Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Zum 9. November

In weni­gen Tagen jährt sich der 9. Novem­ber, der als Tag der Reichs­po­grom­nacht in die Geschich­te ein­ge­gan­gen ist. Seit die­ser Nacht waren die Juden in Nazi­deutsch­land prak­tisch vogel­frei Sie wur­den Opfer von Über­grif­fen, Brand­an­schlä­gen, Plün­de­run­gen und direk­ter Gewalt.

Vor­wand für die­se Ver­bre­chen war die Tat des sieb­zehn­jäh­ri­gen Juden Her­schel Grynszpan, der den Pari­ser Bot­schafts­se­kre­tär Deutsch­lands, Ernst Edu­ard vom Rath, bei einem Atten­tat lebens­ge­fähr­lich ver­letz­te. Der Atten­tä­ter gab zu Pro­to­koll, er hät­te mit sei­ner Tat die Welt­öf­fent­lich­keit auf die Ver­bre­chen im Zusam­men­hang mit der Depor­ta­ti­on von Juden, dar­un­ter sei­ne Eltern, auf­merk­sam machen wollen.

Reichs­pro­pa­gan­da­mi­ni­ster Goe­b­bels reagier­te mit einer anti­se­mi­ti­schen Hetz­re­de. Unmit­tel­bar dar­auf kam es im gesam­ten Gebiet des Drit­ten Rei­ches zu angeb­lich spon­ta­nen Aus­schrei­tun­gen gegen jüdi­sche Ein­rich­tun­gen, Syn­ago­gen, Geschäf­te und Woh­nun­gen. In Wahr­heit waren die Gräu­el von Par­tei- und SA-Stel­len vor­be­rei­tet und orga­ni­siert worden.

Den Ver­bre­chen fie­len allein in die­ser Nacht über 1.300 Men­schen zum Opfer, Zehn­tau­sen­de Juden wur­den ver­haf­tet, meh­re­re Tau­send Geschäf­te und Syn­ago­gen ver­wü­stet; dar­an und an der Plün­de­rung unge­zähl­ter Woh­nun­gen waren die SS, die SA und ein­fa­che Mit­glie­der der NSDAP sowie wei­te­re Anhän­ger der Nazis beteiligt.

Die Reichs­po­grom­nacht mahnt die Men­schen nicht nur in Deutsch­land, jede Form grup­pen­be­zo­ge­ner Men­schen­feind­lich­keit zu äch­ten, der Tag bleibt eine stän­di­ge Ermah­nung zu einem radi­ka­len Humanismus.

Die­ses Gebot des »Nie wie­der!« wird jedoch bis heu­te regel­mä­ßig miss­ach­tet. Die EU – und mit ihr alle Mit­glied­staa­ten – bricht es seit Jah­ren an ihren Außen­gren­zen und im Innern mit einer inhu­ma­nen Aus­län­der­ge­setz­ge­bung und einem restrik­ti­ven Asyl­recht. Weit über 20 000 Schutz­su­chen­de sind seit 2014 allein im Mit­tel­meer zu Tode gekom­men, vor den Gren­zen der EU, deren soge­nann­ter Schutz sich die Uni­on seit 2014 cir­ca 4 Mrd. Euro kosten ließ. Zum sol­chem »Schutz« gehö­ren Push-backs und die Unter­brin­gung von Flücht­lin­gen in Lagern, in denen sie wie unter Arrest und unter men­schen­un­wür­di­gen Bedin­gun­gen zu hau­sen gezwun­gen wer­den. Es kommt zu Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen bru­tal­ster Art wie Prü­gel­attacken gegen ille­gal zurück nach Bos­ni­en ver­trie­be­ne Flücht­lin­ge an der kroa­ti­schen Gren­ze oder Push-backs an der pol­ni­schen Außen­gren­ze, wo Schutz­su­chen­de ihrem Schick­sal trotz Erfrie­rungs­ge­fahr in den Wäl­dern an Polens Ost­gren­ze über­las­sen werden.

Die­se »Grenzschutz«-Politik tra­gen alle EU-Staa­ten zumin­dest durch Gesche­hen-Las­sen mit. Die soge­nann­te Grenz­schutz­agen­tur Fron­tex erhält offi­zi­ell bis 2029 die Sum­me von 5,6 Mrd. Euro, obwohl sie sich an den Ver­bre­chen beteiligt.

Das Geden­ken an die Opfer der Reichs­po­grom­nacht ver­kommt zur Heu­che­lei, wenn heu­ti­ge Ver­bre­chen gegen Men­schen­grup­pen, die auf Schutz ange­wie­sen sind, als Pra­xis betrie­ben und gedul­det wer­den. Der Krieg gegen Flücht­lin­ge ist dabei nicht das ein­zig Schlim­me. Er wird der Bevöl­ke­rung in den EU-Staa­ten auch noch mund­ge­recht ver­kauft als Bekämp­fung von Schlep­pern und als eine Poli­tik, die auf gere­gel­te, lega­le Migra­ti­on zielt. Frü­her nann­te man das »Pro­pa­gan­da« und hat­te dafür ein eige­nes Ministerium.

