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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Wenig »Sympathiepunkte« für Sinti

Seit dem 15. Jahr­hun­dert leben Sin­ti nach­weis­lich in Mit­tel­eu­ro­pa. Wie Wolf­gang Wip­per­mann mit sei­nem 1997 erschie­ne­nen Buch »Wie die Zigeu­ner. Anti­se­mi­tis­mus und Anti­zi­ga­nis­mus im Ver­gleich« nach­ge­wie­sen hat, blicken sie auf eine mit der jüdi­schen ver­gleich­ba­re Dis­kri­mi­nie­rungs­ge­schich­te zurück. Sie ist auch heu­te noch nicht ganz vor­bei. Der Besuch einer Grup­pe Rem­schei­der Sin­ti in Ausch­witz, sei zum Teil »sehr unschön« gewe­sen. »Nicht nur wegen der Trau­er um vie­le Mit­glie­der unse­rer Fami­li­en, son­dern auch, weil wir näm­lich als Opfer zwei­ter Klas­se behan­delt wur­den.« Der hier Berich­ten­de ist der 1939 in Schle­si­en gebo­re­ne Alfred Rosen­bach. Er hält das für absurd: »Wir kom­men gut mit Juden klar – schließ­lich hat­ten wir in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern das glei­che Schick­sal.« Sein Cou­sin in Köln sei Jude.

Rosen­bach stellt sich als »König« von 200 Sin­ti in Rem­scheid vor – ein erb­li­cher Titel, der auch abge­lehnt wer­den kann. Tref­fen­der für sei­ne Befug­nis­se sei aber der Begriff Rechts­spre­cher, in der Sin­ti­spra­che: Pras­a­pas­kuron. Klei­ne­re Streit­fäl­le könn­ten per Tele­fon gelöst wer­den, bei grö­ße­ren Ver­ge­hen käme ein Rich­ter­team zusam­men. Die mei­sten schwe­ren Fäl­le beträ­fen »Män­ner, die Frau­en schwän­gern und sich danach ver­drücken oder kei­ne Ali­men­te zah­len. So etwas geht bei uns gar nicht.« Die ein­zig mög­li­che Stra­fe besteht im Aus­schluss aus der Gemein­schaft zwi­schen einem und zehn Jahren.

Da bis­lang eher über Sin­ti und Roma geschrie­ben wird, schrift­li­che Zeug­nis­se von ihnen selbst aber noch rar sind, kommt dem von Jörg Becker ver­schrift­lich­ten Lebens­be­richt Rosen­bachs eine beson­de­re Bedeu­tung zu. Nicht zuletzt, weil auch vie­le nach wie vor gän­gi­ge Kli­schees kor­ri­giert wer­den. So gab es auch in der Ver­gan­gen­heit schon Sin­ti, die »furcht­bar reich« waren wie die Tan­ten sei­ner Oma, die sich zwecks Immo­bi­li­en­kauf in den USA Über­fahr­ten mit der Tita­nic gelei­stet hät­ten. Die Oma selbst hat­te »unter ande­rem ein Kind von einem Prä­si­den­ten der Slo­wa­kei oder einem slo­wa­ki­schen Für­sten«. Auch Rosen­bergs Vater war wohl­ha­bend gewe­sen, hat­te »ein gro­ßes Haus, fünf bis sechs Ange­stell­te und 25 Pfer­de. Er besaß einen Wald, und wir hat­ten einen Forel­len­teich. Iro­ni­scher­wei­se trug mein Vater ein Adolfbärtchen.«

Als die Fami­lie 1944 aus Schle­si­en flie­hen muss­te, wur­de der Vater – von den Nazis – zu der ver­häng­nis­vol­len Unter­schrift gezwun­gen, sein Eigen­tum frei­wil­lig auf­zu­ge­ben, wes­halb er spä­ter kei­ne ange­mes­se­ne Wie­der­gut­ma­chung erhielt. Die Fami­lie flüch­te­te mit ande­ren Sin­tis in slo­wa­ki­sche Wäl­der, wo sie dem Hun­ger­tod nahe waren. Der damals fünf­jäh­ri­ge Rosen­bach ent­wickel­te gro­ße Geschick­lich­keit beim Ergrei­fen von Klein­tie­ren. Vie­le Sin­ti wur­den dort noch ermor­det, teils auch, weil die SS sie für slo­wa­ki­sche Par­ti­sa­nen hielt.

