Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Halbe Erkenntnisse und ganze Irrtümer

Es wirkt wie ein Schild­bür­ger­streich: In Essen soll eine Wider­stands­kämp­fe­rin mit einem Stra­ßen­na­men geehrt wer­den, aber es wird nur eine Stra­ßen­sei­te nach der von der Gesta­po ermor­de­ten Käthe Larsch umbe­nannt, die ande­re Stra­ßen­sei­te heißt Fried­rich-Ebert-Stra­ße. Beson­ders die Bewoh­ner eines Alten­hei­mes woll­ten nicht eine Kom­mu­ni­stin als Namens­pa­tro­nin. Sie woll­ten an alten anti­kom­mu­ni­sti­schen Gewohn­hei­ten festhalten.

An alten Ver­harm­lo­sun­gen der Nazis will auch der Dort­mun­der Ober­bür­ger­mei­ster Tho­mas West­phal (SPD) fest­hal­ten. Er mein­te kürz­lich gar, der Neo­fa­schis­mus in Dort­mund sei geschei­tert, denn bei dem einer ver­stor­be­nen bun­des­deut­schen Nazi­grö­ße, Sieg­fried Bor­chardt, gewid­me­ten Trau­er­marsch habe sich das »letz­te Auf­ge­bot« der Rech­ten gezeigt. Wie das? »SS-Sig­gi« Bor­chardt lebt zwar nicht mehr, aber Mat­thi­as Hel­fe­rich ist sehr leben­dig. Er nennt sich das »freund­li­che Gesicht des NS« und einen »demo­kra­ti­schen Freisler« Er wur­de in den Bun­des­tag gewählt, und er ver­bin­det die offen faschi­sti­sche Sze­ne mit sei­nen AfD-Krei­sen. Die AfD-Basis ist vie­ler­orts beim Neo­fa­schis­mus ange­kom­men. Und in Dort­mund gibt es wei­te­re Akti­vi­tä­ten eines Aus­baus der sehr rech­ten Infra­struk­tur, zu denen der OB nichts sagt: Schaf­fung eines Laden­ge­schäfts der der rech­ten Volks­tum-Bewe­gun­gen ver­bun­de­nen Her­mann Nier­mann Stif­tung und Eröff­nung eines Thor Stei­nar Ladens. Es gibt rech­te Vor­fäl­le bei der Poli­zei mit ihren neo­na­zi­sti­schen Chat­grup­pen, Waf­fen­la­ger in Lüt­gen­dort­mund, Ver­bin­dun­gen zu einem Neo­na­zi­schieß­stand in Meck­len­burg-Vor­pom­mern. Und die Bundeswehr/​Nato greift nach dem Ruhr­ge­biet mit einer Cyber­kriegs­for­ma­ti­on; dort soll ein neu­er Nato-Stütz­punkt geschaf­fen wer­den, so haben es SPD und Grü­ne im Stadt­rat beschlos­sen. Der­weil wer­den die Print­me­di­en immer laut­lo­ser, was die Rechts­ent­wick­lung anbe­trifft. Und die Stadt­lei­tung ver­zö­gert wei­ter­hin die Umbe­nen­nung einer Emil Kir­dorf Sied­lung – Kir­dorf war einer der ersten Finan­ziers der Nazis – im Stadt­teil Dortmund-Eving.

Ein ande­res Bei­spiel: Die ursprüng­lich von der Ver­ei­ni­gung der Ver­folg­ten des Nazi­re­gimes (VVN) mit­ge­stal­te­te Gedenk­stät­te in Ober­hau­sen wur­de umge­stal­tet. Über dem Ein­gang stand bis dahin »Faschis­mus kommt nicht über Nacht, er wird vom Kapi­tal gemacht«. Und die­ses »Über Nacht« stör­te die neu­en Aus­stel­lungs­ma­cher offen­bar, sie stell­ten an den Ein­gang der neu­en Aus­stel­lung kom­men­tar­los eine Tafel zum 30. Janu­ar 1933 in Ober­hau­sen. Kei­ne Vor­ge­schich­te. Also doch über Nacht. Der Schwer­punkt der Aus­stel­lung ist die Zwangs­ar­beit. Und die wur­de nun anschei­nend gar nicht vom Kapi­tal betrie­ben, son­dern – vor allem von der Gestapo.

