Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Lesen lohnt sich, auch Bibellesen

Glaubt der poli­tisch inter­es­sier­te Zeit­ge­nos­se den offi­zi­el­len Infor­ma­tio­nen des bun­des­deut­schen Aus­wär­ti­gen Amtes, dann ver­lau­fen die Bei­tritts­ver­hand­lun­gen der Euro­päi­schen Uni­on mit Ser­bi­en wie geschmiert. Zumin­dest auf den ersten Blick ist man gut vor­an­ge­kom­men: »Ser­bi­en hat am 22. Dezem­ber 2009 einen Bei­tritts­an­trag zur Euro­päi­schen Uni­on gestellt. Im Juni 2013 hat der Euro­päi­sche Rat beschlos­sen, Bei­tritts­ver­hand­lun­gen mit Ser­bi­en zu eröff­nen … Am 21. Janu­ar 2014 haben die Bei­tritts­ver­hand­lun­gen mit Ser­bi­en begon­nen. Im Dezem­ber 2015 konn­te das hier­für rele­van­te Kapi­tel 35 und gleich­zei­tig Kapi­tel 32 (Finanz­kon­trol­le) geöff­net wer­den. Im Juli 2016 gelang auf­grund ser­bi­scher Reform­fort­schrit­te die Öff­nung der gleich­falls prio­ri­tä­ren Kapi­tel 23 (Justiz und Grund­rech­te) sowie 24 (Recht, Frei­heit und Sicher­heit) … Das im April 2008 unter­zeich­ne­te Sta­bi­li­sie­rungs- und Asso­zi­ie­rungs­ab­kom­men (SAA) bil­det den Rah­men für die EU-Annä­he­rung Ser­bi­ens und trat zum 1. Sep­tem­ber 2013 in Kraft … Mit Inkraft­tre­ten eines Visa­er­leich­te­rungs­ab­kom­mens im Dezem­ber 2009 wur­de zudem die Visa­pflicht für ser­bi­sche Bür­ge­rin­nen und Bür­ger bei der tou­ri­sti­schen Ein­rei­se in den Schen­gen-Raum auf­ge­ho­ben … Ser­bi­en erhält von der EU finan­zi­el­le Unter­stüt­zung über das Instru­ment der Her­an­füh­rungs­hil­fe IPAII (Instru­ment for Pre-Acces­si­on Assi­stance). Für den För­der­zeit­raum 2014 bis 2020 erhält Ser­bi­en rund 1,5 Mil­li­ar­den Euro.«

Der erste Blick trügt jedoch, und der zwei­te macht mehr als stut­zig. Denn ein­ge­bet­tet in den Fort­schritts­be­richt sind auch auf­schluss­rei­che Sät­ze wie zum Bei­spiel: »Fort­schrit­te im Nor­ma­li­sie­rungs­pro­zess zwi­schen Ser­bi­en und Koso­vo wer­den die Geschwin­dig­keit der Bei­tritts­ver­hand­lun­gen maß­geb­lich beein­flus­sen.« »Als Schlüs­sel­kri­te­ri­um benann­te der EU-Rat für All­ge­mei­ne Ange­le­gen­hei­ten sicht­ba­re und nach­hal­ti­ge Fort­schrit­te in den Bezie­hun­gen zu Koso­vo.« All das gip­felt in der Fest­stel­lung: »Vor einem Abschluss der Bei­tritts­ver­hand­lun­gen muss eine umfas­sen­de Nor­ma­li­sie­rung der Bezie­hun­gen zwi­schen Ser­bi­en und Koso­vo sicher­ge­stellt sein …«

Da also liegt der Hase im Pfef­fer. Hin­ter den im fei­nen Diplo­ma­ten­deutsch abge­fass­ten For­mu­lie­run­gen ver­birgt sich ein erpres­se­ri­sches Ulti­ma­tum, das da lau­tet: Willst du EU-Mit­glied wer­den, dann musst du die staat­li­che Unab­hän­gig­keit Koso­vos bedin­gungs­los aner­ken­nen. Mit ande­ren Wor­ten: Ser­bi­en soll völ­ker­recht­lich akzep­tie­ren, dass das auto­no­me Gebiet Koso­vo zu Recht mit dem ver­bre­che­ri­schen 78-tägi­gen Bom­ben- und Rake­ten­krieg der NATO aus dem ser­bi­schen Staat her­aus­ge­bro­chen wur­de und nun­mehr ein selb­stän­di­ger sou­ve­rä­ner Staat an sei­ner Süd­gren­ze ist. Für die über­gro­ße Mehr­heit der Ser­ben ist die­se For­de­rung der EU umso schmerz­li­cher, da Koso­vo im Mit­tel­al­ter das poli­ti­sche, wirt­schaft­li­che und reli­giö­se Zen­trum Ser­bi­ens, Sitz der Neman­ji­den­dy­na­stie und des ser­bisch-ortho­do­xen Patri­ar­chen war. Nach der ser­bi­schen Nie­der­la­ge in der Schlacht auf dem Amsel­feld (Koso­vo pol­je) im Jah­re 1389 und dem Vor­rücken der Tür­ken ver­än­der­te sich schritt­wei­se die eth­ni­sche Zusam­men­set­zung sei­ner Bevöl­ke­rung. Vie­le Ser­ben zogen nach dem Nor­den, vom Süden her dräng­ten die Alba­ner in das rie­si­ge Tal zwi­schen dem Schar­ge­bir­ge und den Ber­gen des Pro­kle­ti­je nach, wo sie unter tür­ki­scher Herr­schaft mas­sen­haft isla­mi­siert wur­den. Für die Ser­ben aber blieb Koso­vo im Kampf gegen das Tür­ken­joch Bestand­teil ihres Lan­des und gilt auch wei­ter­hin als »Wie­ge der ser­bi­schen Staat­lich­keit und Kultur«.

