Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Europa – aus nichtdeutscher Sicht

Wer sei­ne Infor­ma­tio­nen über euro­päi­sche Ver­hält­nis­se aus den herr­schen­den Medi­en in Deutsch­land bezieht, sieht auch die­sen Teil der Welt durch eine star­re Bril­le herr­schen­der deut­scher Inter­es­sen. Ein Blick zum Bei­spiel in die deut­sche Bericht­erstat­tung der letz­ten Mona­te über Ita­li­en genügt, um zu erken­nen, wie tief auch hier bor­nier­te Vor­ur­tei­le ver­an­kert sind, die neu belebt werden.

Aus ande­ren Blick­win­keln Euro­pas, wie Ita­li­en, Grie­chen­land, Spa­ni­en oder auch Frank­reich, bie­ten sich ande­re Bil­der. Dort wird immer deut­li­cher, dass die Euro­päi­sche Uni­on heu­te offen­bar jene Zie­le ver­fehlt hat, die man einst den Bewoh­nern des kriegs­mü­den Kon­ti­nents zu errei­chen ver­spro­chen hat­te: Frie­den und Wohl­stand für alle. Wäh­rend des nun schon 60 Jah­re wäh­ren­den Eini­gungs­pro­zes­ses sind aber die öko­no­mi­schen und sozia­len Unter­schie­de unter den ein­zel­nen Mit­glieds­staa­ten nicht etwa abge­baut, son­dern ver­schärft wor­den. Man hat auch nicht abge­rü­stet, son­dern Krie­ge nur aus­ge­la­gert. 30 Jah­re nach dem Sieg des Westens am Ende des Kal­ten Krie­ges, ste­hen wie­der deut­sche Sol­da­ten (mit NATO-Trup­pen) an der rus­si­schen Gren­ze und an über hun­dert wei­te­ren Stand­or­ten, an denen im Rest der Welt erklär­ter­ma­ßen »deut­sche Inter­es­sen« ver­tei­digt wer­den, wie – inzwi­schen sprich­wört­lich - auch am Hindukusch.

Nach­kriegs­ent­wick­lung und Wirtschaftswunder

Das west­li­che Nach­kriegs­eu­ro­pa, das – nach Muster und Inter­es­se der USA – die bestehen­den öko­no­mi­schen Macht­ver­hält­nis­se weder im Innern noch zwi­schen den Staa­ten ver­än­dern woll­te, bot zumin­dest ver­bal ideel­le Alter­na­ti­ven zu den durch zwei Welt­krie­ge des­avou­ier­ten Begrif­fen »Natio­na­lis­mus« und »Kapi­ta­lis­mus«. Zunächst wur­de die »Euro­päi­sche Wirt­schafts­ge­mein­schaft« (EWG) erfun­den, weit­ge­hend noch nach den Vor­kriegs­ent­wür­fen von »Pan­eu­ro­pa«, der Kapi­ta­lis­mus mutier­te zur »Sozia­len Markt­wirt­schaft«, aus der bis­he­ri­gen Klas­sen­ge­sell­schaft wur­de eine »Sozi­al­part­ner­schaft«, die sich zu »Kon­zer­tier­ten Aktio­nen« zusam­men­fand und so wei­ter und so fort – eine neue Zeit schien anzu­bre­chen. Schon wäh­rend des Nach­kriegs­auf­schwungs (noch »Restau­ra­ti­on« genannt) wur­de die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land rasch zur stärk­sten Indu­strie­macht in Euro­pa. Die­ses soge­nann­te Wirt­schafts­wun­der basier­te auch auf den immensen Kriegs­pro­fi­ten der Groß­in­du­strie (nicht zuletzt aus der jah­re­lan­gen Zwangs­ar­beit von Mil­lio­nen Euro­pä­ern ent­stan­den), auf den in Lon­don 1953 erlas­se­nen und teil­wei­se gestun­de­ten Kriegs­schul­den und Repa­ra­tio­nen aus zwei Welt­krie­gen und einer von den Bom­bar­de­ments weit­ge­hend ver­schont geblie­be­nen moder­nen Schwer­indu­strie. Der pro­pa­gan­di­stisch fort­ge­führ­te Anti­kom­mu­nis­mus wur­de als »Anti-Tota­li­ta­ris­mus« ver­brämt, die KPD 1956 ver­bo­ten, und die SPD-Oppo­si­ti­on hat­te sich spä­te­stens seit 1959 (Bad Godes­berg) auch poli­tisch ein­bin­den las­sen und durf­te bald auch als Juni­or­part­ner mitregieren.

