Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Willi Sitte: ein »linientreuer Dissident«

Wer nur die pral­len, lebens­fro­hen, far­bi­gen, groß­for­ma­ti­gen, zwi­schen 1960 und 1989 ent­stan­de­nen Arbeits- und Lie­bes­sze­nen des »neu­en Men­schen der DDR« von Wil­li Sit­te (1921-2013) vor Augen hat, kennt den Mei­ster nicht wirk­lich – auch nicht, wenn er noch zum Bei­spiel des­sen Histo­ri­en-, Agi­ta­ti­ons- und Kamp­fes­bil­der aus die­ser Zeit dazu nimmt. Im Bewusst­sein der mei­sten nicht nur Ost­deut­schen, die gern freund­lich spot­tend die Rede­wen­dung »lie­ber vom Leben gezeich­net als von Sit­te gemalt« gebrauch­ten, gilt er doch abwer­tend als Staats­künst­ler, der er tat­säch­lich auch war.

Die gro­ße Aus­stel­lung »Sit­tes Welt. Wil­li Sit­te: Die Retro­spek­ti­ve« zu sei­nem 100. Geburts­tag im Kunst­mu­se­um Moritz­burg in sei­ner Hei­mat­stadt Hal­le (Saa­le) zeigt Leben und Schaf­fen sach­lich und ganz ohne Häme und Ver­ur­tei­lung. Der Vor­stands­vor­sit­zen­de der Ost­deut­schen Spar­kas­sen­stif­tung Sach­sen-Anhalts, Micha­el Ermrich, nennt das in sei­nem Gruß­wort im Kata­log: »ange­mes­sen und dif­fe­ren­ziert (…) und das erst­mals ohne jeg­li­che poli­ti­sche Instru­men­tie­rung«. Dar­ge­stellt wird Wil­li Sit­tes enge Bin­dung an die Staats­macht der DDR, die mit dem Ver­fech­ten des »Sozia­li­sti­schen Rea­lis­mus« in der Kunst ver­knüpft war. Sie geht aber weit dar­über hin­aus. Die Kapi­tel­über­schrift »Eine Facet­te von vie­len« in dem opu­len­ten Kata­log könn­te etwas umfor­mu­liert auch über dem Gan­zen ste­hen, denn sei­ne Kunst war, wie die­se Aus­stel­lung zeigt, über­aus facet­ten­reich, und sein Wir­ken als soge­nann­ter Staats­künst­ler war nur eine der Facet­ten, wenn auch die, wel­che über die läng­ste Zeit zum Tra­gen kam.

Die letz­te Retro­spek­ti­ve in der DDR fand zu Sit­tes 60. Geburts­tag 1981 an glei­cher Stel­le statt, in der Staat­li­chen Gale­rie Moritz­burg in Hal­le (Saa­le). Es folg­te ein Jahr spä­ter mit knapp 600 Wer­ken die über­haupt größ­te Ein­zel­aus­stel­lung des Mei­sters, und zwar in der Staat­li­chen Kunst­hal­le Ber­lin, im Westen der Stadt, aus­ge­rich­tet durch Die­ter Ruck­ha­ber­le (1938 - 2018), einen umtrie­bi­gen Maler und Kul­tur­ma­na­ger, der sich stark für die sozia­len Belan­ge von Künst­lern und für sozi­al­kri­ti­sche Kunst engagierte.