So fin­det sich auch im Son­die­rungs­pa­pier der Ampel-Par­tei­en eine wachs­wei­che For­mu­lie­rung, die Anlass zu größ­ter Sor­ge gibt: Aus unse­rer huma­ni­tä­ren Ver­ant­wor­tung, heißt es dar­in, »lei­ten wir die Auf­ga­be ab, mit den euro­päi­schen Part­nern Anstren­gun­gen zu unter­neh­men, das Ster­ben auf dem Mit­tel­meer genau­so wie das Leid an den euro­päi­schen Außen­gren­zen zu been­den. Wir wol­len die Ver­fah­ren zur Flucht-Migra­ti­on ord­nen und die aus­beu­te­ri­schen Ver­hält­nis­se auf den Flucht­we­gen bekämp­fen. Die Asyl­ver­fah­ren, die Ver­fah­ren zur Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rung und die Rück­füh­run­gen wol­len wir beschleu­ni­gen und lega­le Wege schaffen.«

Statt zu for­mu­lie­ren, dass die Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen unver­züg­lich zu been­den sind, will man also »Anstren­gun­gen unter­neh­men, Ver­fah­ren der Flucht ord­nen, Schlep­per bekämp­fen und auch Rück­füh­run­gen beschleu­ni­gen«. Wer aus kriegs­be­ding­ten Todes­zo­nen flieht, der hat oft alles auf­ge­ge­ben, um die Flucht zu finan­zie­ren, er steht inmit­ten der Gewalt vor dem Nichts. Wohin, bit­te schön, möch­te die in der EU vor­herr­schen­de Poli­tik die­se Men­schen »zurück­füh­ren«?

Wer sich wirk­lich sei­ner huma­ni­tä­ren Ver­ant­wor­tung stellt, der been­det den Waf­fen­han­del und den Kriegs­ex­port; das sind die domi­nan­ten Flucht­ur­sa­chen, denen dann Kli­ma-Kata­stro­phen wie die Aus­deh­nung der Wüsten­ge­bie­te folgen.

Doch statt mit dem Export mili­tä­ri­schen Geräts und mit mili­tä­ri­schen Akti­vi­tä­ten auf­zu­hö­ren, lesen wir im Ampel-Son­die­rungs­pa­pier: »Unse­re Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten lei­sten einen unver­zicht­ba­ren Bei­trag zur Inter­na­tio­na­len Sicher­heit. Wir ver­bes­sern ihre Aus­rü­stung wie auch die der Bun­des­wehr.« Statt also Geld für die Hil­fe für Schutz­su­chen­de zur Ver­fü­gung zu stel­len, geht es den drei Par­tei­en dar­um, mehr Geld in die Bun­des­wehr zu inve­stie­ren. Aktu­ell beläuft sich der Mili­tä­re­tat auf etwa 50 Mrd. Euro, nach­dem er 2014 noch 32,4 Mrd. Euro betra­gen hat­te. Auf das Plus von fast 20 Mrd. Euro inner­halb von sie­ben Jah­ren fol­gen wei­te­re Mil­li­ar­den-Zuwäch­se, die nicht nur in der Daseins­vor­sor­ge, son­dern auch in der Flücht­lings­ver­sor­gung fehlen.

Der Ras­sis­mus in unse­rem Land ent­springt auch der Tat­sa­che, dass Ver­laut­ba­run­gen aus den Rei­hen der Koali­ti­ons­par­tei­en besa­gen, wir hät­ten für den Schutz der Flücht­lin­ge eben­so wie für eine Daseins­vor­sor­ge, die Armut bekämp­fen kann, auch für eine bes­se­re Bil­dungs­fi­nan­zie­rung und Gesund­heits­po­li­tik, von der Öko­lo­gie ganz zu schwei­gen, zu wenig Mit­tel zu Ver­fü­gung. Der Mili­tä­re­tat bleibt in die­sem Zusam­men­hang erstens sakro­sankt und zwei­tens mög­lichst weit­ge­hend aus dem öffent­li­chen Dis­kurs ausgeblendet.

Wenn der 9. Novem­ber mehr sein soll als ein Anlass für schein­hei­li­ge Gedenk­wor­te, dann muss die Poli­tik die Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on kon­se­quent ein­hal­ten, die Mili­ta­ri­sie­rung als Span­nungs­quel­le im eige­nen Land und als Flucht­ur­sa­che been­den und Sicher­heits­po­li­tik als eine Poli­tik ver­ste­hen, die allen Men­schen Schutz gewährt, den Bedürf­ti­gen im eige­nen Land und jenen, die aus den Todes­zo­nen flie­hen. Sie sind Men­schen, die wie alle Mit­men­schen unter dem Schutz der UNO-Char­ta stehen.

Der 9. Novem­ber stellt der aktu­el­len Poli­tik die Auf­ga­be, alles zu unter­neh­men, was grup­pen­be­zo­ge­ner Men­schen­feind­lich­keit die Basis nimmt. Er mahnt uns, uns jeder Form von Rück­sichts­lo­sig­keit ent­ge­gen­zu­stel­len, sei es auf EU-Ebe­ne oder irgend­ei­ner ande­ren Ebe­ne des gesell­schaft­li­chen Lebens.