Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Dostojewski in Deutschland

Fjo­dor M. Dosto­jew­ski (1821-1881) war Deutsch­land zeit­le­bens ver­bun­den. In kei­nem ande­ren Land außer­halb Russ­lands leb­te der Schrift­stel­ler so lan­ge wie in Deutsch­land, wo er sich zwi­schen 1862 und 1879 neun­mal auf­ge­hal­ten hat. Sei­ne teils mehr­mo­na­ti­gen Auf­ent­hal­te fan­den Nie­der­schlag in sei­nen Roma­nen, Tage­bü­chern und Brie­fen, ja, ohne die Auf­ent­hal­te in Euro­pa und Deutsch­land ist sein gewal­ti­ges Werk nicht zu denken.

Wie jeder gebil­de­te Rus­se war Dosto­jew­ski damals mit west­eu­ro­päi­scher Lite­ra­tur und Phi­lo­so­phie auf­ge­wach­sen. Hono­ré de Balzac, Geor­ge Sand, Vic­tor Hugo, Alex­andre Dumas, Johann Wolf­gang von Goe­the und beson­ders Fried­rich von Schil­ler waren ihm ver­traut. Und so notier­te er im Som­mer 1862 bei sei­nem ersten Besuch in sei­nen Rei­se­skiz­zen: »Es ist nicht zu fas­sen, dass ich nun end­lich Euro­pa zu Gesicht bekom­me, ich, der ich vier­zig Jah­re lang ver­geb­lich von Euro­pa geträumt habe.«

Bereits 1999 wid­me­te sich die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin und Sla­wi­stin Kar­la Hiel­scher in »Dosto­jew­ski in Deutsch­land« aus­führ­lich und detail­liert den zahl­rei­chen Auf­ent­hal­ten des Dich­ters in Deutsch­land. Zum dies­jäh­ri­gen 200. Geburts­tag des rus­si­schen Schrift­stel­lers am 11. Novem­ber (nach julia­ni­schem Kalen­der 30. Okto­ber) hat die­ses Buch nun als Insel-Taschen­buch eine Neu­auf­la­ge erlebt. Dosto­jew­skis erste Rei­sen – vor allem nach Wies­ba­den, Baden-Baden und Hom­burg – waren stark von sei­ner Spiel­lei­den­schaft moti­viert, die im Som­mer 1863 ihren Anfang nahm. Häu­fig stand er vor dem nack­ten Nichts und muss­te dann Freun­de ver­zwei­felt um Hil­fe bit­ten, die sei­ne Schul­den bezahl­ten oder ihm die Rück­rei­se nach Russ­land ermög­lich­ten. Ein Jahr­zehnt war Dosto­jew­ski von die­ser fast selbst­zer­stö­re­ri­schen Sucht beses­sen, deren qual­vol­le Fas­zi­na­ti­on aber auch immer wie­der neue Antriebs­kräf­te und Krea­ti­vi­tät frei­setz­te. Dank sei­ner zwei­ten Ehe­frau Anna Gri­go­r­jew­na, die ihn auf sei­nen Rei­sen häu­fig beglei­te­te, und der Schlie­ßung sämt­li­cher Spiel­ca­si­nos durch die deut­sche Reichs­re­gie­rung zum Jah­res­wech­sel 1872/​73 fand Dosto­jew­ski zurück zu alter Schaf­fens­kraft auch ohne den Glücksspielstachel.

In der säch­si­schen Resi­denz­stadt Dres­den war Dosto­jew­ski län­ger als an jedem ande­ren Ort in Deutsch­land; die hier ver­brach­te Zeit betrug im Gan­zen fast zwei­ein­halb Jah­re. Neben den ersten Noti­zen für sei­nen Roman »Der Idi­ot« ent­stan­den in der Stadt an der Elbe auch meh­re­re Kapi­tel für »Die Dämo­nen«. Bei­de Roma­ne zäh­len heu­te zu den wich­tig­sten Wer­ken sei­nes Schaf­fens. Es sind vor allem die künst­le­ri­schen Ein­drücke der Gemäl­de­ga­le­rie, durch die Dres­den in Dosto­jew­skis Werk ver­ewigt ist. Bei sei­nen letz­ten Deutsch­land-Auf­ent­hal­ten Ende der 1870er Jah­re in Bad Ems arbei­te­te Dosto­jew­ski dann an sei­nen Roma­nen »Der Jüng­ling« und »Die Brü­der Karamasow«.

Obwohl Dosto­jew­ski in Deutsch­land das »Land mei­ner Sehn­süch­te und Träu­me« sah, hielt er die Bedeu­tung der euro­päi­schen Zivi­li­sa­ti­on für Russ­land für »histo­risch abge­schlos­sen«; viel­mehr begin­ne nun eine neue Epo­che der Rück­kehr zum »hei­mat­li­chen Boden«. Schon bei sei­nen ersten Besu­chen ist sei­ne Sicht stark geprägt durch sei­ne »rus­si­sche Idee«; bewusst wider­setzt er sich den über­wäl­ti­gen­den Ein­drücken des Westens und sei­ner mate­ri­el­len Errun­gen­schaf­ten. Im Gegen­satz zu den »West­lern«, die eine Euro­päi­sie­rung Russ­lands anstreb­ten, befe­stig­ten ihn die Auf­ent­hal­te in der Über­zeu­gung, dass Russ­land sei­nen eige­nen Weg zu gehen habe.

Anhand zahl­rei­cher Doku­men­te beleuch­tet Hiel­scher nicht nur Dosto­jew­skis Auf­ent­hal­te in sei­nem »Sehn­suchts­land«, son­dern auch den Zwie­spalt zwi­schen Erwar­tung und Rea­li­tät. Sein Ver­hält­nis zum zeit­ge­nös­si­schen Deutsch­land blieb von Res­sen­ti­ments geprägt – ganz im Gegen­satz zu sei­nem Riva­len Iwan Turgenjew.

Eine beein­drucken­de Fül­le an Mate­ria­li­en hat die Autorin recher­chiert: Brie­fe des Schrift­stel­lers, in denen er sich u. a. über die deut­schen Ver­hält­nis­se äußert, fer­ner die Tage­buch­no­ti­zen von Dosto­jew­skis zwei­ter Frau Anna Gri­go­r­jew­na, die die gemein­sa­men Auf­ent­hal­te gewis­sen­haft fest­hielt. Sogar die dama­li­gen Rei­se­füh­rer, die Dosto­jew­ski zur Pla­nung sei­ner Rei­sen benutz­te, hat Hiel­scher aus­fin­dig gemacht. Illu­striert wird das Insel-Taschen­buch durch zahl­rei­che histo­ri­sche Abbil­dun­gen, die die Archi­ve der deut­schen Kur­bä­der sowie das Lite­ra­tur­mu­se­um in Mos­kau zur Ver­fü­gung stellten.

Dosto­jew­ski selbst beein­fluss­te vie­le deutsch­spra­chi­ge Schrift­stel­ler – von Fried­rich Nietz­sche über Franz Kaf­ka, Her­mann Hes­se, Alfred Döblin bis hin zu Mar­tin Wal­ser. Sein Werk fas­zi­niert die deut­schen Leser noch heu­te, was die zahl­rei­chen Neu­erschei­nun­gen in die­sem Jubi­lä­ums­jahr bestätigen.

Kar­la Hiel­scher: Dosto­jew­ski in Deutsch­land, Insel Ver­lag, Ber­lin 2021, 290 S., 14,00 .