Zu Wil­li Sit­tes 80. Geburts­tag 2001 soll­te wie­der­um eine gro­ße Aus­stel­lung erfol­gen, dies­mal im Ger­ma­ni­schen Natio­nal­mu­se­um Nürn­berg. Sie war als Bedin­gung an das Über­las­sen sei­nes schrift­li­chen Vor­las­ses an das Deut­sche Kunst­ar­chiv des Ger­ma­ni­schen Natio­nal­mu­se­ums geknüpft. Dass sie von bei­den Sei­ten schließ­lich abge­sagt wur­de, hat­te Fol­gen nicht nur für die Akzep­tanz der Kunst Sit­tes, son­dern auch für die gesam­te, im Osten Deutsch­lands in der DDR-Zeit ent­stan­de­ne Kunst. Das wird in der aktu­el­len Aus­stel­lung vor allem durch die dar­in prä­sen­tier­ten For­schungs­er­geb­nis­se der bei­den kon­zep­tio­nell Haupt­ver­ant­wort­li­chen, Tho­mas Bau­er-Fried­rich, Direk­tor des Kunst­mu­se­ums Moritz­burg Hal­le (Saa­le), und Paul Kai­ser, Direk­tor des Dresd­ner Insti­tuts für Kul­tur­stu­di­en, nach­voll­zieh­bar. Ging es dem Künst­ler ein­zig allein um sein Werk, das er wie­der ein­mal ver­eint sehen woll­te, woll­te das Deut­sche Kunst­ar­chiv, dem »Archiv-Auf­trag« gemäß, die Archi­va­li­en in den Vor­der­grund stel­len, wobei die Kunst nur der Anschau­ung die­nen soll­te. Das konn­te dem Künst­ler nicht gefal­len. Er mach­te zwar auch nach 1989 kei­nen Hehl dar­aus, dass er wei­ter an der Uto­pie des Sozia­lis­mus fest­hal­te, war aber rea­li­stisch genug, vor­her­zu­se­hen, dass das eine poli­ti­sche Abrech­nung mit sei­nen Funk­tio­nen im staat­li­chen Gefü­ge der DDR erfol­gen wür­de. So geschah es dann auch in einem statt der Aus­stel­lung in Nürn­berg durch­ge­führ­ten Sym­po­si­um, das den »Bil­der­streit« um die Ost­kunst befeu­er­te und Nach­wir­kun­gen bis heu­te hat. »Sit­te vor Sit­te« – so eine Kapi­tel­über­schrift –, also in der Zeit bis zu sei­ner gro­ßen Selbst­kri­tik am 2. Febru­ar 1963 im Neu­en Deutsch­land, war Prü­gel­kna­be der Par­tei gewe­sen, wegen sei­ner Ten­den­zen zum For­men­ka­non west­li­cher Kunst, etwa in Anleh­nung an Picas­so, Beck­mann, Léger und Pop Art, und sei­ner Kri­tik am Rea­lis­mus nach sowje­ti­schem Vor­bild. Spä­ter jedoch, als Vor­sit­zen­der im Ver­band Bil­den­der Künst­ler, konn­te er selbst hart gegen Mit­glie­der vor­ge­hen, die von der Linie abwi­chen. Ein Bei­spiel wäre Ann­emirl Bau­er (1939-1989), die er aus dem Ver­band aus­schloss. Posi­tiv für Sit­te dage­gen wie­der steht, dass er sich für gute Lebens- und Arbeits­be­din­gun­gen und auch in vie­len Fäl­len für das Pri­vi­leg der Rei­se­frei­heit der Mit­glie­der ein­ge­setzt und ein gesell­schaft­li­ches Auf­trags­we­sen sowie den Staat­li­chen Kunst­han­del als Ver­kaufs­mög­lich­keit geschaf­fen hat. Auch setz­te er sich mit Hil­fe sei­ner poli­ti­schen Bezie­hun­gen nach­weis­lich immer wie­der zugun­sten der Ent­wick­lung der Kunst­hoch­schu­le Burg Gie­bichen­stein Hal­le ein, an der er über sei­ne Pen­sio­nie­rung 1986 hin­aus bis 1989 tätig war. Poli­tisch war der Maler also eben­falls ein facet­ten­rei­cher Cha­rak­ter. Der Histo­ri­ker Jür­gen Kuc­zyn­ski (1904-1997) bezeich­ne­te ihn 1992 als »lini­en­treu­en Dis­si­den­ten«. Die Vor­gän­ge in Nürn­berg hat Sit­te schmerz­lich im Hin­blick dar­auf, wie man mit ihm in den 50er, 60er Jah­ren umge­gan­gen ist, als das Schlie­ßen eines Krei­ses empfunden.

Tho­mas Bau­er-Fried­richs Erkennt­nis im Kapi­tel »Wil­li Sit­te im wie­der­ver­ei­nig­ten Deutsch­land« lau­tet: »Pars pro toto wur­de oft in der Be- und teil­wei­sen Ver­ur­tei­lung des Funk­tio­närs des­sen Kunst gleich mit abqua­li­fi­ziert, ohne dass man sich ein­ge­hen­der und vor allem anhand der Ori­gi­na­le mit ihr aus­ein­an­der­setz­te.« Gleich­sam als Schluss­wort im Kata­log hat er die Auf­ga­be die­ser Aus­stel­lung benannt: Sie sol­le »einen neu­en Blick auf den so umstrit­te­nen Künst­ler eröff­nen und künf­tig anhand der Wer­ke selbst und eines ver­ant­wor­tungs­vol­len Quel­len­stu­di­ums eine rei­che wis­sen­schaft­li­che, publi­zi­sti­sche und musea­le Aus­ein­an­der­set­zung mit sei­nem Leben und Werk« ermög­li­chen. Das ist sowohl der Aus­stel­lung mit über 250 Wer­ken, dar­un­ter sel­ten oder bis­her nie zu sehen gewe­se­ne Bil­der, als auch dem 536 Sei­ten star­ken Kata­log mit mehr als 400, größ­ten­teils far­bi­gen Abbil­dun­gen voll gelun­gen. Das Ergeb­nis berech­tigt zu der Hoff­nung, dass nun auch die vie­len ande­ren Künst­ler der DDR-Zeit wie­der aus den Depots her­vor­ge­holt wer­den, denn es sind, wie Paul Kai­ser betont, »jene bei­den oft als ver­fein­det und unver­ein­bar dar­ge­stell­ten deut­schen Kunst­ent­wick­lun­gen in Ost und West inte­gra­ti­ve Tei­le einer gemein­sa­men, noch zu ent­wer­fen­den Kunstgeschichte«.

Sit­tes Welt. Wil­li Sit­te: Die Retro­spek­ti­ve. Bis 9. Janu­ar 2022 im Kunst­mu­se­um Moritz­burg Hal­le (Saa­le).