Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Gottverordnete Menschenfresserei

Straf­ver­fah­ren oder Skan­da­le im Bereich der Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten fin­den in der Öffent­lich­keit, zu Recht, größ­te Auf­merk­sam­keit, wer­den doch oft dadurch vie­le ver­dräng­te oder ver­tusch­te Abar­tig­kei­ten, die in sol­chen Gemein­schaf­ten ihr Unwe­sen trei­ben, über­haupt erst bekannt. Das war und ist so, seit die jahr­hun­der­te­lan­ge Pra­xis von sexu­el­len Ver­bre­chen an ihren Schutz­be­foh­le­nen durch kirch­li­ches Per­so­nal auf­ge­deckt wur­de, und nun gibt es, aller­dings in klei­ne­rem Maß­stab, den »Fall Lat­zel«, durch den eine grö­ße­re Öffent­lich­keit Kennt­nis von sehr zwei­fel­haf­ten Bibel­bot­schaf­ten erhal­ten kann.

Zum Fall: In Bre­men hat­te der evan­ge­li­ka­le Pastor Lat­zel Homo­se­xu­el­le als Ver­bre­cher bezeich­net und war des­halb im vori­gen Jahr wegen Volks­ver­het­zung zu einer Geld­stra­fe von 8000 Euro ver­ur­teilt wor­den. Er ging in Beru­fung, und das Land­ge­richt muss nun ent­schei­den, ob der Ange­klag­te sich, »von der Bibel gedeckt«, in sei­ner Hetz­re­de auf die Reli­gi­ons­frei­heit beru­fen kön­ne oder ob die Wür­de der Men­schen nach Arti­kel 1 (1) GG Vor­rang hat und er zu Recht ver­ur­teilt sei. Als Gut­ach­ter dazu beauf­trag­te das Land­ge­richt den evan­ge­li­ka­len Theo­lo­gie­pro­fes­sor Chri­stoph Raedel von der Frei­en Theo­lo­gi­schen Hoch­schu­le in Gie­ßen. Ausgerechnet!

Die­ser Theo­lo­ge ist näm­lich mit sei­ner Hoch­schu­le der »Deut­schen Theo­lo­gi­schen Alli­anz« ver­bun­den, zu deren »theo­lo­gi­scher Basis« das »Bekennt­nis« gehört, das »die gött­li­che Inspi­ra­ti­on der Hei­li­gen Schrift und ihre völ­li­ge Zuver­läs­sig­keit und höch­ste Auto­ri­tät in allen Fra­gen des Glau­bens und der Lebens­füh­rung« betont. Als Aus­flüs­se die­ser angeb­lich »gött­li­chen Inspi­ra­tio­nen« sei­en aus der »Hei­li­gen Schrift« (vul­go Bibel) eini­ge typi­sche Aus­sa­gen vor­ge­stellt, die den Gemein­de­glie­dern weit­ge­hend unbe­kannt sein dürften.

Zur Homo­se­xua­li­tät aus dem »Hei­lig­keits­ge­setz« (3. Mose, 17-26, bes. 20.13): »Wenn jemand bei einem Man­ne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräu­el ist und sol­len bei­de des Todes ster­ben.« Die­se »gött­li­che Inspi­ra­ti­on« wur­de seit dem 13. Jahr­hun­dert im christ­li­chen Abend­land durch öffent­li­che Ver­bren­nung Homo­se­xu­el­ler jahr­hun­der­te­lang umgesetzt.

Kin­der­feind­lich­keit: 5. Mose, 21. 18-21 (»Todes­stra­fe für unge­ra­te­ne Söh­ne« durch Steinigung).

Frau­en­feind­lich­keit: 1. Timo­theus 2.11 (»Unter­ord­nung der Frauen«).

Kampf- und Fluch­wor­te gegen die Juden: Johan­nes 8, bes. V. 44 (»Ihr habt den Teu­fel zum Vater«) – laut Dani­el Gold­ha­gen (»Die katho­li­sche Kir­che und der Holo­caust«, Sied­ler 2002, S. 351) gibt es allein in den 4 Evan­ge­li­en und der Apo­stel­ge­schich­te »rund 450 expli­zit anti­se­mi­ti­sche Verse«.

Schließ­lich ein beson­de­rer Lecker­bis­sen aus den »gött­li­chen Inspi­ra­tio­nen« für die, die den Geset­zen Got­tes über­haupt nicht gehor­chen: Gott emp­fiehlt, so zu »stra­fen, dass ihr sollt eurer Söh­ne und Töch­ter Fleisch essen«, 3. Mose, 26.28f.

Kein Gericht darf in Zukunft das Bekennt­nis zu sol­chen sexu­al-, kin­der-, frau­en­feind­li­chen, kriegs­trei­be­ri­schen, anti­se­mi­ti­schen und men­schen­fres­se­ri­schen »gött­li­chen Inspi­ra­tio­nen« in der Bibel mehr bil­li­gen. Des­we­gen hat das Land­ge­richt Bre­men nun wohl auch auf den evan­ge­li­ka­len Pro­fes­sor Raedel als Gut­ach­ter ver­zich­tet, der, wie inzwi­schen bekannt gewor­den war, »geleb­te Homo­se­xua­li­tät für Sün­de« hält, genau­so wie das Mil­lio­nen­heer evan­ge­li­ka­ler Zionskämpfer.

Wer immer nun neu­er Gut­ach­ter wird, und wie schließ­lich das Beru­fungs­ur­teil aus­fällt: Der ange­klag­te »Hetz­pa­stor« (so das Göt­tin­gerTage­blatt vom 5.10.21) wird im Fal­le der Urteils­be­stä­ti­gung wohl erneut Ein­spruch dage­gen ein­le­gen und bis zum Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt gehen. Die Zeit bis dahin soll­te genutzt wer­den, einen Kanon mit all jenen, den Men­schen­rech­ten zuwi­der­lau­fen­den Bibel­stel­len erar­bei­ten zu las­sen, damit in einem Kon­flikt­fall wie dem vor­lie­gen­den in Zukunft der Art.1 (1) GG (»Die Wür­de des Men­schen ist unan­tast­bar«) immer Vor­rang hat vor Art. 4 (1) GG (Glau­bens- und Gewis­sens­frei­heit), auch dann, wenn die »Frei­heit des Glau­bens« »von der Bibel gedeckt« ist. Da gibt es, sie­he oben, die Bestra­fung durch Stei­ni­gung für min­de­stens elf »Ver­ge­hen« – ganz ähn­lich wie es auch die Scha­ria befiehlt. Sol­che gött­li­chen Bar­ba­rei­en haben in einer men­schen­freund­li­chen Rechts­pfle­ge nichts zu suchen; sie müs­sen viel­mehr geäch­tet wer­den, öffent­lich, von der Wis­sen­schaft, der Publi­zi­stik, von der Justiz und der Politik.