Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Tapferes Schneiderlein

Nach und nach läuft der Kul­tur­be­trieb wie­der an, wobei an den frei­blei­ben­den Plät­zen in Fuß­ball­sta­di­en wie in Buch­hand­lun­gen erkenn­bar ist, dass die Pan­de­mie-Lethar­gie in gewis­ser Wei­se fort­dau­ert. Es wird wohl noch eini­ge Zeit brau­chen, ehe die Ago­nie über­wun­den ist. Ob der Kul­tur­be­trieb jemals wie­der so leben­dig und so viel­fäl­tig sein wird wie vor Coro­na, steht dahin. Die­ser Zwei­fel bedräng­te auch die Buch­händ­le­rin von Wand­litz bei Ber­lin, die vor Jah­res­frist Egon Krenz mit sei­nem damals aktu­el­len Spie­gel online Best­sel­ler »Wir und die Rus­sen. Die Bezie­hun­gen zwi­schen Ber­lin und Mos­kau im Herbst ’89« (edi­ti­on ost) ein­ge­la­den hat­te. Dann kam der Lock­down und der letz­te SED-Gene­ral­se­kre­tär, der im Herbst ’89 für Gewalt­frei­heit gesorgt hat­te, unters Mes­ser. Inzwi­schen ist Egon Krenz medi­zi­nisch reha­bi­li­tiert, wenn­gleich noch immer auf Krücken ange­wie­sen, und er hat ein neu­es Buch vor­ge­legt. Es ist ein Gespräch mit dem in Wand­litz leben­den Rechts­an­walt Fried­rich Wolff, der einst DDR-Dis­si­den­ten, Nazis wie Glob­ke und Ober­län­der in DDR-Schau­pro­zes­sen und den Ex-Staats­rats­vor­sit­zen­den Erich Hon­ecker vor Gerich­ten ver­tei­dig­te. »Komm mir nicht mit Rechts­staat«, so der pro­vo­kan­te Titel die­ses Ban­des. Er »nimmt die gegen die DDR gerich­te­te anti­kom­mu­ni­sti­sche Pro­pa­gan­da­the­sen des Kal­ten Krie­ges aufs Korn und wider­legt sie mit prä­zi­ser Sach­kennt­nis«, urteil­te Hein­rich Han­no­ver in einer Rezension.

Die Buch­händ­le­rin Mela­nie Brauch­ler hol­te nun­mehr die damals ver­scho­be­ne Lesung mit Krenz am Tag vor der Bun­des­tags­wahl nach, unsi­cher, ob genü­gend Zuhö­rer kom­men wür­den. Fünf sag­ten kurz­fri­stig tele­fo­nisch ab, weil sie sich nicht den coro­nabe­ding­ten Vor­schrif­ten im Ver­an­stal­tungs­lo­kal unter­wer­fen moch­ten. Die­ses hieß »Zum tap­fe­ren Schnei­der­lein« und befand sich im benach­bar­ten Klo­ster­fel­de. Dort­hin war Buch­händ­le­rin Brauch­ler aus­ge­wi­chen, weil unter Berück­sich­ti­gung der Hygie­ne­vor­schrif­ten in ihren Laden in der Prenz­lau­er Chaus­see 167 in Wand­litz nicht so vie­le Inter­es­sier­te ein­ge­las­sen wer­den durf­ten, wie even­tu­ell kom­men würden.

