Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Von Kampffischen und guten Freunden

Die Ätz­ra­die­rung auf Kup­fer von Gün­ter Grass auf dem Cover des von der Gün­ter und Ute Grass Stif­tung her­aus­ge­ge­be­nen Peri­odi­kums Frei­pass zeigt zwei Kampf­fi­sche und führt damit direkt zu einem der Schwer­punk­te die­ser Schrift: die lite­ra­ri­sche Streitkultur.

Die auf­se­hen­er­re­gen­den Lite­ra­tur­streit­fäl­le der 1990er Jah­re im Kiel­was­ser der durch den Zusam­men­bruch der poli­ti­schen Syste­me Ost­eu­ro­pas, vor allem der DDR, ver­ur­sach­ten Tur­bu­len­zen ana­ly­siert Lothar Bluhm, Pro­fes­sor für Neue­re deut­sche Lite­ra­tur­wis­sen­schaft und Kul­tur­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät Koblenz-Land­au. Dabei kommt er zu der grund­sätz­li­chen Anmer­kung, Lite­ra­tur­welt und Lite­ra­tur­kri­tik hät­ten sich »bemer­kens­wert robust erwie­sen« gegen alle dama­li­gen Ver­su­che, eine enga­gier­te Lite­ra­tur als »gesin­nungs­äs­the­tisch« zu marginalisieren.

Bluhm erör­tert die zen­tra­len Dis­pu­te jener Zeit, die vor allem in den deut­schen Feuil­le­tons für Auf­re­gung sorg­ten: die publi­zi­sti­schen und poli­ti­schen Aus­ein­an­de­rer­set­zun­gen um Chri­sta Wolfs Erzäh­lung »Was bleibt« (1990), mit der vor 30 Jah­ren der Tam­tam begann, sowie um den Spie­gel-Essay »Anschwel­len­der Bocks­ge­sang« von Botho Strauß (1993), um Peter Hand­kes Rei­se­be­richt »Gerech­tig­keit für Ser­bi­en« (1996) und um Mar­tin Walsers Rede bei der Ver­lei­hung des Frie­dens­prei­ses des Deut­schen Buch­han­dels (1998). Wei­te­re in dem Essay the­ma­ti­sier­te Streit­fäl­le der »Nach­wen­de­jah­re« sind die Debat­ten um eine Sta­si-Mit­ar­beit ver­schie­de­ner Autoren, um W. G. Sebald und sei­ne Ver­öf­fent­li­chung »Luft­krieg und Lite­ra­tur« (1997/​1999) sowie um den hef­tig umstrit­te­nen Roman »Ein wei­tes Feld« von Gün­ter Grass: Das Spie­gel-Titel­bild vom 21. August 1995 mit dem das Buch zer­rei­ßen­den Kri­ti­ker­papst Mar­cel Reich-Ranicki dürf­te noch in Erin­ne­rung sein.

Bei all den Aus­ein­an­der­set­zun­gen ging es, so Bluhm, um die Fra­ge der künf­ti­gen Deu­tungs­macht. Er zitiert dazu, im Hin­blick auf Chri­sta Wolf, den ehe­ma­li­gen Feuil­le­ton­chef der ZEIT, Ulrich Grei­ner: »Mit dem Ende der Zwei­tei­lung Deutsch­lands ist auch das Ende der lite­ra­ri­schen Tei­lung gekom­men.« Jetzt gehe es »um die Deu­tung der lite­ra­ri­schen Ver­gan­gen­heit und um die Durch­set­zung einer Les­art. Wer bestimmt, was gewe­sen ist, der bestimmt auch, was sein wird. Der Streit um die Ver­gan­gen­heit ist ein Streit um die Zukunft.«

Wer bestimmt, was gewe­sen ist? Schon Höl­der­lin gab die Ant­wort: »Was blei­bet aber, stif­ten die Dich­ter.« Daher hält der Frei­pass Geschich­ten zur Geschich­te der »Deut­schen Ein­heit« bereit, fast alles Erst­ver­öf­fent­li­chun­gen: von Judith Her­mann, Jochen Laabs, Kat­ja Lan­ge-Mül­ler (mit Gedich­ten des in Ber­lin leben­den Lyri­kers Andre­as Kozi­ol), Andre­as Mai­er, Robert Men­as­se, Anselm Neft und Hans Joa­chim Schädlich.

Dass jedoch nicht nur Autorin­nen und Autoren, sei es auf künst­le­ri­scher oder per­sön­li­cher Ebe­ne, son­dern auch Ver­la­ge zuneh­mend in Kon­flikt­fel­der kom­men kön­nen, schil­dert Ver­le­ger Chri­stoph Links in sei­nem Bei­trag über »Juri­sti­sche Erfah­run­gen eines Sach­buch­ver­le­gers«. Das Spek­trum der mög­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen sei bei Sach­bü­chern beson­ders groß »und für die Betrof­fe­nen oft auch wirt­schaft­lich schmerz­vol­ler, da es per einst­wei­li­ger Ver­fü­gung schnell zum Ver­bot gan­zer Auf­la­gen und anschlie­ßend zu hohen Scha­den­er­satz­for­de­run­gen kommt«. Dabei gehe es zumeist um den Wahr­heits­ge­halt von Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen, um die Bericht­erstat­tungs­frei­heit über Per­so­nen und um die Gren­zen der Meinungsfreiheit.

