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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Meinungsfreiheit in der Postdemokratie

Die For­de­rung nach Mei­nungs­frei­heit bzw. ein Recht dar­auf, setzt vor­aus, dass man über­haupt eine eige­ne Mei­nung hat – so in etwa for­mu­lier­te es schon Hein­rich Hei­ne. Das aber wie­der­um erfor­dert die Mög­lich­keit, sich eine sol­che Mei­nung bil­den zu kön­nen. Zu die­sem Zweck kämpf­te einst das sich eman­zi­pie­ren­de Bür­ger­tum für eine spe­zi­fi­sche Pres­se-Frei­heit, d. h. für von staat­li­cher Zen­sur befrei­te Pres­se­or­ga­ne, in der unter­schied­li­che Mei­nun­gen Aus­druck fin­den konn­ten. Aber man weiß gut 200 Jah­re spä­ter auch, dass es eine wirk­li­che Pres­se­frei­heit in der Pra­xis nie gab, denn seit­dem und solan­ge die Pres­se und alle Medi­en über­haupt, wirt­schaft­li­chen oder poli­ti­schen Inter­es­sen unter­ste­hen, gibt es kei­ne freie oder unab­hän­gi­ge Pres­se, kann es sie nicht geben. Kurt Tuchol­sky, der für vie­le unter­schied­li­che Orga­ne schrieb, kann­te den unter­schwel­li­gen »Ein­fluss unge­zähl­ter Inter­es­sen­grup­pen« nur zu gut: »Die Rei­he der Rück­sich­ten reißt nicht ab, die auf die Inse­ren­ten (…), die auf die Emp­find­lich­keit der Bür­ger« (1930). Tuchol­sky beschrieb die Funk­ti­on der Infor­ma­ti­on in der sich im 20. Jahr­hun­dert auch in Deutsch­land ver­brei­ten­den Mas­sen­pres­se so:

»Es ist die Ver­brei­tung der Igno­ranz durch die Tech­nik. Die­se auf­ge­reg­te Situa­ti­on ist ein getreu­es Abbild der Wirt­schafts­ord­nung, die sie her­vor­bringt. Eine lär­men­de Lan­ge­wei­le und ein tie­fes Unrecht dazu: eine Ver­schleie­rung der Wahr­heit und die Ablen­kung vom Wesent­li­chen« (Ignaz Wro­bel, Der neue Zei­tungs­stil, Die Weltbühne, 16.12.1924).

Tref­fen­der und kür­zer kann man auch die Wir­kung heu­ti­ger Medi­en kaum auf den Punkt bringen.

In Zei­ten über­wie­gen­den Frie­dens dient media­le Infor­ma­ti­on nach wie vor – als tra­gen­de Säu­le der Kul­tur­in­du­strie – dem Erhalt der öko­no­mi­schen und der staat­li­chen Ord­nung und ihrer Macht­eli­ten; im Krie­ge wird sie als Pro­pa­gan­da zu einer Waf­fe, die eben­so wich­tig ist, wie die im Fel­de. Die offi­zi­el­le Bericht­erstat­tung in Krie­gen unter­liegt aus­schließ­lich den Erfor­der­nis­sen des Mili­tärs. Das ist heu­te nicht anders als in allen vor­her­ge­gan­ge­nen Kriegen.

Wenn es, in sehr sel­te­nen Fäl­len, gelingt, die­se Mecha­nis­men auf­zu­decken – wie sei­ner­zeit durch die Pen­ta­gon Papers über den Viet­nam-Krieg (1971) und spä­ter durch soge­nann­te Whist­leb­lower, unter denen Juli­an Assan­ge der­zeit der berühm­te­ste und der am mei­sten gefähr­de­te ist –, dann zeigt sich beson­ders deut­lich, wie es um freie Mei­nungs­bil­dung, Pres­se­frei­heit und Demo­kra­tie in unse­ren west­li­chen Gesell­schaf­ten tat­säch­lich steht.

Wofür die USA Juli­an Assan­ge ver­ur­tei­len bzw. mit abschrecken­der Wir­kung ver­nich­ten wol­len, sein »Ver­bre­chen« also, ist nichts ande­res, als der Öffent­lich­keit Infor­ma­tio­nen ver­mit­telt zu haben, die geheim blei­ben soll­ten, weil sie die wah­ren bru­ta­len Macht­struk­tu­ren in west­li­chen Demo­kra­tien offen­le­gen. Die gegen Assan­ge erho­be­ne Ankla­ge wegen Spio­na­ge erin­nert auch an den Welt­büh­nen-Pro­zess 1931, in dem Carl von Ossietzky wegen Hoch­ver­rats ver­ur­teilt wur­de, nach Berich­ten über die gehei­me Auf­rü­stung der Reichswehr.