Unter den ande­ren EWG-Mit­glieds­staa­ten, die unter weni­ger gün­sti­gen Bedin­gun­gen pro­du­zier­ten, in denen die tra­dier­ten Klas­sen­ge­gen­sät­ze noch wesent­lich schär­fer zuta­ge tra­ten und auch ideo­lo­gisch noch längst nicht berei­nigt waren, gab es erheb­li­che Vor­be­hal­te gegen­über dem »Modell Deutsch­land«. Kri­tik am Zustand der Gemein­schaft Ende der 70er Jah­re for­mu­lier­te bei­spiels­wei­se der dama­li­ge Vor­sit­zen­de der fran­zö­si­schen Sozia­li­sti­schen Par­tei, Fran­çois Mit­ter­rand: »Wir akzep­tie­ren nicht das bestehen­de Euro­pa der Kapi­ta­li­sten, der Mono­po­le und der Tech­no­kra­ten.« (Süd­deut­sche Zei­tung, 10.9.1978)

Denn der enor­me Kon­zen­tra­ti­ons- und Zen­tra­li­sie­rungs­pro­zess in der BRD-Wirt­schaft stell­te schon damals eine erheb­li­che Hypo­thek für ein wirt­schaft­li­ches Mit­ein­an­der in Euro­pa dar: Acht deut­sche Grup­pen (VW, Daim­ler-Benz, Hoechst, Bay­er, Sie­mens, AEG Tele­fun­ken, Bosch, VEBA) gehör­ten bereits zu den größ­ten mul­ti­na­tio­na­len Kon­zer­nen der Welt, hin­ter zwan­zig US-Kon­zer­nen, aber weit vor Eng­land, Frank­reich und Ita­li­en (mit nur drei und zwei Kon­zer­nen; sie­he Le mon­de diplo­ma­tique, Juni 1977).

Der Öko­nom Wil­helm Hank­el hielt damals fest: »Der Zah­lungs­bi­lanz­über­schuss der BRD im EWS [Euro­päi­sches Wäh­rungs­sy­stem, S. B.-K.], der alle EWS-Part­ner mit har­tem Finanz­zwang in die DM-Anpas­sung treibt, bestimmt damit in Wahr­heit, wel­ches Wachs­tums-, Sta­bi­li­täts- und Beschäf­ti­gungs­kli­ma in ganz Euro­pa herrscht. Der DM-Man­gel aller ande­ren Part­ner macht aus der BRD nicht nur den ›unfrei­wil­li­gen‹ Zen­tral­ban­kier, son­dern – poli­tisch noch gefähr­li­cher – den ›Shy­lock‹: Eine wirt­schaft­li­che Groß­macht, die jeder braucht und kei­ner liebt.« (Frank­fur­ter Rund­schau, 10.3.1979) Die­ser Hin­weis auf die aus dem Export­über­schuss schon vor vier­zig Jah­ren resul­tie­ren­de Rol­le der BRD deu­tet schon auf das heu­ti­ge Dilem­ma, das durch die Ein­füh­rung des Euro als DM-Ersatz in sehr unter­schied­li­che Volks­wirt­schaf­ten nur noch ver­stärkt wurde.