Als Bei­spie­le nennt Links u. a. die juri­sti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen um einen Report zur »Treu­hand«, um ein Buch über Sci­en­to­lo­gen und um ein Buch über neu­rech­te Akti­vi­sten, die im länd­li­chen Raum ver­su­chen, mög­lichst unauf­fäl­lig Ein­fluss zu gewin­nen und »natio­nal-domi­nier­te« Zonen zu schaf­fen. 16 Abmah­nun­gen hät­ten den Ver­lag und die Autoren zum letzt­ge­nann­ten Buch erreicht, berich­tet Links. Inzwi­schen ver­such­ten spe­zia­li­sier­te Rechts­an­walts­kanz­lei­en, die auch die AfD ver­tre­ten, »mit gro­ßer Vehe­menz kri­ti­sche Autoren ein­zu­schüch­tern«. Span­nend zu lesen.

Die Gün­ter und Ute Grass Stif­tung hat ihr Pro­jekt Frei­pass im März 2015 gestar­tet mit dem Ziel, »Raum zu bie­ten für die Behand­lung wich­ti­ger Fra­gen der Lite­ra­tur und Kul­tur des 20. und 21. Jahr­hun­derts«. Mit wech­seln­den The­men­schwer­punk­ten: In Band 1 stand die Schrift­stel­le­rin Irm­traud Mor­g­ner im Mit­tel­punkt, in den Fol­ge­bän­den der Schrift­stel­ler Hein­rich Böll, der Bil­den­de Künst­ler, Nazi-Geg­ner und Pazi­fist Otto Pan­kok und der Zeich­ner Horst Jans­sen. Ossietzky hat die ein­zel­nen Ver­öf­fent­li­chun­gen beglei­tet (sie­he zuletzt Ossietzky, Heft 19/​2019, »Sül­ze kochen, Zun­ge zeigen«).

Die ver­blüf­fend­ste Infor­ma­ti­on der Publi­ka­ti­on jedoch steht gleich im Vor­wort, ich zitie­re: »Zwei namen­lo­se Spa­zier­gän­ger oder Café­gä­ste im Paris der spä­ten 50er Jah­re: Sie sind ver­sun­ken in eine Unter­hal­tung, von deren Inhal­ten wir kaum etwas wis­sen und die wir uns nur schwer vor­zu­stel­len ver­mö­gen.« Der eine ist »ein jah­re­lang ver­folg­ter ost­eu­ro­päi­scher Jude des Jahr­gangs 1920, der nach dem Holo­caust, dem sei­ne Eltern zum Opfer gefal­len sind, nach West­eu­ro­pa floh«, der ande­re ein 1927 in der Frei­en Stadt Dan­zig gebo­re­ner Halb­ka­schu­be, inzwi­schen ein »in Fach­krei­sen bereits hoch­ver­ehr­ter Dich­ter«, der an einer berühm­ten Éco­le deut­sche Spra­che und Lite­ra­tur lehrt und von Über­set­zun­gen lebt.

Denn das ist die über­ra­schend­ste Ent­deckung in die­sem Frei­pass: Paul Celan und Gün­ter Grass haben sich nicht nur gekannt, sie waren Freun­de, »über vie­le Jah­re hin­weg, was auch ihr Brief­wech­sel bezeugt«. Der Autor Hel­mut Böt­ti­ger hat Anfang Mai 1995 in der Werk­statt von Gün­ter Grass in Beh­len­dorf ein bis­her nur in kur­zen Aus­zü­gen ver­öf­fent­lich­tes Gespräch über Celan mit Grass geführt, das den Frei­pass eröff­net und in dem die­ser über sei­ne Bezie­hung zu dem Dich­ter der »Todes­fu­ge« sagt: »Das war die schwie­rig­ste Freund­schaft, die ich erlebt habe.« Wis­sen­schaft­li­che Essays zu Celans Lyrik, bis­her unver­öf­fent­lich­te Brie­fe des Lyri­kers und Wür­di­gun­gen sei­nes Wer­kes run­den die­sen The­men­schwer­punkt ab.

Celan wäre in die­sem Monat 101 Jah­re alt gewor­den. Er nahm sich im April 1970 in Paris das Leben. Grass starb 2015 in Lübeck, eben­falls im Monat April.

Vol­ker Neu­haus, Per Øhr­gaard, Jörg-Phil­ipp Thom­sa (Hg.), Die­ter Stolz (Redak­ti­on): Frei­pass, Bd. 5, Ch. Links Verlag/​Aufbau Ver­la­ge, Ber­lin 2020, 270 S., 20,60 €.