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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Verkennbare

Nach einem Jahr Pau­se hat die Frank­fur­ter Buch­mes­se wie­der statt­ge­fun­den. Hat sie? Klar, stand in der Zei­tung. In der, wo Redak­teu­rin­nen ihre Arti­kel im Bett des Chef­re­dak­teurs schrei­ben müs­sen? In allen Zei­tun­gen stands! Die Buch­mes­se: Wo die gan­ze Welt in 20 Hal­len über Bücher redet, die sie nicht gele­sen hat? Nun, der Hal­len waren es dies­mal drei. Was weiß denn ich, viel­leicht ist die Welt klei­ner gewor­den. Him­mel, weiß echt kei­ner, ob die Buch­mes­se statt­ge­fun­den hat? Wir fra­gen eins, das dage­we­sen sein müss­te, wenn. Wir fra­gen das Buch:

»Ja gut, ich war da. Sonst weiß ich nicht. Sams­tag­mor­gen um elf feg­ten die Step­pen­he­xen über die Ago­ra. Das Lese­zelt war ein Seh­feh­ler: Sei­ne Bunt­heit hat sich mir in den ver­gan­ge­nen Jah­ren so ins Hirn gebrannt, das es wie­der vor mir stand. Obwohl es ein­ge­spart wur­de. Wie der kom­plet­te Hör­buch­stand. Wie die Shut­tles, mit denen ich so gern gefah­ren bin. Wie die Com­pu­ter für Jour­na­li­sten. Wie die Anti­qua­re. Wie die Duft­öl- und Räu­cher­stäb­chen­stän­de. Wie die …, okay, ich hör auf. Schnel­ler geht, was da war: Poli­ti­ker, Poli­zei, Popu­li­sten- und Nazi­ver­la­ge, Pop­lig Rilei­schen oder wie das Gezap­pel heißt. Pop, Trai­an, der Edel­par­k­ett-Ver­le­ger aus Lud­wigs­burg, konn­te nicht kom­men wegen Coro­na, kurz vor sei­nem sieb­zig­sten Geburts­tag. Unge­fähr sie­ben­tau­send wei­te­re Ver­le­ger fehl­ten auch. Frag mich aber nicht, wem. Mir nicht, hätt ich fast gesagt.

Es war fürch­ter­lich. Hin­ter dem Mes­se­zaun wur­de Frank­furt gesich­tet, aber zu mir in eine Lesung durf­te kei­ner, es sei denn, er hät­te einen Daten­ein­ga­be­wett­be­werb gewon­nen und den Haupt­ge­winn, ein Elek­tro­ticket, nicht anschlie­ßend an das dies­jäh­ri­ge Ehren­gast­land Data­nir­wa­na ver­lo­ren. Ich hab mich ver­las­sen gefühlt. Stand nachts frie­rend auf mei­nem Bord und hab mich gefreut, wenn mor­gens die Stand­be­leuch­tung anging. Hab kei­nen mei­ner Nicht­le­ser wie­der­erkannt, weil alle mas­kiert an mir vor­bei­lie­fen. Nicht mal den Umsonst­kaf­fee am taz-Stand gab es, für den die Leu­te immer so lan­ge ange­stan­den sind, dass sie fünf Sei­ten von mir aus dem Laut­spre­cher der benach­bar­ten Lese­insel der unab­hän­gi­gen Ver­la­ge mit­an­hö­ren muss­ten. Die fünf Sei­ten ihres Nichtleserjahrs!

Einen, der prak­tisch immer liest, hab ich gehört von mei­ner Insel aus: den Diel­mann, Axel, fröh­li­chen Büch­erdea­ler aus dem Frank­fur­ter Süden. Das lässt sich auch nicht ver­mei­den bei der Lau­ne, die der aus sei­nem prot­zi­gen Ver­lag­scha­let pustet. Ich freue mich, wenn gelacht wird. Gera­de­zu woh­lig wird mir, wenn ich gekauft wer­de. Am all­er­hoch­wohl­sten ergeht es mir aber, wenn eine mei­net­we­gen schnaps­ro­te Nase in mei­nen Sei­ten steckt und wenn dann aus ver­ständ­nis­vol­len Augen Trä­nen der See­le oder des Zwerch­fells auf mich her­nie­der­trop­fen. Dann bin ich, wozu ich tau­ge. Dann tue ich, was ich kann. Dann lebe ich und bin kein Gerücht mehr und kei­ne Geschäfts­idee unbe­le­se­ner Vertriebsmenschen.

Zuletzt tref­fe ich Nice­ly, Cathe­ri­ne, den Bücher­vul­kan aus Ber­lin Wil­mers­dorf, und weiß nach drei Sät­zen von hin­ter deren Mas­ke: Jawoll! Das, was die Frank­fur­ter Buch­mes­se wirk­lich ist, hat statt­ge­fun­den. Du sollst dei­ne Müt­ter und Väter ehren, knir­sche ich durch mei­nen ein­ge­schweiß­ten Deckel, auf dass es dir wohl erge­he und du noch vie­le Nicht­le­ser über­lebst. Ehre sei ergo den Verlegenden!«