Sol­che neue Schwer­punkt­set­zung ist auch bei ande­ren Umwand­lun­gen erkenn­bar. Dort­mund hat eine gute Tra­di­ti­on in der Erin­ne­rungs­ar­beit. Doch in der Gedenk­stät­te Stein­wa­che in Dort­mund ent­wickelt sich man­ches, was merk­wür­dig zu nen­nen, Ver­harm­lo­sung wäre. Dort gibt es den Raum 7 »Die Schwer­indu­strie setzt auf Hit­ler«. Der soll, so wur­de ange­kün­digt, nun ent­fal­len, denn das Groß- und Finanz­ka­pi­tal sei weni­ger schul­dig als bis­her ver­mu­tet. Künf­tig soll die Gedenk­stät­te sich nur noch mit dem Wider­spruch »Poli­zei ver­sus Zivil­ge­sell­schaft im NS« befas­sen. Und schon jetzt liegt eine Bro­schü­re aus, in der es heißt, dass Reichs­prä­si­dent Hin­den­burg nicht Hit­ler, son­dern den rech­ten Zen­trums­po­li­ti­ker von Papen mit der Kanz­ler­schaft beauf­tragt habe.

Die Schuld kapi­ta­li­sti­scher Eli­ten am Faschis­mus wird all­ge­mein in die­ser Repu­blik gern durch die herr­schen­den Krei­se bestrit­ten, ja, es wird behaup­tet, dass das Grund­ge­setz unse­rer Repu­blik den Kapi­ta­lis­mus als Kern der Ver­fas­sung ansieht, alle anti­ka­pi­ta­li­sti­schen Aus­le­gun­gen sei­en extre­mi­stisch und somit ver­fas­sungs­feind­lich. Doch weder der Text des GG noch sei­ne Aus­le­gun­gen durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt bestä­ti­gen dies.

Die Lan­des­ver­fas­sung von NRW ent­hält sogar ganz aus­drück­li­che anti­ka­pi­ta­li­sti­sche Aus­sa­gen. In die­sem Zusam­men­hang fällt mir ein Brief des grü­nen stell­ver­tre­ten­den Mini­ster­prä­si­den­ten Micha­el Ves­per an die VVN-BdA NRW ein: Zu ihrer For­de­rung, gegen die IG Far­ben-Nach­fol­ger den Ent­eig­nungs­ar­ti­kel der Lan­des­ver­fas­sung anzu­wen­den, schrieb er einst: Die­ser Arti­kel sei durch das Grund­ge­setz auf­ge­ho­ben wor­den. Das Grund­ge­setz ist jedoch älter als die Lan­des­ver­fas­sung. Bei voll­kom­me­ner Kennt­nis des Grund­ge­set­zes stell­te die Lan­des­re­gie­rung vor 70 Jah­ren die Lan­des­ver­fas­sung zur Abstim­mung durch das Volk, das die­se annahm.

Die Ver­wirk­li­chung die­ser Ver­fas­sung steht im Mit­tel­punkt der Pro­gram­ma­tik der VVN-BdA. Die gegen­wär­ti­ge Lan­des­re­gie­rung arbei­tet jedoch auf der Grund­la­ge eines fest­ge­schrie­be­nen Bruchs der Lan­des­ver­fas­sung per Koali­ti­ons­ver­trag. Dar­in wird das Prin­zip »Pri­vat vor Staat« beschlos­sen. Die Lan­des­ver­fas­sung sieht aber einen Vor­rang gesell­schaft­li­cher Inter­es­sen vor allen pri­vat­wirt­schaft­li­chen Hand­lun­gen. Es gibt dar­in ein Recht auf Arbeit, aber kein Recht auf Profit.

