Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Mut, Demut und Armut

Eine Ver­mu­tung: Mit dem Ein­sil­ber »Mut« hat sich eines der frü­hen Zen­tral-Wor­te unse­rer Spra­che erhal­ten. Es führt zurück in die Zeit der Mer­se­bur­ger Zau­ber­sprü­che, die in der Biblio­thek des Dom­ka­pi­tels von Mer­se­burg ent­deckt wur­den, eine theo­lo­gi­sche Hand­schrift, die zwei Zau­ber­sprü­che in alt­hoch­deut­scher Spra­che über­lie­fert, die in vor­christ­li­che, ger­ma­ni­sche Mytho­lo­gie ver­wei­sen. Eine Spur zu den münd­li­chen Tex­ten, die im Umlauf waren, den Mären, Lie­dern, Zau­ber­sprü­chen und Sagen, der saga.

Das Mut-Wort fin­det sich abge­wan­delt bereits im älte­sten uns über­lie­fer­ten deutsch­spra­chi­gen Buch, dem »Codex Abro­gans«. Ein um 911 latei­nisch-alt­hoch­deutsch und hand­schrift­lich auf­ge­zeich­ne­tes »Glos­sar der Syn­ony­me«, das in der St. Gal­le­ner Stifts­bi­blio­thek als Abschrift – aus einer etwa ein oder zwei Jahr­hun­der­te älte­ren Schrift – auf­be­wahrt wird und mehr als 3.600 alt­hoch­deut­sche Wör­ter auf­führt. Eine der frü­he­sten Quel­len deut­scher Sprach­ge­schich­te, die zudem die begin­nen­de Domi­nanz latei­ni­scher Schrift dokumentiert.

Der erste Ein­trag in die­sem Codex ist das latei­ni­sche Wort abro­gans, das für das alt­hoch­deut­sche dheo­mo­di steht und so viel wie demütig/​bescheiden bedeu­tet. Es signa­li­siert hier, bes­ser: es for­dert Unter­ord­nungs­be­reit­schaft als christ­li­che Tugend ein. So fin­det sich auch das Gegen­wort dazu, das eine gön­ne­ri­sche Hal­tung der Mäch­ti­gen bezeich­net, die groß­zü­gig mihil­muot erzei­gen kön­nen, was etwa Groß­mut bedeu­tet.

Ich gehe im ver­kürz­ten Spu­rengang der Bedeu­tung des Wor­tes Mut (im Span­nungs­feld zwi­schen modi und muot) nach, ehe auch das merk­wür­di­ge Wort »Armut« in Augen­schein zu neh­men ist.

Im Indo­ger­ma­ni­schen – die­sem wacke­li­gen und weit gefass­ten Hilfs­be­griff – fin­det sich ein Bün­del von Wör­tern, die um das Wort mo krei­sen: moda, moba, mobaz, modaz. Es geht dabei um das Benen­nen von Wil­len, Stre­ben, Zorn und eben Mut. Von dort führt die Spur zum Alt­hoch­deut­schen muot, eine Ver­fei­ne­rung für die schwer zu defi­nie­ren­den Berei­che des Emp­fin­dens und Den­kens, wo Sinn und See­le ins Spiel kom­men, ja, das Wort für Gemüt sei­nen Ursprung hat, das ein brei­tes Spek­trum der Bedeu­tun­gen ent­wickel­te, ob es sich um den rit­ter­lich hôhen muot han­delt, der zum heu­ti­gen Hoch­mut mutier­te, der vor dem Fall kommt, oder all die Aus­dif­fe­ren­zie­run­gen zwi­schen Groß-, Klein- und Lang­mut bis zu Schwer-, Gleich-, Weh-, Wan­kel- und Übermut.

Ganz anders jedoch der Frei­mut = frî­jaz (ger­ma­nisch), frî (ahd.), vrî­muot (mhd.), der ein Kapi­tel des Begrif­fes Frei­heit öff­net, wo die­sen Mut nur haben kann, wer »frei­en Hal­ses« ist, wer eben frei und kein Leib­ei­ge­ner ist.

Nah bei­ein­an­der lie­gen die Begrif­fe »Anmut« und »Armut«, ein Buch­sta­be nur unter­schei­det die Schrei­bung. Bei­de Wor­te sind in ihrer Her­kunft ein wenig bes­ser zu ver­ste­hen, wenn hier der seit dem Mit­tel­hoch­deut­schen geläu­fi­ge Sam­mel­be­griff für das sub­ti­le­re Ver­ständ­nis des Sub­stan­tivs »Mut« für muot berück­sich­tigt wird. In mout klin­gen wei­che­re und atmo­sphä­ri­sche Momen­te an, die die Gemüts­an­la­gen, das Gemüt­vol­le betref­fen – und schließ­lich in der sehr deut­schen Gemüt­lich­keit mün­den. In die­sem Umfeld kann dann ein so schil­lern­der Begriff wie ane­muot (mhd.) für Anmut erst ent­ste­hen, der weni­ger Stär­ke, Zorn, Wil­len und Kraft signa­li­siert, als viel­mehr Schön­heit, Geschmei­dig­keit und Gra­zie, und der Bedeu­tun­gen bis hin zu Mut­lo­sig­keit und Unmut zulässt, wo alles kämp­fe­risch und mili­tä­risch Kon­no­tier­te fehlt. Aller­dings ist der ane­muot im Mit­tel­hoch­deut­schen mas­ku­lin, meint ursprüng­lich das Ankom­men eines sinn­li­chen Ver­lan­gens oder Begeh­rens und wan­delt sich erst spä­ter ins Femi­ni­num, zur heu­te ver­stan­de­nen Anmut, die Benen­nung einer Eigen­schaft, Sache oder Per­son. Es gibt aller­dings kei­ne wirk­lich gesi­cher­te Her­lei­tung in den Ety­mo­lo­gien dazu, nur Annahmen.