Für Egon Krenz aus Dier­ha­gen an der Ost­see, wo er seit Jah­ren lebt, war es die erste Lesung seit lan­ger Zeit, und ent­ge­gen frü­he­rer Gewohn­heit, sei­ne Über­zeu­gun­gen und Auf­fas­sun­gen aus dem Steg­reif zu for­mu­lie­ren, hat­te er sich schrift­lich vor­be­rei­tet. So wur­de denn aus der Lesung zunächst ein Vor­trag. Im zwei­ten Teil stand der dem­nächst bald 85-Jäh­ri­ge wie gewohnt leb­haft und poin­tiert Rede und Ant­wort, wobei die mei­sten Zuhö­rer sich mehr für sei­ne Sicht auf die Gegen­wart denn auf die Ver­gan­gen­heit zu inter­es­sie­ren schie­nen. War­um er heu­te so nach­sich­tig über Gor­bat­schow urtei­le, woll­te einer wis­sen, und ein ande­rer monier­te, dass er über­haupt nichts zu den Men­schen­rech­ten und deren Ver­let­zung in der DDR gesagt habe, wor­auf Krenz mit allem Recht dar­auf hin­wies, dass dies heu­te und hier nicht das The­ma sei. Er habe – wor­an wohl nur weni­ge im Saal zwei­fel­ten – dazu eine sehr dezi­dier­te Mei­nung. Natür­lich sei auch in der DDR – wie in jedem ande­ren Staat der Welt – Unrecht gesche­hen, aber die DDR sei dar­um kein Unrechts­staat gewe­sen. Und es sei dort mensch­li­cher zuge­gan­gen als in der heu­ti­gen Bun­des­re­pu­blik. Beifall.

Schwer­punkt aber der auch mit die­ser Zei­le ange­kün­dig­ten Ver­an­stal­tung war das Ver­hält­nis der Deut­schen zu den Rus­sen, der Umgang der Bun­des­re­pu­blik mit der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on. Der Hass, mit dem in deut­schen Medi­en und auch von Poli­ti­kern heu­te gehetzt wer­de, gehe inzwi­schen dar­über hin­aus, was in den Hoch­zei­ten des Kal­ten Krie­ges in der Bun­des­re­pu­blik über die Sowjet­uni­on ver­brei­tet wur­de. Unab­hän­gig davon, wie kri­tisch der Blick auf den Kreml und des­sen Poli­tik sei, so gezie­me sich Zurück­hal­tung nicht nur wegen der in deut­schem Namen an den Rus­sen ver­üb­ten Ver­bre­chen. Mit Aus­söh­nung und Völ­ker­ver­stän­di­gung habe das wenig zu tun, nichts mit guter Nach­bar­schaft. Es bedrücke ihn, wenn inzwi­schen wie­der deut­sche Pan­zer dort stün­den, wo sie vor acht­zig Jah­ren, vorm Über­fall auf die Sowjet­uni­on, gestan­den haben. Das Groß­ma­nö­ver »Defen­der 2021« ist der größ­te NATO-Auf­marsch gen Osten seit dem Ende des War­schau­er Ver­tra­ges gewe­sen. Das war mehr als nur eine Pro­vo­ka­ti­on, sag­te Krenz, und am Klang sei­ner Stim­me war zu erken­nen, dass ihm das Kriegs­ge­schrei per­sön­lich sehr nahe ging.

Das tap­fe­re Schnei­der­lein im Dorf­krug »Zum tap­fe­ren Schnei­der­lein« in Klo­ster­fel­de kämpf­te gegen die Bedro­hung des Frie­dens. Eini­ge erho­ben sich und ihre Bier­sei­del pro­te­stie­rend, sie setz­ten augen­schein­lich ande­re Prio­ri­tä­ten. Einer rief gar »Kom­mu­ni­sten­par­ty«, und ande­re folg­ten ihm zum Aus­gang. Die Dis­kus­si­on, bes­ser: der Mei­nungs­aus­tausch, ging ruhig und ernst­haft weiter.

Nach der Ver­an­stal­tung, Krenz schritt mit Krücke ins Freie, traf er vorm Haus jene wie­der, die mit Aplomb die Lesung ver­las­sen hat­ten. Sie saßen spei­send unterm Schild »Zum tap­fe­ren Schnei­der­lein. Im Fami­li­en­be­sitz seit 1759«. Er wünsch­te ihnen ohne Arg und Hin­ter­list höf­lich »Guten Appe­tit« und füg­te ein freund­li­ches »Auf Wie­der­sehn« an.

Das ver­schlug ihnen sicht­lich die Spra­che. »Sie­be­ne auf einen Streich«, wie bei den Gebrü­dern Grimm.