Der pre­kä­re Sta­tus der Mei­nungs­frei­heit wird heu­te auch wie­der in Ita­li­en deut­lich, wo es in den ersten fünf­zig Nach­kriegs­jah­ren noch ein rela­tiv brei­tes Spek­trum an ver­öf­fent­lich­ten Mei­nun­gen gab, nicht zuletzt dank einer viel­fäl­ti­gen Par­tei­en-Pres­se. Letz­te­re schwand mit den Par­tei­en und der zuneh­men­den Ver­en­gung aller demo­kra­ti­schen Spiel­räu­me seit der Ber­lus­co­ni-Ära, deren Epi­log man in der aktu­el­len Regie­rungs­kri­se sieht.

Tere­sa Sci­ac­ca berich­te­te in Ossietzky 13/​22 bereits über die am 6. Juni im renom­mier­ten Cor­rie­re del­la Sera aus Mai­land ver­öf­fent­lich­te und um Fotos ergänz­te Namens­li­ste von angeb­li­chen ita­lie­ni­schen »Putin-Freun­den«, soge­nann­ten puti­nia­ni, die auf die­se Wei­se öffent­lich an den Pran­ger gestellt wur­den. Eine bedroh­li­che Äch­tung Andersdenkender.

Aus­ge­rech­net Ver­tre­ter der Demo­kra­ti­schen Par­tei Ita­li­ens (Par­ti­to Demo­cra­ti­co, kurz PD) sowie der poli­ti­schen Grup­pie­rung »+ Euro­pa« haben inzwi­schen wei­te­re Intel­lek­tu­el­le, Histo­ri­ker, Künst­ler und nam­haf­te Pres­se- und Fern­seh-Jour­na­li­sten benannt, die in einer »Stu­die« der bei­den Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen Feder­a­zio­ne Ita­lia­na Dirit­ti Uma­ni und Open Dia­lo­gue eben­falls als »Putin-Freun­de« ver­teu­felt wur­den; als Per­so­nen, die »für das Ein­drin­gen rus­si­scher Des­in­for­ma­ti­on in Ita­li­en« ver­ant­wort­lich sei­en. Zu den Genann­ten gehö­ren so renom­mier­te Ver­tre­ter der Öffent­lich­keit wie der Histo­ri­ker Ales­san­dro Bar­be­ro, die Jour­na­li­stin und Poli­ti­ke­rin Bar­ba­ra Spi­nel­li, der RAI-Kor­re­spon­dent Marc Inna­ro oder der Jour­na­list, Schrift­stel­ler und TV-Mode­ra­tor Cor­ra­do Augi­as. Auch Oli­ver Stone gehört zu den Ange­pran­ger­ten und – last but not least – sogar Papst Fran­zis­kus! Trotz diver­ser Pro­te­ste ver­brei­ten füh­ren­de Zei­tun­gen wie La Repub­bli­ca und La Stam­pa eini­ge Namen wei­ter. Cor­ra­do Augi­as zum Bei­spiel geriet auf die Liste, weil er in einer Fern­seh­sen­dung gesagt hat­te, dass man sich auch die histo­ri­schen Grün­de vor Augen hal­ten müs­se, die den rus­si­schen Dik­ta­tor zu sei­ner Aggres­si­on gegen die Ukrai­ne moti­viert haben könnten.

Die Fra­ge ist, wel­ches Ziel die­se unde­mo­kra­ti­schen Angrif­fe haben. Ange­sichts wach­sen­den Unmuts in der Bevöl­ke­rung über den auto­ri­tä­ren Stil einer Regie­rung, die dem Par­la­ment kaum rea­le Mit­spra­che ein­räumt, nicht ein­mal bei Ent­schei­dun­gen über Krieg und Frie­den, sol­len offen­sicht­lich Gren­zen gegen uner­wünsch­te Mei­nun­gen gezo­gen und die noch selbst­stän­dig Den­ken­den bestraft wer­den, mit abschrecken­der Wir­kung für alle. Die Denk-Gren­zen sind defi­niert durch die Vor­ga­ben der Nato bzw. die US-Inter­es­sen im Ukrai­ne-Krieg, denen der im Juli zurück­ge­tre­te­ne Regie­rungs­chef Draghi bis­her ohne Wenn und Aber folg­te. Und an die­sen Vor­ga­ben und Inter­es­sen sol­len öffent­lich weder Zwei­fel noch gar Kri­tik geäu­ßert wer­den – denn auch Ita­li­en befin­det sich ja de fac­to im Krieg. Sie­he oben. Eben­falls ver­brei­tet wur­de und wird die Gleich­set­zung des Wider­stan­des der Ukrai­ner gegen die rus­si­sche Inva­si­on mit dem der anti­fa­schi­sti­schen Resi­sten­za gegen Nazi­deutsch­land – selbst Staats­prä­si­dent Mattarel­la zitier­te ange­sichts des Ein­mar­sches der Rus­sen in die Ukrai­ne am 24. Febru­ar 2022 die Zei­le aus Bel­la Ciao, der Hym­ne der ita­lie­ni­schen Resi­sten­za: »… eines Mor­gens erwach­te ich und fand den Inva­sor, den Ein­dring­ling vor«. Dage­gen ver­wahr­te sich mit der gro­ßen Mehr­heit ihrer poli­tisch durch­aus unter­schied­li­chen Mit­glie­der die lan­des­weit prä­sen­te und hoch geach­te­te Natio­na­le Ver­ei­ni­gung der Par­ti­sa­nen Ita­li­ens, die ANPI (Asso­cia­zio­ne Nazio­na­le Par­ti­gia­ni d’Italia) mit fun­dier­ten Argu­men­ten gegen die völ­lig unver­gleich­ba­re histo­ri­sche Kon­stel­la­ti­on. Die rech­te Pres­se, seit Jah­ren bemüht, den anti­fa­schi­sti­schen Grund­kon­sens der ita­lie­ni­schen Ver­fas­sung zu dis­kre­di­tie­ren, schlug prompt vor, das »P« in ANPI mit puti­nia­ni, mit Putin­freun­de, zu beset­zen. Ein wei­te­rer Anschlag auf den Anti­fa­schis­mus, ein wei­te­rer Ver­such, ihn als über­flüs­sig erschei­nen zu las­sen. Zumal die Ex-Faschi­sten immer drei­ster ihren Anspruch auf die Regie­rungs­macht im Staat anmelden.