Pou­vre­té prend tout en gré (Armut ist die Mut­ter der Demut). Das fran­zö­si­sche Sprich­wort bringt die Begrif­fe Demut und Armut inhalt­lich zusam­men. Nähern wir uns dem über die alt­hoch­deut­sche Schrei­bung für das Verb die­nen an: thia­non (ahd.) oder dio­non, das ursprüng­lich für »tun« oder »hel­fen« steht. Es zeigt nicht ein­deu­tig auch Abhän­gig­kei­ten an, ver­weist mehr auf dio­muo­ti (ahd.) für eine Demut, die aus eige­nem Antrieb tätig wird, aus einem gewis­sen muot her­aus, der Stär­ke, dem Wil­len und Stre­ben. Das dio­mio­ti oder dheo­mo­di lässt sich als Beschei­den­heit ver­ste­hen, könn­te im Ansatz einen selbst­stän­di­gen, nicht erzwun­ge­nen Akt anzei­gen, im Sin­ne von sich beschei­den, zurück­stel­len, ein ver­nünf­ti­ges sich Gege­ben­hei­ten anpas­sen, unab­hän­gig von jeg­li­cher Dienstbarkeit.

Frei­wil­lig geüb­te Demut mag als etwas Gutes ange­se­hen und zur Tugend erho­ben wor­den sein, nicht weit ent­fernt von Vor­stel­lun­gen grie­chi­scher Phi­lo­so­phie, die unter Demut klu­ge Selbst­be­herr­schung und Sanft­mut versteht.

Erst im Zuge der Chri­stia­ni­sie­rung könn­te Demut die fremd­be­stimm­te Unter­ord­nung benen­nen und ent­spre­chend ein­for­dern, sich der Gewalt zu fügen, die in Got­tes Namen mehr oder weni­ger blu­tig vor­ging. So liegt das Verb demü­ti­gen, alt­hoch­deutsch thio­mou­ten, jeman­den ernied­ri­gen, gleich in der Nähe.

Wenn die Mut­ter der Armut, wie das fran­zö­si­sche Sprich­wort behaup­tet, die Demut ist, dann spie­gelt dies einen fun­da­men­ta­len gesell­schaft­li­chen Wan­del von gemein­sa­men Lebens- und Arbeits­wei­sen im Über­gang zu zuneh­mend abhän­gig bestimm­ter Arbeit. Die Her­kunft des im Wort »Armut« stecken­den Adjek­tivs arm ist unge­klärt. Es soll aufs ger­ma­ni­sche arҍma zurück­ge­hen, was so viel wie ver­einsamt, ver­waist und ver­las­sen bedeu­tet. Armut, im Alt­hoch­deut­schen armou­ti oder Mit­tel­hoch­deut­schen armuot(e) meint Elend, Man­gel, Not. Eine Her­lei­tung von muo­ti (ahd.) ist zwar nahe­lie­gend, soll aber nicht stim­men. Doch, so ist zu ver­mu­ten, dass es Kraft und (Lebens-)Mut brauch­te für sol­che Lebens­si­tua­tio­nen, in denen man leicht mut­los wer­den kann. Die ursprüng­li­che Bedeu­tung des Wor­tes Armut geht wahr­schein­lich von den ver­wai­sten Kin­dern aus, die ohne ein Erbe daste­hen, mit­tel­los. Das liegt dann nicht fern vom gegen­wär­tig wenig gebräuch­li­chen Wort harm (ahd.) für Kum­mer, Leid und der Krän­kung, wohin­ge­gen die heu­te ver­stan­de­ne Harm­lo­sig­keit mit Kum­mer und Not schein­bar direkt nichts mehr zu schaf­fen hat, sich viel­mehr nur ein schlich­tes Gemüt dahin­ter verbirgt.

Literatur(auswahl) – Klu­ge: Ety­mo­lo­gi­sches Wör­ter­buch der deut­schen Spra­che. Ber­lin 1975; Wolf­gang Pfei­fer (u. a.): Ety­mo­lo­gi­sches Wör­ter­buch des Deut­schen. Aka­de­mie Ver­lag, Ber­lin 1986.