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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Halluzinierende Vermüllung

Trotz star­ker sozia­ler Ver­wer­fun­gen hat es die all­ge­mei­ne Wohl­fahrt mit sich gebracht, dass sich die Lebens­er­war­tung der Bun­des­bür­ger in den zurück­lie­gen­den Jahr­zehn­ten deut­lich erhö­hen konn­te. So hat sich der Bevöl­ke­rungs­an­teil der über 80-Jäh­ri­gen wäh­rend der ver­gan­ge­nen 40 Jah­re mehr als ver­dop­pelt. Das ist genau jenes Seg­ment, das zuneh­mend in den Fokus von Gewinn­spiel­un­ter­neh­men gerät.

»Ich habe gewon­nen. Die­ses Mal ganz bestimmt.« Ganz auf­ge­regt und schwer atmend stand die uns seit Jahr­zehn­ten gut bekann­te 90-Jäh­ri­ge an der Haus­tür. Die Besu­che­rin ist allein­ste­hend und unbe­schol­ten. Sie lebt von einer beschei­de­nen Ren­te und kann noch mit bei­den Bei­nen, mit dem rech­ten aller­dings etwas fester als mit dem lin­ken, auf dem Boden der frei­heit­lich demo­kra­ti­schen Ord­nung ste­hen. Ihr Traum von einem Mann an ihrer Sei­te, mög­lichst gut­aus­se­hend und aus dem »Westen«, hat sich nicht erfül­len las­sen. Trotz ihres ein­ge­schränk­ten Seh­ver­mö­gens ver­geht kei­ne Woche, ohne dass sie ihr arg­lo­ses und schlich­tes Bild von die­ser Welt in den Hoch­glanz­fo­tos einer bun­ten Illu­strier­ten bestä­tigt sieht.

Wie­der nor­ma­le Atmungs­fre­quenz erlangt, prä­sen­tier­te die glück­li­che »Gewin­ne­rin« ein per »doku­men­tier­ter Zustel­lung« von »offi­zi­ell bestä­tig­ten Ver­sand­stel­len« an die »Lie­be Frau S.« gerich­te­tes, amt­lich erschei­nen­des Schrei­ben mit »wich­ti­gen, ter­min­ge­bun­de­nen Unter­la­gen«. Dar­in ent­hal­ten die »per­sön­lich zuge­teil­te« fro­he Bot­schaft: »Herz­li­chen Glück­wunsch zu Ihrem Garan­tie-Gewinn«. Natür­lich steu­er­frei und ver­erb­bar. Dazu gibt es noch als »offi­zi­el­le« Son­der­zu­tei­lung eine »spe­zi­el­le Jubi­lä­ums-Chan­ce« für eine Luxus­ka­ros­se, eine tol­le Rei­se oder eine exqui­si­te Immo­bi­lie. Beson­de­re Vor­freu­de hat­te bei ihr die »Spiel­be­rech­ti­gung« für eine Sofort­ren­te aus­ge­löst, für die vor­sorg­lich ein Über­wei­sungs­for­mu­lar mit­ge­lie­fert wor­den war. Alles zu haben für Los­e­in­sät­ze ab 10 € je Monat. Man brau­che nur noch das bei­gefüg­te For­mu­lar für den SEPA-Last­schrift­ein­zug zu unter­schrei­ben und – ganz wich­tig – heu­te noch abzuschicken.

Da wir uns zu die­sem »Glück« sehr reser­viert und eher abra­tend ver­hiel­ten, ver­wan­del­te sich die Eupho­rie unse­rer Besu­che­rin als­bald in Unver­ständ­nis, Ärger und belei­dig­ten Abgang. Aller­dings hat­ten wir die­ses Dra­ma bereits mehr­fach durch­ste­hen müs­sen. Und es bestand kein Zwei­fel, dass unse­re Bekann­te der­ar­ti­gen Hal­lu­zi­na­tio­nen wie eine Dro­gen­ab­hän­gi­ge prak­tisch hilf­los aus­ge­lie­fert war. Also blie­ben uns Wie­der­ho­lungs­ak­te sol­cher Sze­nen nicht erspart. Immer­hin war es inter­es­sant zu erle­ben, mit wel­cher Hart­näckig­keit und Inten­si­tät Gewinn­spiel­be­trei­ber ihre Kli­en­tel zu bear­bei­ten pfle­gen. Die wird gera­de­zu bom­bar­diert mit einer ver­wir­ren­den Flut von Ange­bo­ten und Ver­spre­chun­gen für »staat­lich garan­tier­te stünd­li­che Gewin­ne« beträcht­li­cher Geld­be­trä­ge, täg­li­che Sofort-Ren­ten, Traum­rei­sen, edle Sach­wer­te oder »kosten­lo­se Glücks­ta­ge«. Dazu gehö­ren ver­locken­de Offer­ten für »Jubi­lä­ums-Bestell­schei­ne« und die Teil­nah­me an »Mil­lio­nen­spie­len«, oder die drin­gen­de Regi­strie­rungs­emp­feh­lung für »Joker-Päs­se« betref­fend die Zie­hung »streng limi­tier­ter« Lose. Um Serio­si­tät zu doku­men­tie­ren, kann sich der Mit­spie­ler »amt­li­che« Gewinn­li­sten zustel­len las­sen. Über­haupt ist fast alles »amt­lich«. Das Gan­ze wird in pro­fes­sio­nell auf­ge­mach­ten, mehr­far­bi­gen und in rascher Fol­ge ein­tref­fen­den Bot­schaf­ten mit ver­wir­ren­der, schwer zu durch­schau­en­der Infor­ma­ti­ons­dich­te prä­sen­tiert. Im Ver­gleich zu sol­chen Wer­be­ma­te­ria­li­en liest sich die Packungs­bei­la­ge aus einer Medi­ka­men­ten­schach­tel wie ein Kindermärchen.

Nun ist im Prin­zip gegen die Teil­nah­me an Gewinn­spie­len, sofern sie nicht ver­bo­ten sind und sich Kun­den fin­den, die im Voll­be­sitz ihrer gei­sti­gen Kräf­te sind und wil­lent­lich den sehr wahr­schein­li­chen Ver­lust ihrer Ein­la­gen ver­schmer­zen kön­nen, nichts ein­zu­wen­den. Wenn sich die Akqui­si­ti­on jedoch gezielt an älte­re, ins­be­son­de­re hil­fe­be­dürf­ti­ge und allein­ste­hen­de Men­schen, die die Risi­ken sol­cher Enga­ge­ments gar nicht ein­schät­zen kön­nen, rich­tet, dann ist das ein scham­lo­ses Geschäfts­ge­ba­ren. Lei­der kann die­ser Unan­stän­dig­keit wohl nur mit Zuwen­dung und gedul­di­ger Auf­klä­rung der Betrof­fe­nen ent­ge­gen­ge­tre­ten werden.

Inzwi­schen hat unse­re Freun­din nicht davon ablas­sen kön­nen, sich mit min­de­stens einer Monats­ren­te an den Ein­nah­men ver­schie­de­ner Lot­te­rien zu betei­li­gen, natür­lich ohne nen­nens­wer­te Ren­di­te. Es hät­te noch schlim­mer kom­men können.