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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Eine Gutenacht-Geschichte

Neu­lich mal wie­der »Mar­kus Lanz« geguckt! Wie bei allen ande­ren Talk­shows: wenig Neu­es. Seit lan­gen nur zwei The­men: Coro­na-Imp­fe­ria­lis­mus und Putins Angriffs­krieg. Mas­ken, Impf­stoff, schwe­re Waf­fen. Die Mehr­heit derer, die mit Lanz die feste Über­zeu­gung lie­fern, der frei­heit­lich-kapi­ta­li­sti­sche Westen sei gegen­über dem Kriegs­ver­bre­cher Putin abso­lut im Recht, ist durch sorg­fäl­ti­ge Selek­ti­on der Talk­show-Gäste eben­so abso­lut gesi­chert. Ein­wän­de des aus dra­ma­tur­gi­schen und ideo­lo­gi­schen Grün­den meist dazu ein­ge­la­de­nen Abweich­lers (oder der Abweich­le­rin) wer­den groß­zü­gig als Irr­tü­mer gewer­tet, das heißt im Klar­text: Leu­te mit ande­rer Mei­nung wer­den zur Schnecke gemacht.

Irgend­wann hat­te ich mal eine Sen­dung ein­ge­schal­tet, ich weiß gar nicht mehr, ob es eine mit Lanz, Ill­ner oder Maisch­ber­ger war, ist ja auch egal, zu der jeden­falls aus­schließ­lich das brei­te Spek­trum der bun­des­deut­schen Lin­ken ein­ge­la­den wor­den war? In die­ser erin­ner­te ein Mar­xist oder eine Mar­xi­stin dar­an, dass es neben den bei­den ewig wie­der­hol­ten For­de­run­gen »noch mehr Waf­fen« und „noch mehr Diplo­ma­tie« auch noch eine wirk­li­che, das heißt garan­tiert wirk­sa­me und nach­hal­ti­ge Alter­na­ti­ve gibt. Neben den der­zeit dis­ku­tier­ten Mög­lich­kei­ten der Been­di­gung eines Krie­ges gibt es eine drit­te, eine histo­risch erprob­te. Wie wäre es denn, sag­te eine Stim­me der Links­par­tei – war es Jani­ne Wiss­ler? – wie wäre es denn, wenn die rus­si­schen Sol­da­ten ihre Waf­fen nicht län­ger gegen die Ukrai­ner und die ukrai­ni­schen Sol­da­ten ihre Waf­fen nicht mehr auf die Rus­sen rich­te­ten, son­dern die Arme­en bei­der Sei­ten ihre Waf­fen den eige­nen kriegs­füh­ren­den Regie­run­gen und Olig­ar­chen auf die Brust und sie ab-setzten?

Dann könn­ten sie sofort in Frie­dens­ver­hand­lun­gen ein­tre­ten, sich zusam­men­set­zen und über­le­gen, wie man die­se kapi­ta­li­sti­sche Olig­ar­chen­ma­fia, und mög­lichst nicht nur in der Ukrai­ne und in der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on, son­dern auch in den ande­ren von Kon­zern­in­ter­es­sen beherrsch­ten und gelenk­ten Staa­ten ein für alle Mal ent­mach­tet. Dazu müss­ten die­se ein­fa­chen Leu­te natür­lich ermu­tigt, orga­ni­siert, auf­ge­klärt wer­den. Wahr­schein­lich wür­de nicht nur die rus­si­sche und ukrai­ni­sche Bevöl­ke­rung bei einer sol­chen frie­den­stif­ten­den Revo­lu­ti­on begei­stert mit­ma­chen. Wahr­schein­lich auch vie­le ande­re weltweit.

