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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Frauenraub in Leipzig

Im Herbst, wenn das Wet­ter unge­müt­li­cher und man selbst etwas melan­cho­li­scher wird, darf man auch ein­mal über Ver­gäng­lich­keit sin­nie­ren. Pas­send dazu hat sich in Leip­zig ein denk­wür­di­ger Dieb­stahl ereig­net. Ent­wen­det wur­de eine 70 Kilo­gramm schwe­re Dame aus Bron­ze. Sie knie­te nackt am See und sah ver­träumt auf das Was­ser hinaus.

Die Figur zier­te einen Nah­erho­lungs­park, der irgend­wann nach dem Krieg auf dem Brach­land eines Braun­koh­le­ta­ge­baus geschaf­fen wor­den war: Wie­sen und Baum­grup­pen, dazu drei Seen und ein begrün­ter Hügel mit wei­tem Blick über die Mes­se­stadt. Dazu ein Spiel­platz, eine Ska­ter­bahn, Bän­ke und zahl­rei­che Skulp­tu­ren: eine klei­ne Wohl­fühl-Oase im Süden von Leip­zig. Enten, Schwä­ne, Rei­her – mor­gens las­sen sich hier sogar Rehe beobachten.

Aber die Idyl­le trügt. Der Kli­ma­wan­del macht sich auch hier mit aller Macht bemerk­bar. Der Schä­fe­r­ei­see und der Sil­ber­see, der dem Park sei­nen Namen gege­ben hat, lie­gen seit ein paar Jah­ren trocken. Eine Gras­land­schaft brei­tet sich in den lee­ren Sen­ken aus. Auch der drit­te und größ­te See, der oft irr­tüm­lich für den eigent­li­chen Sil­ber­see gehal­ten wird, aber tat­säch­lich ganz unspek­ta­ku­lär »Stau­teich Löß­nig« heißt, ver­klei­nert sich zuse­hends. Am Ufer lie­gen die stei­ner­nen Befe­sti­gun­gen bloß, ein Steg führt in die Luft, und Was­ser­vö­gel und Fische wer­den seltener.

Der Was­ser­man­gel ver­än­dert auch den Park. Bän­ke, die einst am See stan­den, zei­gen nun einen Blick auf Büsche. Skulp­tu­ren, die mit der Land­schaft inter­agier­ten, ste­hen plötz­lich dumm her­um. Wie die Bron­ze­da­me: Einst knie­te sie am Schä­fe­reit­eich, als ob sie im Was­ser ihr Spie­gel­bild such­te. »Was­ser­zau­ber« hieß das Kunst­werk. Zuletzt starr­te die Frau ein­fach nur in manns­ho­hes, trocke­nes Gras. Kei­ner weiß, wieso.

Ein Stück DDR-Land­schafts­ar­chi­tek­tur ver­lor so sei­ne Sinn­haf­tig­keit und wohl auch sei­ne Bedeu­tung für die Anwoh­ner. Dazu passt, dass sich der Dieb­stahl der Sta­tue kaum datie­ren lässt. Dort hin­ten, in das Gras, hat kaum einer noch geguckt. Ein stil­ler Abgesang.

Und nun? Der Mate­ri­al­wert der Bron­ze wird auf ein paar hun­dert Euro geschätzt. Viel­leicht ist die Frau schon längst zer­sägt und ein­ge­schmol­zen. Anders als die klei­ne Meer­jung­frau von Kopen­ha­gen, der immer mal von fehl­ge­lei­te­ten Ander­sen-Fans der Kopf abge­sägt wird, ist ein Ersatz wohl nicht ange­dacht. Die Figur war schon vor ihrem Dieb­stahl über­flüs­sig gewor­den. Der See ging ver­lo­ren und damit auch die künst­le­ri­sche Ufer­ge­stal­tung. Geblie­ben sind Bän­ke und Gras. Und ein lee­rer Sockel, der – anders als die Figur – nicht mehr erzäh­len kann, wie es hier ein­mal gewe­sen war.