Inzwi­schen rech­nen vie­le damit, dass die­ser Krieg noch lan­ge, sehr lan­ge dau­ern wird. Das Volk wird auf Kriegs­wirt­schaft und aufs Durch­hal­ten ein­ge­schwo­ren. Aber längst steht eine Mehr­heit der Ita­lie­ner dage­gen – bei wei­tem nicht alles dezi­dier­te Pazi­fi­sten, son­dern eher skep­ti­sche Rea­li­sten, die nicht bereit sind, Unsum­men Steu­er­gel­der in Auf­rü­stung und Zer­stö­rung zu stecken, Gel­der, die dem Land für das Nötig­ste fehlen.

Schon seit dem Ende des letz­ten Jahr­hun­derts befin­den wir uns im Krieg. Seit der Nato-Dok­trin von 1999 – zur Bekämp­fung dif­fu­ser glo­ba­ler Bedro­hun­gen mit einer »hybri­den Kriegs­füh­rung«, also einer Misch­form von offe­nen und ver­deck­ten Ein­mi­schun­gen, mili­tä­ri­schen Über­fäl­len oder Atten­ta­ten, mit der Anwen­dung von regu­lä­ren und irre­gu­lä­ren, sym­me­tri­schen und asym­me­tri­schen, mili­tä­ri­schen und nicht-mili­tä­ri­schen Kon­flikt­mit­teln – leben wir in einem glo­ba­len Kriegs­zu­stand mit unge­zähl­ten Mili­tär­ein­sät­zen und Geheim­ope­ra­tio­nen welt­weit. Papst Fran­zis­kus pran­gert das seit lan­gem an. Neo­li­be­ral-mili­tä­ri­scher Neu­sprech wie »huma­ni­tä­rer Ein­satz« oder »responsa­bi­li­ty to pro­tect« und Euphe­mis­men wie »Frie­dens­si­che­rung«, »Kol­la­te­ral­scha­den«, »Grenz­schutz­agen­tur« oder auch Putins »Son­der­mi­li­tär­ope­ra­ti­on« sol­len den Dau­er­kriegs­zu­stand erträg­lich machen, domi­nie­ren die media­len Dis­kur­se und zuneh­mend die Gehir­ne. Wir, hier in West­eu­ro­pa, haben die­sen glo­ba­len Krieg bis­her nicht wirk­lich bemer­ken wollen.

Erst die end­lo­sen TV-Bil­der aus dem Ukrai­ne-Krieg schei­nen uns die Grau­en eines Krie­ges wie­der nahe­zu­brin­gen – und reak­ti­vie­ren bei den Älte­ren kol­lek­ti­ve Erin­ne­rung. Aber der Krieg als offen­bar unver­än­der­ba­rer Grund­zu­stand wird im öffent­li­chen Dis­kurs kaum in Fra­ge gestellt, son­dern im Gegen­teil: Mit den Ruf nach immer mehr Waf­fen wird der »tota­le Krieg« in den Raum gestellt – sogar ein­schließ­lich extre­mer Eska­la­ti­ons­ge­fah­ren. Eine der ersten Mah­nun­gen, die Ursu­la von der Ley­en, die gepan­zer­te Prä­si­den­tin der EU-Kom­mis­si­on, ange­sichts der jüng­sten römi­schen Regie­rungs­tur­bu­len­zen aus­sprach, war denn auch die, an der bis­he­ri­gen Ukrai­ne-Poli­tik Ita­li­ens und ihren Waf­fen­lie­fe­run­gen dür­fe sich auch mit einer neu­en Regie­rung nichts ändern.