Ein wei­te­res Bei­spiel: Die Not­wen­dig­keit und Bedeu­tung der Stol­per­stein­ver­le­gun­gen sind all­ge­mein aner­kannt. Die VVN-BdA hat aber auch hier ergän­zend gefor­dert: Es ist auch vor den Tätern zu war­nen und nicht nur der Opfer zu geden­ken. Also Stol­per­stei­ne plus Mahn­ta­feln! Dazu wur­de z.B. in Her­ten auf Antrag der VVN-BdA ein gan­zer Maß­nah­men­ka­ta­log ange­nom­men, der abge­ar­bei­tet wird, damit an den Stät­ten der Lei­den der Zwangs­ar­bei­ter und des Sit­zes der Kon­zer­ne auch Mahn­ta­feln stehen.

Des­halb hat­ten auch Schü­le­rin­nen und Schü­ler voll­kom­men Recht, als sie ver­lang­ten, dass ihr Gym­na­si­um in Kreuz­tal nicht län­ger nach dem Nazi­fi­nan­zier und Kriegs­ge­winn­ler Fried­rich Flick benannt blei­ben soll. Sie beka­men Recht, und die Schu­le heißt nun nicht mehr Flick-Gym­na­si­um. Und zwar die gan­ze Schu­le – und nicht nur die Hälf­te. Sie­he oben.

In den letz­ten Jah­ren waren jun­ge Men­schen beson­ders drän­gend und erfolg­reich in Tei­len der Poli­tik. Da die VVN-BdA Genera­tio­nen-über­grei­fend, Par­tei­en-über­grei­fend und inter­na­tio­na­li­stisch wirkt, konn­te man anneh­men, dass sie auch zu den neu­en Jugend­be­we­gun­gen gute Ver­bin­dun­gen her­stel­len wür­de. Dies gelang auch – im Bereich Anti­fa, Anti­ras­sis­mus und Soli­da­ri­tät mit Migran­ten, in der Bewe­gung »Auf­ste­hen gegen Ras­sis­mus«. Es gelang lei­der kaum beim Kli­ma­the­ma. Und die VVN-BdA als Teil der Frie­dens­be­we­gung konn­te wenig aus­rich­ten, um die Fri­day for Future-Jugend mit dem Abrü­stungs­the­ma und dem Anti­fa­schis­mus zu ver­bin­den. Ein Ver­such von mir, dazu etwas bei­zu­tra­gen, war mein Arti­kel in Ossietzky (Heft 9/​2019) mit dem Titel »Hel­muth und Greta«.

Ein beson­de­rer Erfolg, an dem die nord­rhein-west­fä­li­schen Anti­fa­schi­sten mit­wirk­ten, waren die Ent­hül­lungs­ak­tio­nen gegen die Tra­di­ti­ons­ver­bän­de der Gebirgs­jä­ger in Mit­ten­wald. Ermit­telt wur­den fast 200 ehe­ma­li­ge Wehr­machts­sol­da­ten, die an Kriegs­ver­bre­chen teil­ge­nom­men hat­ten. Dar­un­ter einer, der sei­ne Mit­wir­kung an den Mor­den zugab: Es sei »wie Grasmä­hen gewe­sen«, was er mit dem MG mach­te, des­sen Lauf er beim Schie­ßen auf die Frau­en und Kin­der von Kom­me­no hin und her schwenk­te. Nur einer der Ange­zeig­ten wur­de ver­ur­teilt, aber die Auf­klä­rungs­ar­beit führ­te dazu, dass sich die Bevöl­ke­rung von Mit­ten­wald von ihren ver­bre­che­ri­schen Vor­fah­ren abwen­de­te. Vor der Schu­le steht nun eine Gedenk­ste­le an die in Grie­chen­land und anders­wo Ermor­de­ten. Und in der Schu­le wird die­ser Teil der Geschich­te nun im Unter­richt behandelt.

Es bleibt dabei: Für den Frie­den und die Men­schen­rech­te wei­ter­hin ein­zu­tre­ten, bleibt unab­ding­bar, eben­so für die »sozia­len Men­schen­rech­te«. Ich erin­ne­re an Fried­rich Schil­ler, der 1797 schrieb: »Wür­de des Men­schen? Nichts mehr davon, ich bitt Euch. Zu essen gebt ihm, zu woh­nen: Habt ihr die Blö­ße bedeckt, gibt sich die Wür­de von selbst.«