In der Bun­des­re­pu­blik folg­ten Jah­re bit­te­rer Armut. Lan­ge woll­te man die Kin­der nicht in die Schu­le schicken, aus Sor­ge, sie wür­den in Hei­me ent­führt oder sogar in eine Art KZ. Noch in den Sieb­zi­gern leb­te die Fami­lie in einer Baracken­sied­lung, Sei­te an Sei­te neben armen »Deut­schen«, mit denen aber gut aus­zu­kom­men war. Finan­zi­ell hielt man sich mit Hau­sie­ren über Was­ser. Rosen­bach selbst hau­sier­te mit Decken, Tep­pi­chen, Alt­klei­dern, ver­kauf­te Schrott. Die Frau­en, oft ein Kind auf dem Rücken, boten Kurz­wa­ren an. Nicht nur durch Bil­lig­lä­den und Ver­sand­han­del kam das Geschäft zum Erlie­gen. Da immer mehr Frau­en arbei­te­ten, wur­den die Haus­tü­ren zu sel­ten geöff­net. Meist habe der Ver­dienst unter der Steu­er­gren­ze gele­gen und Geld für die Kran­ken­kas­se sei nicht drin gewe­sen. Trotz­dem trau­ert Rosen­bach die­ser Zeit nach.

Lan­ge noch sei das Blei­be­recht mobi­ler Sin­ti von feind­li­cher Büro­kra­tie und Poli­zei beschnit­ten wor­den. Man sei auch von Wie­sen ver­trie­ben wor­den, obwohl man dem Bau­ern, dem sie gehör­te, etwas dafür bezahlt habe. Wenn das »Miss­trau­en gegen Deut­sche ganz tief sitzt«, liegt das auch dar­an, dass es immer wie­der Vor­komm­nis­se gibt, die es akti­vie­ren. So habe vor nicht lan­ger Zeit ein im Ober­ge­schoss leben­der Nach­bar einen Spie­gel an einem Besen­stil befe­stigt, um zu beob­ach­ten, ob eine Sin­ti-Fami­lie gegen die Haus­ord­nung ver­stößt. Alte Äng­ste sei­en auf­ge­kom­men, als eine Grup­pe Rem­schei­der Sin­ti die neu­en Bun­des­län­der erkun­den woll­te, aber bei Jena mit »Heil-Hit­ler-Rufen« in die Flucht geschla­gen wurde.

Die Rem­schei­der Sin­ti waren und sind Katho­li­ken, haben sich aber seit den neun­zi­ger Jah­ren frei­kirch­lich orga­ni­siert. Das gibt ihnen die Mög­lich­keit, ihre Got­tes­dien­ste selbst zu lei­ten. Sie haben kei­ne Tabus, was das Essen betrifft. Aber sie rau­chen nicht und trin­ken Alko­hol nur sehr in Maßen, »nie­mand darf sich betrin­ken«. Das befol­gen auch die Her­an­wach­sen­den, die heu­te natür­lich zur Schu­le gehen, Beru­fe ler­nen und stu­die­ren. Dass es für Sin­ti »nichts Schö­ne­res als Kin­der« gibt, ist eine bis heu­te gül­ti­ge kul­tu­rel­le Konstante.

»Wir Sin­ti sind ein stol­zes Volk, genau­so stolz wie das Volk Isra­el«, betont Rosen­bach. Aller­dings zögen es Stars im Film- und Show­busi­ness mit Sin­ti-Abstam­mung meist vor, die­se nicht bekannt zu machen, weil sie »befürch­ten, dass sie bei einem Wett­be­werb von den Zuschau­ern weni­ger Sym­pa­thie­punk­te bekom­men (…) Wir fin­den das scha­de, das alles macht uns traurig.«

Zahl­rei­che alte und neue­re Fami­li­en­fo­tos sowie die Auf­nah­men von Wil­ly Preuss geben dem Band eine wich­ti­ge zusätz­li­che Dimen­si­on. Im Habi­tus und in den Gesich­tern sind die Spu­ren der Dis­kri­mi­nie­rung, aber auch Wider­stän­dig­keit und nicht zuletzt der Wunsch nach Zuge­hö­rig­keit zur Gesell­schaft deut­lich abzu­le­sen. Dass damit kei­ne »Assi­mi­la­ti­on« gemeint ist, bekräf­tigt Rosen­bach dadurch, dass er immer von Sin­ti oder Deut­schen spricht.

Alfred Rosen­bach: Ich, ein Sin­to aus Rem­scheid. Aus dem Leben eines Pras­a­pas­kurom, hrsg. v. Jörg Becker, mit Foto­gra­fien von Uli Preuss, Ver­lag Dietz Nachf., Bonn 2021, 18 .