Aber dann wach­te ich auf. Bit­ter ent­täuscht! Schon wie­der vor der Glot­ze ein­ge­schla­fen. Ich hat­te – so hät­te Mar­kus Lanz es sei­nem kriegs­mü­den Publi­kum erklärt – »nur schlecht geträumt«. Wäre ich sein Gast gewe­sen, hät­te ich Lanz ent­ge­gen­ge­hal­ten, dass es den mei­sten Men­schen auf die­sem Glo­bus sofort ein­leuch­ten wür­de, wenn er ihnen mit ent­spre­chend qua­li­fi­zier­ten Gästen erklä­ren wür­de, dass Mas­sen­auf­stän­de und poli­ti­sche Revo­lu­tio­nen gegen kapi­ta­li­sti­sche Olig­ar­chen und ihre Hand­lan­ger, die ein­zi­gen nach­hal­ti­gen Alter­na­ti­ven zu den Krie­gen sind, die im Namen west­li­cher Wer­te geführt werden.

Selbst­ver­ständ­lich wür­de Lanz sofort den erfah­re­nen Welt­mann Robin Alex­an­der auf mich los­las­sen, der mir – und dem erstaun­ten Publi­kum – erklä­ren wür­de, dass Lenin doch gar kei­ne Revo­lu­ti­on, also auch kei­nen Waf­fen­still­stand durch Revo­lu­ti­on hät­te bewerk­stel­li­gen kön­nen, wenn der Kai­ser, sei­ne Regie­rung und die kai­ser­li­che deut­sche Hee­res­lei­tung (Hin­den­burg und Luden­dorf) Lenin nicht 1917 heim­lich aus dem Schwei­zer Exil durch Deutsch­land nach Petro­grad geschleust hät­ten. Und Lenins Frie­den hät­te schließ­lich Sta­lins Dik­ta­tur ermöglicht.

Das wären The­men für auf­klä­re­ri­sche frei­heit­lich-demo­kra­ti­sche Talk­shows. Doch wer weiß das nicht: Die Frei­heit des öffent­lich-recht­li­chen Fern­se­hens endet in kapi­ta­li­sti­schen Demo­kra­tien, wo die Frei­heit der Kon­zer­ne und ihrer Haupt­ak­tio­nä­re beginnt. Des­halb wird ja auch nicht dar­über gere­det, dass die­ser Krieg der Krieg zwei­er kapi­ta­li­sti­scher Staa­ten ist, der zwi­schen dem impe­ria­li­sti­schen Aggres­sor Russ­land und dem vom impe­ria­li­sti­schen frei­en Westen ermu­tig­ten Pro­vo­ka­teur Ukrai­ne geführt wird. Kräf­tig ermu­tigt und unter­stützt von der Nato, den USA und der Euro­päi­schen Uni­on, weil es eben, wie allent­hal­ben zuge­ge­ben wird, ein Stell­ver­tre­ter­krieg ist, den die Ukrai­ner für unse­re west­li­chen Wer­te, gemeint ist unse­re kapi­ta­li­sti­sche Wohl­fahrts- und Aus­beu­tungs­de­mo­kra­tie, führen.

Wir sind offen­sicht­lich so stark und so reich gewor­den, dass wir es nicht mehr nötig haben, unse­re Wer­te selbst zu ver­tei­di­gen. Aber kann das gut­ge­hen? Eine gan­ze Bevöl­ke­rung in ein Söld­ner­heer zu ver­wan­deln und für unse­ren auf mas­si­ver Aus­beu­tung der roh­stoff­rei­chen Bil­lig­lohn­län­der der Welt beru­hen­den Wohl­fahrts­ka­pi­ta­lis­mus in einem Krieg zu schicken, der am Ende – und auch nur viel­leicht – zu gewin­nen wäre, wenn sich die Nato bzw. die USA mit ihren Atom­waf­fen­ar­se­na­len in die Kämp­fe ein­mi­schen? Und wäre das nicht der Drit­te Welt­krieg, den eigent­lich kei­ner gewin­nen kann, den die Mensch­heit ver­lie­ren würde?