Von der sozia­len Markt­wirt­schaft zu den neo­li­be­ra­len Märkten

Das neo­li­be­ra­le Para­dig­ma, das seit den 70er Jah­ren auch die ideo­lo­gi­schen Begrif­fe der Nach­kriegs­pha­se ver­än­der­te, ver­kürz­te nun die kei­nes­wegs euro­pa­weit voll ent­wickel­te »sozia­le« Markt­wirt­schaft schlicht in »die Märk­te«. Die umschrei­ben heu­te längst unpo­pu­lä­re Begrif­fe wie Kapi­ta­li­sten oder Kapi­ta­lis­mus. In Euro­pa sind es heu­te abstrakt »die Märk­te« (das heißt die EU-Kom­mis­si­on und die Lob­bys der mul­ti­na­tio­na­len Kon­zer­ne), die »die Refor­men« for­dern, jene neo­li­be­ra­le Kom­pri­mie­rung der Löh­ne, Rech­te und Sozi­al­struk­tu­ren zugun­sten eines euro­pa­weit gefor­der­ten Wachs­tums des Brut­to­in­lands­pro­dukts (BIP). Die­ses BIP sta­gniert aller­dings auf­grund der ver­stärk­ten Pola­ri­sie­rung unter den inzwi­schen 27 Mit­glieds­staa­ten seit lan­gem, denn die Kern­zo­ne der EU um Deutsch­land hat durch ihre mas­si­ven Export­über­schüs­se inner­halb der EU selbst die Defi­zit­län­der an den Rand gedrängt. Die bald nach der Ban­ken­kri­se von 2007/​08 initi­ier­ten Austeri­täts­pro­gram­me unter direk­tem (zum Bei­spiel Grie­chen­land) oder indi­rek­tem (zum Bei­spiel Ita­li­en) Ein­fluss der Troi­ka aus Euro­päi­scher Zen­tral­bank, EU-Kom­mis­si­on und Inter­na­tio­na­lem Wäh­rungs­fonds höhl­ten nach und nach die sozia­len Siche­rungs­sy­ste­me in den Berei­chen Bil­dung, Gesund­heit, arbeits­recht­li­che Nor­men und Lohn­ga­ran­tien aus. Das erhöh­te die Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit, ließ den pri­va­ten Kon­sum ein­bre­chen bis hin zur wirt­schaft­li­chen Depres­si­on – nicht nur an der Peri­phe­rie, son­dern auch in Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich und Ita­li­en, also bei den Mit­be­grün­dern des euro­päi­schen Pro­jek­tes. Die Fol­gen lie­gen vor aller Augen: Bre­x­it, bür­ger­kriegs­ähn­li­che Mas­sen­pro­te­ste in Frank­reich und eine rechts­po­pu­li­sti­sche Regie­rung in Ita­li­en, die einen zwar wirt­schaft­lich nicht ziel­füh­ren­den Haus­halts­ent­wurf für 2019 bis 2021 vor­ge­legt hat, der aber nicht des­halb von Brüs­sel zurück­ge­wie­sen wur­de, son­dern weil er die ita­lie­ni­schen Staats­schul­den wei­ter erhö­hen wird (letzt­lich um weni­ge Mil­li­ar­den), was die Ban­ken, die die­se Schul­den hal­ten, desta­bi­li­sie­ren und was wie­der­um »die Märk­te« ver­stö­ren könnte.

Die Stran­gu­lie­rung Italiens

Beach­tens­wert ist aller­dings, dass sich die Staats­schul­den wäh­rend der ver­schie­de­nen Regie­run­gen Ita­li­ens seit 2011, die mehr oder weni­ger direkt von Brüs­sel mit­ein­ge­setzt wur­den, gera­de durch die von ihnen durch­ge­führ­ten Spar­maß­nah­men mas­siv erhöht haben. Das liegt und lag in erster Linie an dem hohen Zins­dienst für die Staats­schuld. Er mach­te mit etwa 700 Mil­lio­nen Euro allein in den letz­ten zehn Jah­ren fast ein Drit­tel der heu­ti­gen Gesamt­schul­den aus. Sol­che Sum­men über­stei­gen jeden anson­sten in Ita­li­en aus­ge­gli­che­nen Pri­mär­haus­halt erheb­lich und kön­nen gar nicht ohne Neu­ver­schul­dung geschul­tert wer­den. Anstatt end­lich auf EU-Ebe­ne Mecha­nis­men ein­zu­füh­ren, wel­che die durch die­se EU-Poli­tik ver­ur­sach­ten und durch den Euro ver­schärf­ten Ungleich­hei­ten abbau­en und den Schul­den­dienst ent­la­sten kön­nen, droh­te Brüs­sel mit der Anwen­dung des Euro­päi­schen Sta­bi­li­täts­me­cha­nis­mus (ESM), der dem Land mas­si­ve Straf­gel­der und wei­te­re Pri­va­ti­sie­run­gen auf­er­le­gen und es stran­gu­lie­ren wür­de. Somit war abzu­se­hen, dass die Regie­rung Con­te beim Haus­halts­ent­wurf am Jah­res­en­de – unter Aus­schal­tung des Par­la­ments – klein bei­geben und die bis­her sowie­so nur vage skiz­zier­ten sozia­len Maß­nah­men ver­ta­gen und ver­wäs­sern wür­de. Beim schier end­lo­sen, demü­ti­gen­den Feil­schen um Wer­te hin­ter dem Kom­ma (von 1,6 über 2,4 zu 2,04 Pro­zent) bei der Neu­ver­schul­dung dräng­te sich zuletzt ein Ver­gleich zur Brüs­se­ler Hal­tung gegen­über Prä­si­dent Macron auf, des­sen finan­zi­el­le Kon­zes­sio­nen an das auf­ge­brach­te Volk der Gelb­we­sten die berüch­tig­te 3-Pro­zent-Mar­ke erneut über­schrei­ten dürf­ten. Doch Frank­reich ist nicht Ita­li­en, und das wie­der­um ist nicht Grie­chen­land, man misst mit ver­schie­de­nen Maß­stä­ben. Brüs­sel und Ber­lin wird neben der öko­no­mi­schen auch eine poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung für all das ange­la­stet, was die Popu­li­sten nicht nur in Ita­li­en wei­ter stär­ken dürf­te. Die Euro­pa­wahl im Mai wird es zeigen.

