta­po-Kel­lern stand­haft bleibt bis in den Tod.

Aus heu­ti­ger Sicht erschien mir der Roman immer dort zu lang, wo Klaus Mann glaub­te, über die Aus­wüch­se des Faschis­mus dozie­ren zu müs­sen. Ande­rer­seits: Jun­gen Lesern, die von den Exzes­sen in Nazi­deutsch­land wenig wis­sen, wer­den durch sol­che Pas­sa­gen die Augen geöff­net. Und wo Klaus Mann einen Göring, einen Goe­b­bels sati­risch zer­pflückt, er die Volks­ver­het­zer nach Strich und Faden aus­ein­an­der­nimmt, ist er äußerst aktu­ell. Mag sein, dass »Mephi­sto« nicht so hef­ti­ge Wel­len schla­gen wird wie zu sei­ner Ent­ste­hungs­zeit – 1936 war der Roman eine Groß­tat! – sei­ne Bedeut­sam­keit bleibt. Das Buch soll­te gera­de heut­zu­ta­ge gele­sen werden!

Klaus Mann: »Mephi­sto«, Roman, Rowohlt Ver­lag, 415 Sei­ten, 20 €