Nun aber soll Ser­bi­en gezwun­gen wer­den, die­ses von der NATO aus sei­nem Ter­ri­to­ri­um her­aus­ge­bomb­te und besetz­te Gebiet völ­ker­recht­lich als sou­ve­rä­nen Staat anzu­er­ken­nen. Ande­ren­falls kann es nicht in die EU auf­ge­nom­men wer­den. Eine üble und letzt­lich schä­bi­ge Erpressung!

Die For­de­rung wird von den glei­chen auf­ge­stellt, die Russ­land der »Anne­xi­on«, also der gewalt­sa­men Ein­ver­lei­bung, der Krim bezich­ti­gen, obwohl die Halb­in­sel seit der Herr­schaft von Kathe­ri­na der Gro­ßen zu Russ­land gehör­te, ihre Bewoh­ner nach dem Putsch in Kiew mit über­wäl­ti­gen­der Mehr­heit für die Rück­kehr in die rus­si­sche Föde­ra­ti­on stimm­ten und wäh­rend des gesam­ten Pro­zes­ses kein ein­zi­ger Schuss fiel. Mos­kau wird wegen der »Anne­xi­on« der Krim mit Sank­tio­nen bestraft, aber Bel­grad soll mit der Auf­nah­me in die EU belohnt wer­den, wenn es die gewalt­sa­me Abtren­nung Koso­vos, und damit eines gro­ßen Teils sei­nes Staats­ter­ri­to­ri­ums völ­ker­recht­lich aner­kennt. Was für eine wun­der­ba­re Doppelmoral!

Aber die Ser­ben lie­ben es ganz und gar nicht, wenn ihnen die Pisto­le auf die Brust gesetzt wird. So mein­te der ser­bi­sche Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster Alek­san­dar Vulin im Mai 2018 wenn für die EU der Schlüs­sel­punkt die Lösung des Koso­vo-Pro­blems sei, eines Pro­blems, an des­sen Ent­ste­hung die EU aktiv mit­ge­wirkt habe, dann sei es Zeit, über die Ände­rung der Prio­ri­tä­ten der ser­bi­schen Außen­po­li­tik nach­zu­den­ken. Wört­lich erklär­te er: »Eine EU, die Bedin­gun­gen stellt, von denen sie weiß, dass sie nicht erfüllt wer­den, ist eine EU, die eine Recht­fer­ti­gung dafür sucht, dass wir nicht ihr Mit­glied wer­den kön­nen. Das soll­te man zur Kennt­nis neh­men und sei­ner Wege gehen.« Und auch die ein­fluss­rei­che ortho­do­xe Kir­che hat die poli­ti­sche Füh­rung unter Staats­prä­si­dent Alek­san­dar Vučić gewarnt, Koso­vo als das »Herz Ser­bi­ens« auf­zu­ge­ben. Das sei nichts ande­res als »Hoch­ver­rat«.

Wer annimmt, dass sich die Ser­ben so mir nichts dir nichts erpres­sen las­sen, der baut auf Sand. Bereits in der Hei­li­gen Schrift klärt Jesus in sei­nem Gleich­nis vom auf Fel­sen errich­te­ten Haus und jenem auf Sand gebau­ten auf:

»Dar­um, wer die­se mei­ne Rede hört und tut sie, der gleicht einem klu­gen Mann, der sein Haus auf Fels bau­te. Als nun ein Platz­re­gen fiel und die Was­ser kamen und die Win­de weh­ten und stie­ßen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegrün­det. Und wer die­se mei­ne Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törich­ten Mann, der sein Haus auf Sand bau­te. Als nun ein Platz­re­gen fiel und die Was­ser kamen und die Win­de weh­ten und stie­ßen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.«

Die Ent­schei­der in EU und NATO, in der Mehr­heit eif­ri­ge Kir­chen­gän­ger, soll­ten ein­mal zur Bibel grei­fen und Mat­thä­us 7, 24 bis 27 lesen.

Lesen lohnt sich, auch Bibellesen.