Aus­ver­kauf Griechenlands

Der im Som­mer 2015 von der Troi­ka durch­ge­führ­te Angriff auf Grie­chen­lands Sou­ve­rä­ni­tät, der dem Land fol­gen­schwer­ste Spar- und Pri­va­ti­sie­rungs­pro­gram­me auf­er­leg­te, wur­de in den Sozia­len Medi­en damals schlicht als Staats­streich bezeich­net: »This is a coup.« Als Grie­chen­land Ende August 2018 aus dem schon seit 2010 wäh­ren­den Zwangs­re­gime nun wie­der in die Frei­heit der Kapi­tal­märk­te ent­las­sen wur­de (wei­ter­hin unter Brüs­se­ler Auf­sicht), nach­dem es angeb­lich wirt­schaft­lich erholt wie­der auf eige­nen Bei­nen ste­hen kön­ne, wie die Medi­en berich­te­ten, eröff­ne­te sich jedoch aus der Nähe ein ande­res Sze­na­rio: Die dra­ma­ti­schen Fol­gen der seit 2010 unter den ver­schie­de­nen grie­chi­schen Regie­run­gen von rechts bis links durch­ge­zo­ge­nen Spar­maß­nah­men sind in dem Anfang Novem­ber 2018 erschie­ne­nen Bericht der Men­schen­rechts­kom­mis­si­on des Euro­pa­ra­tes nach­zu­le­sen: Löh­ne und Ren­ten lie­gen gro­ßen­teils unter dem Armuts­ni­veau. Obdach­lo­sig­keit, Selbst­mor­de, psy­chi­sche Krank­hei­ten haben mas­siv zuge­nom­men, das Gesund­heits­we­sen ist völ­lig unter­fi­nan­ziert und in vie­len Berei­chen dem Kol­laps nahe. Schon im Sep­tem­ber 2018 hat­te der grie­chi­sche Archäo­lo­gen­ver­band beklagt, dass die Regie­rung sogar so wich­ti­ge Kul­tur­stät­ten wie den Palast von Knos­sos, Aus­gra­bun­gen in Spar­ta und das byzan­ti­ni­sche Muse­um von Thes­sa­lo­ni­ki mit in den gro­ßen Pri­va­ti­sie­rungs­fonds der grie­chi­schen Staats­gü­ter, der Hun­der­te von Objek­ten umfasst, auf­neh­men wol­le. Als Le Figa­ro dar­über berich­te­te, demen­tier­ten die zustän­di­gen Mini­ste­ri­en, es han­de­le sich wohl um ein Ver­se­hen. Doch die grie­chi­sche Treu­hand­ge­sell­schaft hat in den letz­ten Jah­ren schon vie­le wich­ti­ge Tei­le der Infra­struk­tur des Lan­des »pri­va­ti­siert«, was auf Deutsch so viel heißt wie »geraubt«. Der Doku­men­tar­fil­mer Aris Chatz­i­s­te­fa­nou (Fil­me wie »Debto­cra­cy« und »Cata­stroi­ka«) hat 2016 in »This is not a coup« aber deut­lich auf­ge­zeigt, dass es sich bei all die­sen Maß­nah­men kei­nes­wegs um auto­ri­tä­re Ver­stö­ße gegen EU-Regeln han­delt, son­dern um das nor­ma­le Vor­ge­hen der EU-Finanz­gre­mi­en, bei denen eben die Inter­es­sen der Invest­ment­ban­ken im Vor­der­grund ste­hen und nicht die der Menschen.

Wenn sich dar­an nichts ändert, ist die künf­ti­ge wei­te­re Ver­ar­mung in Euro­pa nicht auf­zu­hal­ten. Sozia­le Pro­te­ste wer­den anwach­sen, aber poli­ti­sche Kräf­te, die jene »euro­päi­sche Föde­ra­ti­on« gleich­be­rech­tig­ter Staa­ten, durch­set­zen könn­ten, die als »ega­li­tä­res Euro­pa« den euro­päi­schen Anti­fa­schi­sten der 1940er Jah­re vor­schweb­te, sind nicht in Sicht, son­dern nur die Nach­kom­men der gefähr­li­chen Ver­ein­fa­cher, die Euro­pa in einen Zwei­ten Welt­krieg führten.

»Die Kata­stro­phe ver­hin­dern« for­der­te schon vor Jah­ren die gleich­na­mi­ge Flug­schrift von Karl Heinz Roth und Zis­sis Papa­di­mi­triou (Nau­ti­lus, 2013), sie bleibt hochaktuell.